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Armee des Hungers

Wenn es Abend wird, kommen sie. Regelmäßig immer um achtzehn Uhr, und es werden täglich mehr. Wie eine Armee strömen sie in die Hauptstadt Argentiniens. Aus allen Vororten rollen lange Kolonnen alter LKWs, Pferdekutschen, Kühllastwagen, ausrangierter Busse und Züge in die Stadt. Sie sind vollgepfercht mit Menschen und Karren. Zielstrebig fahren sie auf bestimmte Straßenecken zu und laden ihre „Fracht“ aus. Ein ganzes Heer Arbeits- und Hoffnungsloser zieht dann schnellen Schrittes durch die Straßen von Buenos Aires, den Blick gesenkt hinter hochaufgetürmten Wagen. Familien von den Großeltern bis zu den Enkeln sammeln Papier, Dosen und Essbares aus dem, was andere weggeworfen haben. Mit bloßen Händen öffnen sie in Windeseile Müllbeutel für Müllbeutel am Straßenrand, suchen Verwertbares raus und schließen den Sack wieder. Um zu überleben, gilt es, schneller als die Müllabfuhr zu sein.
Wie eine stille Armee, die am liebsten unentdeckt bliebe, arbeiten sie. Eine Armee, die mit dem Würdelosesten um Würde kämpft. Sie sind die wahren Verlierer der Wirtschaftskrise in Argentinien. Arbeitslos geworden, bleibt ihnen nichts anderes, als vom Wiederverwertbaren der Gesellschaft zu (über)leben.
Cartoneros gibt es schon lange in Argentinien. Neu ist, dass dies der einzige „Berufszweig“ im Aufschwung ist. Ein bitterer Aufschwung freilich, der der argentinischen Gesellschaft den Spiegel vorhält. Der Müll verkörpert heute für viele die einzige Hoffnung, nicht in die Kriminalität abrutschen zu müssen. Das Land kann nicht länger von sich glauben, in der „Ersten Welt“ angekommen zu sein. Buenos Aires mit seinem Glitzer und Glimmer, mit seinem Weltstadtgetöse, entblößt sich als Fassade. Die Armut hat seit jeher in unmittelbarer Nachbarschaft zu den städtischen Zentren gewohnt. Heute dringt sie, getrieben vom Hunger, alltäglich nach Sonnenuntergang bis ins Zentrum vor und erinnert die Porteños, die Einwohner von Buenos Aires, daran, in welcher Seifenblase sie wohnen.

Vom Heer der Arbeitslosen zur Armee der Müllsammler

Im Dezember vegangenen Jahres brach Argentiniens Wirtschaft nach vier Jahren Rezession endgültig zusammen. Das Land erklärte sich mit über 140 Milliarden US-Dollar Schulden zahlungsunfähig. Innerhalb von sieben Tagen zogen vier verschiedene Präsidenten in die Casa Rosada ein. Vor deren Türen wütende Proteste, Plünderungen, der Ausnahmezustand, Tote. Die Krise traf vor allem die Mittel- und die Unterschicht. Die Abwertung des Peso, der bis Anfang des Jahres an den Dollar gekoppelt war, trieb die Hälfte der argentinischen Bevölkerung in die Armut. Über 21 Prozent beträgt die offizielle Arbeitslosenquote, die Dunkelziffer wird weit höher liegen. Im Fernsehen werden heute Arbeitsplätze als TV-Gewinn verlost, seit Monaten campieren Gläubige vor der Kirche des Schutzpatron der Arbeit San Cayetano in Buenos Aires und erst im September bewarben sich an nur einem Tag mehr als 10.000 Personen, viele von ihnen mit Universitätsabschluss, für nur 350 Stellen in einer Supermarktkette in der Stadt Mendoza. Mehr als ein Viertel der Arbeitssuchenden hat die Hoffnung inzwischen aufgegeben, eine ordentliche Stelle zu bekommen, und hält sich mit Hilfsarbeiten oder selbst erfundenen Jobs über Wasser. Deren größte Fraktion sind die cartoneros. „Ihre Arbeit entsteht aus der Arbeitslosigkeit“, sagt der Anthropologe Francisco Suárez von der Universität General Sarmiento. Nach seinen Schätzungen leben derzeit in ganz Argentinien über 500.000 Menschen vom Müll. Die Hälfte der heutigen Müllsucher war noch vor einem Jahr in Lohn und Brot. Ihre Schicksale ähneln sich auf fatale Weise. „Ich habe als cartonera angefangen, als mein Mann vor einem halben Jahr seinen Job in einem Supermarkt verlor“, erzählt die 32-jährige Viviana. Mit ihrem 12-jährigen Sohn sammelt sie Papier und Karton im schicken Stadteil Belgrano. Neben ihr arbeitet Ramona. Der robusten Frau mit den indigenen Gesichtszügen wurde nach der Kündigung in einem Altersheim zudem der Lohn mehrerer Monate Arbeit vorenthalten. Nun bleibt ihr nur noch der Abfall auf der Straße. Auch Juan Carlos wurde Müllsammler nach einem Schicksalsschlag. „Ich arbeitete als Taxifahrer, bis mir das Auto geklaut wurde“, erzählt der 50-Jährige. Arbeit zu finden, sei utopisch, meint er. Der einzige Ausweg ist der Müll. „Sollen sie mich einen dreckigen Bettler nennen, aber nicht Dieb“, sagt er. Viviana widerspricht: „Wir sind keine Bettler, wir arbeiten wie jeder andere auch.“

Fünf Centavos für ein Kilo Abfall

Was die cartoneros mit ihrer Arbeit verdienen, reicht allerdings gerade zum Überleben, nicht zum Leben. Zwischen 40 und 50 Kilogramm Papier, Karton, Plastik und Aluminium sammeln sie pro Nacht ein. Bei einem Verkaufspreis von fünf Centavos das Kilo kommen sie auf einen Monatslohn von 150 bis 200 Peso ( 42 – 55 Euro). Wer Glück hat, findet Kleidung oder ähnlich Brauchbares. Essensreste werden zu Hause mit Spülmittel gewaschen und selbst verzehrt. Cartoneros leben unterhalb der Armutsgrenze, die bei 230 Peso (64 Euro) pro Person liegt.
Dabei ist der Müll eigentlich ein hervorragendes Geschäft, auf das viele aufzuspringen versuchen. Über 200 Millionen Peso (55 Mio. Euro) gibt die Regierung der Stadt Buenos Aires jährlich für die Müllabfuhr aus. Das sind zehn Prozent ihres Gesamthaushaltes. Seit sich jedoch die cartoneros ihren Teil nehmen, geht die Müllabfuhrlobby auf die Barrikaden. Sie werden pro Tonne entsorgten Mülls bezahlt und spüren die Recyclingarbeit der cartoneros zunehmend. Denn fast ein Viertel des Mülls landet inzwischen nicht mehr auf den Halden rund um Buenos Aires, sondern auf den Waagen von Zwischenhändlern, die den gesammelten Karton, die Flaschen und Dosen wiederum an Recyclingfirmen weiter verkaufen.
Dass ihre Arbeit nicht gern gesehen wurde, bekamen die cartoneros vor allem in der Anfangszeit zu spüren. Polizeirazzien, bei denen die Karren beschlagnahmt und der Karton verbrannt wurden, waren an der Tagesordnung. Denn eigentlich ist die Tätigkeit der cartoneros illegal. Vielen blieb als Gegenwehr deshalb nichts anderes übrig, als sich zusammenzuschließen. Heute ist Buenos Aires in verschiedene Distrikte aufgeteilt, die Zonen wurden untereinander vergeben, Hin- und Rücktransport in LKWs organisiert. Nur so kommt ausreichend Geld zusammen, wenn die Polizei wieder bestochen werden will oder Widerstand organisiert werden soll. „Wir sind auf alles vorbereitet“, erzählt ein cartonero, der anonym bleiben möchte. Der Mann, der beim LKW neben der Waage Wache hält, hat Benzinkanister immer zur Hand. „Wenn die Polizei kommt, zünden wir alles an. Aber sie können uns von hier nicht vertreiben. Wir sind mehr als 200 in der Zone, und es gibt kein Essen, keine Arbeit. Wie wollen sie uns vertreiben?“

Organisierte Illegalität

Die Not und das massive Auftreten der cartoneros sind inzwischen so groß geworden, dass die Regierung der Stadt Buenos Aires nicht umhin konnte, Verhandlungen mit der größten Kooperative der Kartonsammler, El Ceibo, aufzunehmen. Es wird untersucht, wie ab dem kommenden Jahr die Tätigkeit der cartoneros in die Müllentsorgung eingebunden werden kann. Der Großteil der Bevölkerung solidarisiert sich ohnehin mit den Müllsuchern. Sie wissen, es könnte auch sie treffen. Nach Umfragen des Meinungsforschungsinstituts CEOP hält die Mehrheit der Porteños die cartoneros für ehrliche Arbeiter, deren Tätigkeit die Not geboren hat. Viele trennen schon heute freiwillig ihren Müll, um den cartoneros die Arbeit zu erleichtern. Vor allem Essensreste werden gesondert verpackt. Auch Müllfahrer drehen entgegen den Interessen ihrer Auftraggeber noch häufig eine Runde um den Häuserblock, wenn sie auf cartoneros stoßen. „Ich kann ihnen ihr Essen nicht einfach vor der Nase wegnehmen“, sagt der 32-jährige José in der grünen Uniform der Müllabfuhr.
Von der Stadtregierung gibt es den Plan, gemeinsam mit den großen Supermarktketten und in den städtischen Bürgerbeteiligungszentren (CGP) verschiedene Müllbeutel für Papier, Plastik und Dosen auszugeben. Bereits seit dem ersten Oktober sollen nun die Porteños Papier und Pappen vom Restmüll separieren, zunächst auf freiwilliger Basis. Dazu lässt die Stadtverwaltung grüne Müllbeutel verteilen, so dass diese Abfälle vom Restmüll getrennt auf die Straße gestellt werden können.
Schon Mitte des Jahres musste auf Grund des massenhaften Auftretens der cartoneros reagiert werden. Die Vorortzüge fassten die Menge mit ihren Wagen und Karren nicht mehr, die keinen LKW oder Pferdekarren haben, um in die Stadt zu kommen. Passagiere beschwerten sich. Jetzt gibt es eigens einen Zug für die Kartonsammler. Doch der „tren blanco“, der „weiße Zug“, ist alles andere als weiß. Es ist ein Gespensterzug. Aus den ausrangierten Wagons der privaten Eisenbahngesellschaft TBA wurden die Sitze rausgerissen, um Platz für die Karren zu schaffen. Scharf ragen die übrig gebliebenen Metallkanten in die Luft. Die Fenster sind zerbrochen, der Fußboden löchrig, es gibt keine Türen mehr. Um 18 Uhr fährt dieser Zug in der Station José León Suárez in der Provinz los. Schon eine Stunde vorher ist der Bahnsteig voll. Geduldig warten ganze Familien darauf, sich mit ihren Wagen hineinzwängen zu können. Sie müssen 10,50 Peso monatlich für diesen Transport bezahlen. Um 23 Uhr geht es dann vom Stadtzentrum wieder zurück. Wer den Zug verpasst, muss an irgendeiner Straßenecke übernachten oder stundenlang nach Hause laufen.

Einsparung von Importen

Doch nicht aus Barmherzigkeit wird den Ärmsten der Armen geholfen. Ihre Arbeit spart Unmengen an Importkosten. Noch im Jahr 2001 gab Argentinien alleine für den Papierimport 100 Millionen US-Dollar aus. Seit Anfang dieses Jahres hat sich auf Grund der Entwertung des Peso der Papierwert verdreifacht. Fransisco Suárez von der Universität General Sarmiento erklärt: „Zu Zeiten der Konvertibilität war es billiger, Papier aus Brasilien und Blech aus Chile zu kaufen als es hier zu recyceln. Jetzt ist es umgekehrt.“ Möglicherweise wird in der nächsten Zeit die Recycling-Industrie einer der wenigen Wirtschaftszweige sein, die von der Krise profitieren.
Ungewollt bringt damit die Armut der cartoneros einen Beitrag zum Umweltschutz des Landes. Doch das ist das Letzte, woran die Kartonsammler bei ihrem nächtlichen Streifzug durch die Straßen von Buenos Aires denken. Gewinnen werden durch ihre Arbeit ohnehin wieder die anderen. Für sie geht es nur ums nackte Überleben.

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