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Aus der Traum

Dabei ist ein Film entstanden, der mehr zeigt, als nur Hip Hop – nämlich die Seite der KünstlerInnen, die im Rampenlicht nicht zu sehen ist. Der Alltag in Rios Favelas eben, wo sie alle drei groß geworden sind.
In der Favela aufzuwachsen, hat sich keine(r) der KünstlerInnen ausgesucht. Alle wuchsen ohne Vater auf, und die wenigen Erinnerungen an ihn – sofern vorhanden – sind von Geschichten der Gewalt durchzogen. Es erscheint ihnen auch normal, ohne Grund von der Polizei angehalten und durchsucht zu werden. Und wenn die Polizisten ruppig werden, sehen sie keine Chance, sich zu wehren. Doch welche Möglichkeit hat man schon, außer das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen – und zu hoffen? Die Rap-KünstlerInnen, die der Film Fala Tu in ihrem Alltag begleitet werden, haben viele Hoffnungen.
Togum zum Beispiel ist 32 Jahre alt und versucht zu studieren, um aus seinem Leben etwas zu machen. Er verdient seinen Lebensunterhalt, indem er esoterische „Souvenirs“ verkauft: Kleine Flaschen, in denen Liebesbotschaften stecken, damit sich die Männer der Favela bei ihren Frauen entschuldigen können, wenn es wieder Streit gab. Er will die Universität besuchen, um am besten gleich zwei Abschlüsse zu erlangen. Was er damit machen will? Er würde gerne in Public Relations arbeiten. Sein Traum ist, der erste schwarze Pressesprecher des brasilianischen Präsidenten zu werden. Als Buddhist glaubt er, dass alles Karma sei, und jeder seines Glückes Schmied.
In der Zwischenzeit rappt er. Mit seinen aggressiven Reimen beschreibt er den typischen Aufstieg und Fall eines „Soldaten der Favela“, wie die kleineren Drogendealer in Rio genannt werden: Zuerst hat man viel Geld, doch mit den Drogen kommen die Probleme und am Ende steht man schlimmer da als vorher – sofern man nicht erschossen wird. Verharmlost er nicht die Drogendealer dabei, macht er nicht aus Tätern Opfer? Nein, sagt er, er versuche mit seinen Texten die Kids von der schiefen Bahn abzubringen.
Combatente sieht das anders. Für sie sind die staatlichen Autoritäten so weit entfernt von der Realität auf den Morros, dass es ganz natürlich ist, wenn die Leute sich an die nächststehende Macht wenden – und das sind nun einmal die Dealer. Für Combatente sind sie tatsächlich Opfer. Deshalb rappt sie. Sie glaubt, dass es in der Macht des Hip Hop stehe, die Verhältnisse zu verändern. Wohl deshalb arbeitet sie bei dem kleinen Underground-Radio mit, bei dem alle drei RapperInnen ihre Musik abspielen. Combatentes Texte handeln von sexueller Gesundheit, Frieden und der Gleichheit der Menschen – und wenden sich gegen den machismo im brasilianischen Hip Hop. Dem Kapitalismus, der Krieg und Armut produziert, setzt sie die „vergessenen Ideale der Hippies“ entgegen, wie sie es formuliert.
Von ihrer Musik leben kann Combatente nicht; erst recht nicht, nachdem sie sich mit ihrem Manager verkracht und ihre Band verlassen hat. Ihren Lebensunterhalt verdient die 21jährige als Telefonistin für eine Telemarketing-Firma. Persönlichen Halt und Hoffnung bekommt sie von der „Kirche von Sankt Damian“, die mit charismatischen Gottesdiensten und schönen Uniformen einen Ausweg aus den trostlosen Verhältnissen bieten – wenn auch nur für ein paar Stunden in der Woche.
Tief verwurzelt in den porträtierten Menschen sind Religiosität und der Glaube, dass man nur auf eigene Faust seine Situation verbessern kann. „Sonst tut es ja niemand für einen“ sagt Macarrão, der dritte Rapper. Zwar ist er von Gottes Existenz überzeugt („Ohne Zweifel gibt es ihn“), doch glaubt er, dass Gott sich nicht für das Schicksal der Menschen interessiere. „Gott ist müde geworden,“ sagt er, „dadurch hat der Satan mehr Chancen, die Menschen in Versuchung zu führen.“ Vielleicht geht er deshalb nicht in die Kirche, sondern formuliert sein Gebet lieber als einen Rap: Darin bittet er nicht um Vergebung, sondern rappt selbstbewusst, dass es nicht seine Schuld sei, in der Favela geboren worden zu sein. Alles worum er Gott in seinen Reimen bittet ist, dass das agressive Gefühl in seinem Inneren verschwindet, dieses Gefühl der Wut, das aus so vielen Frustrationen erwachsen ist.
Im Gegensatz zu Combatente und Togum hat Macarrão wenige Hoffnungen. Er hätte gerne welche, wie er sagt, aber zur Zeit sieht es nicht so aus, als gäbe es Anlass dafür. Was soll auch ein bicheiro wie er für große Hoffnungen haben, wo er doch 13 Stunden am Tag an der Straßenecke sitzt und die Wetteinsätze für die illegale Tier-Lotterie – das jogo do bicho – einsammelt? Welche Hoffnungen kann man sich leisten, wenn man zwei Töchter und eine Frau zu ernähren hat? Fala tu! – „Sag Du es mir!“ sagt er in die Kamera des Filmteams – das auch keine Antwort parat hat.
Sehr glaubhaft porträtiert der Regisseur Guilherme Coelho in seinem Erstlingswerk den Alltag dreier sehr verschiedener Persönlichkeiten, die eine verbindet: Ihre Leidenschaft für Hip Hop. Dass dabei sehr wenig von dieser Musik zu hören ist, schmälert die Leistung des Films keinesfalls. Im Gegenteil, soll doch der Alltag der KünstlerInnen jenseits ihrer Bühnenshow dargestellt werden, ihr Leben in der Favela. Wenn die sie eine Kostprobe ihrer Reime geben, so tun sie es in diesem Film unplugged, ohne eine Inszenierung auf der Bühne oder mit Musikbegleitung.
Nur einmal begleitet das Kamerateam den DJ A, der ebenfalls bei der Untergrundradiostation arbeitet, in einen Club in Lapa, einem angesagten Ausgehbezirk von Rio de Janeiro, wo er Platten für die party people der Stadt auflegt. Lieber lässt Coelho Personen selbst zur Sprache kommen. Der Schnitt ist ruhig, den drei KünstlerInnen wird die Chance gegeben, sich selbst auszudrücken. Nur selten stellen die Filmemacher Fragen, die dankenswerterweise nicht herausgeschnitten wurden. Man hat das Gefühl, der Film lässt die Personen ausreden – im Gegensatz zu manch anderen Dokumentationen. Der Film schafft es, den ganz normalen Alltag der Favela dem Zuschauer näher zu bringen – ohne Gewaltorgien darzustellen à la City of God.
Dieser Alltag ist aber doch anders als auf dem asfalto, den Vierteln der Reichen. Praktisch vor der Kamera wird DJ A von seiner Freundin angerufen, die ihm mitteilt, dass sie gerade ausgeraubt wurde. Als DJ A auf seinem eigenen Handy anruft, das ebenfalls gestohlen wurde, sagt der Räuber ihm, dass er seine Sachen wiederbekommen kann, wenn er – alleine! – zu dem Ort des Verbrechens kommt und 100 Reais (ca. 30 Euro) mitbringt. Man kann ahnen, welcher Frust dieses aggressive Gefühl in Macarrãos Innerem verursacht hat, von dem er erzählt.
Nach acht Monaten besucht das Filmteam die KünstlerInnen erneut. Togum ist inzwischen arbeitslos. Bevor er von seiner Karriere träumen kann, muss er erst einmal wissen, wie er seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Combatente macht ohne ihre Band weiter mit Hip Hop. Sie glaubt zwar nicht, dass es leicht wird, aber sie hofft immer noch, einmal davon leben zu können.
Macarrão dagegen ist noch hoffnungsloser: „Mein Leben hat aufgehört“ sagt er, während er mit seinem vier Monate alten Sohn spielt, bei dessen Geburt seine Frau Monica gestorben ist. Er lebt nur noch um seine Kinder zu ernähren, wie er sagt, „wie ein Roboter“. Träume, die Wirklichkeit werden, sind eben dünn gesät in den Favelas von Rio de Janeiro.

Fala Tu, Regie: Guilherme Coelho; Brasilien 2003; Farbe, 74 Minuten.
Der Film wird auf der Berlinale (5.2-15.2.2004) im Panorama gezeigt.

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