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Auf dem Boden der Tatsachen

Leonardo Padura, geboren 1955, gehört zu jener Generation von Kindern und Jugendlichen der Castro-Ära, die als erste zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ erzogen werden sollten. In Ein perfektes Leben nimmt er die Erfahrungen dieser Generation mit bitterem Humor. Schon der Titel seines Buches steckt voller Ironie. Die zentrale Figur jedenfalls ist kein perfekter Erfolgstyp, im Gegenteil. Mario Conde, Ermittlungsbeamter bei der Kriminalpolizei von Havanna, „fragte sich, was er aus seinem Leben gemacht hatte. Immer wenn er über die Vergangenheit nachgrübelte, hatte er das Gefühl, dass er nichts war und nichts hatte. Vierunddreißig Jahre alt und zwei gescheiterte Ehen hinter sich.“ So etwas sagt kein Vorzeigekader.
Conde wird mit einem Fall beauftragt, der ihn zwingt, sich mit den Illusionen und Desillusionierungen seiner Vergangenheit erneut auseinander zu setzen: Ein leitender Wirtschaftsfunktionär ist verschwunden, Rafael Morín, Vizeminister im kubanischen Industrieministerium und verantwortlich für die Import-Export-Abteilung. Nicht an einem beliebigen Datum, sondern am 1. Januar 1990 (die revolutionären Truppen zogen am selben Tag des Jahres 1959 siegreich in Havanna ein). Noch dazu ist der Vermisste für Mario Conde ein alter Bekannter: Er ging mit ihm auf dieselbe Schule.
Auf Rafael Morín passt der Titel des Buches schon besser. Er ist der regimetreue Aufsteiger, der sich als Schülersprecher nicht für deren Interessen, sondern für die der Schulleitung eingesetzt hat; er hat es bis an die Spitze der kubanischen Wirtschaftspolitik geschafft und bekommt von allen in Sachen Glaubwürdigkeit und Hilfsbereitschaft die besten Noten. Dabei bleibt es allerdings nicht. Mario Conde findet heraus, dass Rafaels Leben eher unvollkommen gewesen ist, und die Hülle dieser vorbildlichen sozialistischen Politikerbiographie fällt am Ende schlaff in sich zusammen.
Padura überrascht mit dem Kriminalfall nicht. Weder entpuppt sich das Motiv als originell, noch die Art und Weise, wie Mario dahinter kommt. Nachdem Rafaels Büroakten überprüft worden sind und ihm Korruption nachgewiesen werden kann, ergibt sich der Rest fast von allein. Aber lassen wir uns nicht täuschen: Nur auf den ersten Blick ist dieses Buch ein Krimi. Ähnlich wie bei Manuel Vázquez Montalbán, der mit seiner Pepe-Carvalho-Serie eine Gesellschaftsgeschichte des spät- und postfrankistischen Spaniens geschrieben hat, dient auch bei Padura die Krimi-Struktur vor allem dazu, dem Stoff einen Rahmen zu geben und die Aufmerksamkeit der Leser wachzuhalten. Man schläft aber auch so nicht ein.

Ein bemerkenswertes Generationenporträt

Ein perfektes Leben ist ein bemerkenswertes Generationenporträt, das ohne die holperigen Ermittlungen noch überzeugender wäre. Einfühlsam verfolgt Padura die – mehr oder weniger gebrochenen und verbogenen – Biographien von der gemeinsamen Schulklasse an bis in die morbide Gegenwart. Da gibt es Carlos, den „Dünnen“, der nicht mehr dünn ist, sondern ein im Rollstuhl vor sich hinsterbender Fettkloß – als Soldat in Angola hat ihn eine Kugel ins Rückenmark getroffen. Untauglich für ein „perfektes Leben“ in Rafaels Sinne, verfügt doch gerade er über ein „Lachen, das aus den Tiefen der Eingeweide aufsteigt und den Rollstuhl zu Tode erschreckt, das Wände niederreißen … und Türen aufstoßen kann“. Oder Tamara: Sie ist Rafaels Frau und nicht ganz unverdächtig an seinem Verschwinden. Zugleich war sie, die auch zu jener alten Schulklasse gehörte, Marios unerfüllte Liebe. Die delikaten Ermittlungsgespräche schwanken zunächst zwischen Bestürzung und Befangenheit, lassen Tamaras Frust über den aalglatten, uninteressant gewordenen Ehemann erkennen, zeigen ihre bequemliche Abhängigkeit vom Wohlstand des Reisefunktionärs, verschieben sich dann immer weiter ins Private und verlieren sich schließlich im Bett.

Abgesang auf hehre Ideale

Ganz anders entwickeln sich die Dinge für René Maciques, Rafaels Stellvertreter in der Wirtschaftsbehörde. Der Naive „Ich weiß von nichts“ beweist sich als eloquenter Phrasendrescher und wird schließlich als handfester Krimineller überführt. Nach und nach entfaltet Padura auf diese Weise ein menschliches Panorama der siebziger und achtziger Jahre und ist dabei überzeugend vielfältig. Zugleich ertönt immer lauter, je deutlicher die Verfehlungen Rafael Moríns ans Licht treten, ein Abgesang auf die hehren Ideale vom „perfekten Leben“, vom „neuen Menschen“. Diejenigen, die sich ohnehin schon immer als imperfekte Wesen begriffen hatten, sehen mit Staunen, wozu ein vermeintlicher Saubermann fähig ist, auch wenn sie ihn nie leiden konnten. Und jene, die an Rafael geglaubt hatten, fallen aus allen Wolken.
Padura hat eine konventionelle, literarisch wenig riskante Struktur gewählt: Mal sind es Marios innere Monologe, etwa bei der Betrachtung eines Schulfotos, mal sind es Gespräche mit den Beteiligten, die nach und nach die Rätsel um Rafael Morín lösen. Allerdings heißt konventionell nicht langweilig, im Gegenteil. Dass Padura für seine Zeitungsreportagen in Kuba berühmt ist, wie der Klappentext informiert, leuchtet sofort ein. Er beherrscht es perfekt, einem Abschnitt, einem Dialog, einem Szenenwechsel Spannung zu geben. Im Mittelpunkt aller dieser Szenen steht die Frage: Wer sind wir, die KubanerInnen am Beginn des Jahres 1990? Genauer: Wer sind wir angesichts dieses makellosen Funktionärs Rafael Morín, der – anscheinend – als Einziger so geworden ist, wie wir alle hätten werden sollen?
Die Antwort darauf zu geben hieße, das Buch passagenweise abzuschreiben. Gemeinsam ist allen die Anerkennung von Realität auf Kosten von Idealen, die einst Utopien gewesen sein mögen, aber für die einen zu Illusionen, für andere zu Machterhaltungsinstrumenten verkommen sind. Es ist Padura gelungen, die fundamentale Verunsicherung der Zeit des Mauerfalls literarisch zu erfassen, die auch in Kuba deutliche Spuren hinterlassen hat. Das erstaunt gerade wegen der zeitlichen Nähe zum Geschehen – das Buch entstand schon in der zweiten Jahreshälfte 1990.
Nebenbei bemerkt: Es ist schade, dass nicht schon früher ein findiger Lektor diesen Text, erschienen 1991 in einem abseitigen mexikanischen Verlag und dann noch einmal 1995 in Kuba, entdeckt und zur Übersetzung gebracht hat. Im Buch ist die erste spanische Ausgabe mit 2000 vermerkt, die erste spanischsprachige ist dies nicht!
Padura hat betont, dass sein Buch nicht in erster Linie politisch, als Abgesang auf Castros Kuba, sondern individuell-existenzialistisch gemeint sei. Auch wenn hinter dieser Bemerkung kluge Vorsicht stecken mag, um sich mit dem Máximo Líder keinen Ärger einzuhandeln (denn in der Tat kann man das Buch als politische Kritik an der Korruption in den höchsten Ämtern der Staatswirtschaft lesen) – auch dann ist Padura zu glauben. Das Porträt einer Generation, die mit ideologisch-moralischen Erwartungen überfrachtet wurde und irgendwann einmal erkennen musste, dass sie selbst es ist, die keine bessere geworden ist – dies zu schreiben ist Padura grandios gelungen.

Leonardo Padura: Ein perfektes Leben. Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein. Unionsverlag, Zürich,2003, 288 Seiten, 18,90 Euro.

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