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Unerwünschter Umzug

Die Ankündigung kam überraschend: Der deutsche Mahle-Konzern, einer der führenden Hersteller von Komponenten und Systemen für Verbrennungsmotoren, beschloss nach Monaten der Kurzarbeit, seine Niederlassung in der argentinischen Provinz Rosario zu schließen und das Werk nach Brasilien zu verlegen. Nach Aussagen der Geschäftsführung sei die Produktion dort günstiger. Für die knapp 500 argentinischen Angestellten und ihre Familien bedeutet die Produktionsverlagerung jedoch den Verlust ihrer finanziellen Lebensgrundlage. So ließ ihr Protest nicht lange auf sich warten.
Denn der Konflikt zwischen dem deutschen Autozulieferer und der argentinischen Belegschaft dauert nun schon seit fast eineinhalb Jahren. Zählebige Streitpunkte waren vor allem durch die Unternehmensführung durchgesetzte Lohnkürzungen, veränderte Arbeitszeitregelungen und Einsparungen bei den Sozialleistungen. Nach anhaltenden Spekulationen um eine mögliche Werksverlagerung von Argentinien nach Brasilien, wurden die Vermutungen Ende April dieses Jahres von der Geschäftsführung in Deutschland bestätigt.
Der Konzern, der seit 1950 in Argentinien ansässig ist, produziert Motorteile und beliefert damit die großen Autohersteller. Der Hauptsitz der Mahle-Gruppe befindet sich in Stuttgart. Ursprünglich handelte es sich um eine kleine regionale Firma, die nur für den deutschen Markt produzierte. Heute hat Mahle weltweit mehr als 100 Produktionsstandorte in über 25 Ländern. Aufgrund der Finanzkrise sieht sich der Konzern nun nach eigenen Aussagen gezwungen, weltweit rund zehn Prozent der knapp 49.000 Stellen zu streichen. Bei über fünf Milliarden Euro Umsatz betrug der Gewinn des Unternehmens 2008 22 Millionen Euro. Im Vorjahr hatte der Gewinn noch bei 223 Millionen Euro gelegen. Für das erste Halbjahr 2009 rechnet der Konzern sogar mit roten Zahlen. Außer in Argentinien sollen auch in Deutschland und Frankreich zahlreiche Arbeitsplätze abgebaut werden.
Dies zog den Zorn der ArbeiterInnen nach sich. Da diese sich zudem vom argentinischen Staat und der Metallarbeitergewerkschaft UOM im Stich gelassen fühlten, entschieden sie sich für eine friedliche Besetzung der Fabrik in Rosario. So wollten sie gegen die Entscheidung protestieren und für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze kämpfen. Den vorläufigen Höhepunkt der Demonstrationen bildeten die Versammlungen am ersten Maiwochenende. Neben den ArbeiterInnen und ihren Familien erschienen auch lokale PolitikerInnen, wie zum Beispiel der Arbeitsminister der Provinz Santa Fe, Carlos Rodríguez, und dessen Vize-Ministerin Alicia Ciciliani. Beide sprachen sich für die Sicherung der Arbeitsplätze aus und sagten den ArbeiterInnen ihre Unterstützung zu.
Auf den medienwirksamen Kampf der ArbeiterInnen ist es auch zurückzuführen, dass die Regierung erste Zugeständnisse machte. Sie sucht nach einem geeigneten Unternehmen, das die Werkstätte und damit auch die ArbeiterInnen übernehmen will. Inzwischen haben mehrere Unternehmen ihr Interesse bekundet. Als bisheriger Favorit bei den Verhandlungen gilt der argentinische Autohersteller Taranto. Sollte es zu einer Vertragsunterzeichnung kommen, könnte das Werk laut Antonio Caló, dem Sprecher der UOM, schon innerhalb von wenigen Wochen wieder seine Pforten öffnen.

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