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Außerhalb des Spiels

In welch einer schweren Legitimationskrise muss sich Fidel Castro befunden haben, dass er Heberto Padilla wegen eines schmalen Gedichtbändchens in die Knie zwang? Immerhin sind die skeptischen Verse des 1968 erschienenen Fuera del juego (dt. 1971: Außerhalb des Spiels) von einem Mann verfasst worden, der soeben noch die kubanische Revolution gegen die Vorwürfe des ins Exil gegangenen Schriftstellers Guillermo Cabrera Infante vehement verteidigt und sich seit 1959 im öffentlichen Leben Kubas recht konstruktiv hervorgetan hatte. Aber das reichte wohl nicht mehr aus. Wer auf die Schattenseiten und Widersprüche des jungen Landes hinwies und diese nicht im gleichen Atemzug in optimistischem Wohlgefallen auflöste, war suspekt.
Padillas Gedichte erinnern heute an viele andere gemäßigt dissidente Texte aus dem sozialistischen Lager. Mit Trauer und bisweilen erbittert vermerkt er, dass die Macht auch unter Castro nicht vom Volke ausgeht, dass „wieder die miserable Erniedrigung“ herrscht (wie es in einem Gedicht heißt) und Zustimmung verlangt wird, wo manche – wie er – nicht zustimmen wollen. Aus seinen Versen spricht nicht die Haltung dessen, der mit Castro fertig ist: Zwar ist seine Kritik nicht zu übersehen, er ist skeptisch – aber nicht ohne Hoffnung. Noch nicht.
Im Oktober 1968 kam eine fünfköpfige Jury des kubanischen Schriftsteller- und Künstlerverbandes UNEAC überein, Fuera del juego mit dem Lyrikpreis Julián del Casal auszuzeichnen. Dagegen erhob das Direktionskomitee der UNEAC Einspruch, ließ die Auslieferung des Buches stoppen und beschloss, zur Veröffentlichung dem Band eine eigene Stellungnahme voranzustellen. Darin – verfasst hat sie der kubanische Dichter und castrotreue Kulturfunktionär Nicolás Guillén – wurde Padilla schwer angegriffen, ihm wurden konterrevolutionäre Absichten und Faschismus vorgeworfen. Das kam einem Publikationsverbot gleich.
Am 20. März 1971 wurde Heberto Padilla in Untersuchungshaft genommen. Dies schlug bei den kubafreundlichen Intellektuellen der westlichen Welt ein wie eine Bombe. Jean-Paul Sartre verfasste zusammen mit vielen Kollegen, darunter namhafte lateinamerikanische Schriftsteller wie Julio Cortázar, Mario Vargas Llosa, Juan Rulfo und Octavio Paz, aber auch Hans-Magnus Enzensberger, Susan Sontag oder Juan Goytisolo, einen Protestbrief an Castro und forderte ihn auf, Beweise für Padillas Schuld zu erbringen oder ihn freizulassen. Castro erwiderte, er wisse jetzt, wer die wahren Freunde der kubanischen Revolution seien und wer nicht, und verbot „diesen schamlosen Pseudolinken und Agenten des CIA“, Kuba zu besuchen.
Als Padilla schließlich nach 38 Tagen Haft entlassen wurde, legte er vor seinen Schriftstellerkollegen von der UNEAC ein umfassendes Schuldbekenntnis ab, das in seiner Inszenierung und Wortwahl fatal an die sowjetischen Schauprozesse der dreißiger Jahre erinnerte. Er bekannte, unter dem Deckmantel der Poesie gegen die Revolution gearbeitet zu haben, und bereute „die unzähligen Male“, an denen er „ungerecht und undankbar gegenüber Fidel war“.
Nach seiner „Selbstkritik“ war Heberto Padilla ein geschlagener Mann. In den siebziger Jahren als Übersetzer ins Abseits gedrängt, genehmigten ihm die kubanischen Behörden erst 1980, die Insel in Richtung USA zu verlassen. Hier verfasste er noch verschiedene Gedicht- und Prosabände und arbeitete als Hochschullehrer, aber er litt zugleich unter starken Alkoholproblemen und spielte literarisch kaum noch eine Rolle.
Mit Außerhalb des Spiels hatte Heberto Padilla dafür plädiert, die geforderte beziehungsweise erzwungene Selbstaufgabe zugunsten des großen politischen Projekts nicht hinzunehmen und statt dessen das Individuelle, Emotional-Eigenständige zu stärken. Die UNEAC, die in ihrer Erklärung von 1968 Padilla zu verstehen gab, dass auch er „im Spiel“ sei, hat ihn als individuell-poetische Stimme aus dem Spiel der Gedanken und Argumente hinausgedrängt.
Am 25. September 2000 ist Heberto Padilla achtundsechzigjährig in Alabama an einem Herzinfarkt gestorben.

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