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Auf dem Weg zur Bananenrepublik

Ende des vergangenen Jahres ließ sich Präsident Banzer mit seiner halben Regierungsmannschaft medienwirksam in der größten Kokaanbauregion Boliviens beim Verzehr von (Export-)Bananen ablichten. Die Botschaft dabei ist klar: Bananen statt Koka! Von der Drogen-Nation zur Bananenrepublik!
Unter Einsatz des Militärs ist es so tatsächlich gelungen, seit 1997 von den mehr als 38.000 ha illegaler Kokaanbaufläche etwa 26.500 ha zu zerstören, zumeist durch abhacken oder ausreißen der Kokabüsche. Auch wenn diese offiziellen Zahlen mit Sicherheit übertrieben sind, so hat doch die Tatsache an sich Bestand: mit Hilfe der bolivianischen Streitkräfte hat Ex-General Banzer einen Großteil der bestehenden illegalen Kokafelder im Chapare zerstört. Rechtliche Grundlage für diesen Einsatz bildet das – auf Drängen der USA – verabschiedete bolivianische Drogengesetz von 1988, besser bekannt als „Gesetz 1008“ (s. Kasten).
Was wurde tatsächlich im positiven Sinne erreicht, außer eines gewissen propagandistischen Erfolges? Die Situation der Kokawirtschaft in Bolivien ist jedenfalls praktisch unverändert. Weiterhin ist Bolivien das wichtigste Transitland für Kokainschmuggel in Südamerika, sowohl in Richtung Chile als auch nach Brasilien. Noch immer muss davon ausgegangen werden, dass Schmuggel und Produktion von Kokain neben den Exporten von Erdgas und Erdöl die wichtigste wirtschaftliche Aktivität des Landes darstellt. Es fehlt nicht an seriösen Wirtschaftsfachleuten, die vor dem völligen Zerschlagen der Kokawirtschaft warnen, da dies vermutlich das Land in eine ökonomische Krise nicht vorsehbaren Ausmaßes stürzen würde. Nichtsdestrotz ist der Kampf gegen die illegalen Kokafelder im feucht-heißen Chapare seit mehr als zehn Jahren ein Hauptanliegen, sowohl der bolivianischen, als auch der US-Regierung. Bleibt also zu fragen, welche Ziele mit der angeblichen Kokavernichtung (erradicación de la coca) tatsächlich verfolgt werden.
Der Kampf gegen die Koka hat eine zentrale Funktion imVerhältnis Boliviens zu den Vereinigten Staaten: Von der jährlich durch die USA vorgenommenen „Zertifizierung“ eines jeden Landes hinsichtlich der verfolgten Drogenpolitik hängt maßgeblich der Umfang der finanziellen und technischen Unterstützung ab.

Militarisierung des Chapare

„Für die (Regierung) ist die Kokavernichtung ein ausgezeichnetes Geschäft. Was sie wollen ist frisches Geld von der (US-)Botschaft, um ihre Bürokratie zu bezahlen“, stellt der Generalsekretär der Bauerngewerkschaft aus den Yungas, Gabriel Carranza fest.
Wichtig ist die Drogenpolitik aber auch im Hinblick auf sonstige finanzielle Zuwendungen durch die USA. Nicht immer wird das so deutlich wie im Falle des Chapare, wo mit Hilfe US-amerikanischen Geldes drei komplette Militärstützpunkte errichtet werden sollen. Offiziell, um die erreichten Erfolge in der Drogenbekämpfung zu konsolidieren. Dies bedeutet jedoch eine dauerhafte Militarisierung der gesamten Region. Das nördliche Amazonastiefland Boliviens, zu dem der Chapare gehört, gilt als strategisch Region für die Kontrolle des gesamten Amazonasbeckens.
Auf beiden Seiten wird man nicht müde zu versichern, es handele sich nicht um US-Stützpunkte, sondern um Einrichtungen des bolivianischen Militärs. „Die Kasernen im Chapare werden keine nordamerikanischen Militärbasen sein“, unterstrich der Chef des Südkommandos der Streitkräfte der USA, Charles Wilhelm, bei seinem Besuch in Bolivien zu Beginn des Jahres ausdrücklich. Rechtlich betrachtet trifft dies zu. Jedoch werden den US-Militärs in den entsprechenden Verträgen umfangreiche Nutzungsrechte eingeräumt. Aus US-Sicht dürfte diese Variante billiger und vor allem „vornehmer“ sein, als sich durch ständige physische Präsenz von eigenen Truppen unbeliebt zu machen.
Durch den Eingriff der Regierung hat sich der Anbau von Koka zum Einen auf schlechter zugängliche Regionen im Hinterland des Chapare, zum Anderen in die nordöstlich von La Paz gelegenen subtropischen Yungas verlagert. Etliche Produzenten sind auf den Anbau von Marihuana umgestiegen, weil dies, im Gegensatz zur Koka, auf kleineren Feldern und im Halbschatten größerer Gewächse anzubauen ist. Somit wird die Satellitenerfassung der Anbauflächen sehr viel schwieriger.

„Die Yungas werden der neue Chapare werden“

So stehen die Zeichen weiterhin auf Konfrontation. Die Cocaleros haben bereits mit einem Marsch nach La Paz und einer Straßenblockade auf ihre Bereitschaft zum aktiven Widerstand aufmerksam gemacht. Passiert ist in den Yungas in den ersten drei Monaten des Jahres trotz vielfacher Ankündigung der Regierung allerdings nichts.
Weiterhin wird um die Modalitäten der Kokavernichtung und die Höhe der Kompensationszahlungen gestritten. Gleichzeitig wartet die Regierung jedoch auf weitere internationale Hilfsgelder, um den Einsatz von Militär und Polizeitruppen zur Kokavernichtung finanzieren zu können.

KASTEN

Legale Koka und das Gesetz 1008

Seit altersher wird im bolivianischen Hochland das Blatt des Kokastrauchs von der Bevölkerung konsumiert und für rituelle Zwecke genutzt. Gründe für diesen Konsum sind die hunger- und durststillende Wirkung dieser Pflanze, die zudem auch noch unempfindlich gegen Kälte und Anstrengung macht, und gleichzeitig die Aufmerksamkeit und die Konzentration fördert.
Dieser Tatsache Rechnung tragend, unterscheidet das Gesetz 1008 zwischen legalen und illegalen Kokaanbaugebieten. Als legal gelten demnach all die Gebiete, in denen Koka traditionell ausschließlich für den nationalen Gebrauch angebaut wird. Gleichzeitig wird für diese Gegenden eine Obergrenze von 12.000 ha festgesetzt, die aus der Menge des nationalen Konsums errechnet wurde. Neben der Nutzung von Kokablättern bei rituellen Handlungen, sind die folgenden Nutzungen der Koka in Bolivien legal:
– Das „Kauen“ von Kokablättern, das heißt unter Hinzugabe eines Stücks gepresster pflanzlicher Asche wird der mit Speichel getränkte Blätterkloß in der Backe aufbewahrt, wobei gelegentlich die Seite gewechselt wird, um eine Betäubung derselben zu verhindern.
– Das Konsumieren von Koka als Tee. Dieser Mate de Coca gehört zum Standard-Angebot eines jeden Restaurants und wird auch von Touristen konsumiert, die bei ihrer Ankunft in La Paz auf 3.600m Probleme mit der Höhe haben.
– Und die Nutzung von Koka als Medikament bei verschiedenen Erkrankungen.
Alle weiteren Nutzungen des Kokablattes, insbesondere die Herstellung von Kokain oder dem Vorprodukt, der pasta base, sind streng verboten.

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