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Die brillante Unmäßigkeit des Carlos Fuentes

Herr Volpi, Sie haben den gerade verstorbenen Carlos Fuentes gut gekannt. War er für Sie auch literarisch ein Vorbild?
Als ich 16 Jahre alt war, las ich Fuentes‘ großen Roman Terra Nostra. Diese Lektüre hat meinen Begriff davon, was Literatur ist, drastisch verändert. Sicher, ich habe später andere Autoren gelesen, die noch mehr riskieren, James Joyce zum Beispiel. Aber ich glaube, es liegt an Terra Nostra, dass ich Schriftsteller geworden bin.

Was hat Sie daran so fasziniert?
Fuentes bringt mehrere Epochen, die unterschiedlichsten Personen und Figuren und alle möglichen Orte zusammen und macht daraus einen irrsinnigen Text, der mir eine exzellente Darstellung unseres rasenden, zyklopenhaften Lateinamerika zu sein scheint. Fuentes hat einmal gesagt, er habe eigentlich nur einen einzigen Roman geschrieben, La edad del tiempo, der sich wie ein Sternbild aus all seinen publizierten Büchern zusammensetzt. Das begreife ich als sein Erbe für mich: die enormen, abgründigen Welten, die er erfand. Und sicherlich nicht nur er, sondern auch die anderen Autoren der Boom-Generation, die mich übrigens auch heute noch begeistern. Dennoch sind es dann wieder einzelne Werke, die mir besonders wichtig waren. Neben der brillanten Unmäßigkeit von Terra Nostra war es vor allem die Erzählung Aura, die mit ihren nur 62 Seiten ein absolut perfekter Text ist.

Aura erschien 1962, Terra Nostra 1975. Haben Sie die späteren Romane von Fuentes nicht mehr so überzeugt?
Es ist wie mit vielen Boom-Autoren: Die frühen Werke sind ihre besten. In den späteren Werken hat Fuentes nicht mehr so viel riskiert, und es wird wohl so sein, dass die Bücher, die ich erwähnt habe, oder auch Romane wie Landschaft in klarem Licht oder Der Tod des Artemio Cruz auf lange Sicht am meisten geschätzt werden.

Was den Schreibstil anbelangt, ist Fuentes ziemlich weit von Ihnen entfernt. Vor allem in seinen frühen Werken ist er mit der Sprache sehr experimentell umgegangen. Ihre Romane scheinen da konventioneller erzählt.
Wie viele Autoren der Gegenwart schreibe ich weniger avantgardistisch, das stimmt. Gerade meine längeren und bekannteren Romane sind vergleichsweise linear erzählt, und es wird an der Oberfläche nicht so sichtbar, wie ich mit der Sprache experimentiere. Für andere Bücher gilt das nicht, beispielsweise für Oscuro bosque oscuro, ein Roman, der in Versform geschrieben ist. Das ist eines der Bücher, die ich selbst besonders mag. Aber er ist schwieriger zu lesen. Sicher ist das ein Grund dafür, dass er nicht ins Deutsche übersetzt wurde.

In Ihren literarischen Werken stellen Sie häufig reale Personen ins Zentrum, in Das Klingsor-Paradox etwa eine Reihe von Atomphysikern der vierziger, fünfziger Jahre, insbesondere Werner Heisenberg. Warum?
Zunächst einmal sind das Stoffe, die mir mehr oder weniger zufällig begegnen und die mich interessieren. Und ich glaube, mit dem fiktionalen Schreiben bieten sich einem auch Möglichkeiten, mit ganz realen Sachverhalten umzugehen. Man formt sie im Roman um und deutet sie zugleich – und das ist genauso viel wert, wie wenn wir das in der Wirklichkeit tun.

In den Kritiken über Das Klingsor-Paradox wurden Sie heftig dafür angegriffen, dass Heisenberg überhaupt nicht so ein Nazi war, wie Sie das im Roman darstellen.
In Buchbesprechungen, die in Mexiko und den USA erschienen, stand gerade das Gegenteil: dass Heisenberg bei mir viel weniger Nazi ist, als er das in Wirklichkeit war. Das zeigt doch, dass auch eine historische Persönlichkeit gar nicht so genau fixiert werden kann.

Aber hätten Sie nicht viel mehr Freiheit, wenn Sie sich von den realen Gestalten lösen würden? Warum riskieren Sie so viel Konflikt?
Weil mich die konkrete Person, zum Beispiel Heisenberg, wirklich interessiert. Der Roman ist eine bessere Form, sich einer Person zu nähern, als eine Biographie oder eine historische Darstellung. Und zwar gerade wegen der Möglichkeit, sich vorzustellen, wie diese Person gewesen sein könnte oder müsste. Das kann man nur in einem fiktionalen Text.

Kommen wir noch einmal auf Carlos Fuentes zu sprechen. Über ihn wurde einmal gesagt, er habe Mexiko für die Welt geöffnet und die Welt für Mexiko. Sie hingegen lassen Ihre Romane häufig außerhalb von Mexiko spielen. Setzen Sie Fuentes‘ Anliegen sozusagen spiegelbildlich fort?
Das weiß ich nicht. Jedenfalls mache ich das nicht bewusst. Ich habe immer über die Themen geschrieben, die mich interessieren – warum das so oft außermexikanische Themen sind, ist mir selbst nicht klar. Aber übrigens sind es auch nur meine fiktionalen Texte, die in Europa oder den USA spielen. Meine Essays beschäftigen sich hingegen mit Lateinamerika und Mexiko.

Auch Fuentes war nicht nur Schriftsteller, sondern auch ein sehr einflussreicher Essayist. Aber man hat ihn in Mexiko in den vergangenen Jahren immer wieder kritisiert, weil er nicht mehr genügend im Lande verankert gewesen sei. Können Sie das teilen?
Nein. Fuentes hat zwar die eine Hälfte des Jahres in London gelebt, die andere aber in Mexiko. Er war voller Neugier und bestens über alles informiert, was in Mexiko vor sich ging. Was allerdings stimmt: Generell hat die Bedeutung der Intellektuellen für die öffentlichen Diskurse in Mexiko nachgelassen. Die Auffassung, dass die politische Meinung eines Schriftstellers sehr wichtig ist – zu nennen wären auch Octavio Paz, Carlos Monsiváis oder Elena Poniatowska –, hat sich verflüchtigt. Hierfür ist die Abwahl des PRI-Regimes von 2000 von großer Bedeutung gewesen. Die Gesellschaft ist seither viel offener geworden, es gibt jetzt viel mehr Persönlichkeiten, deren Stimme wahrgenommen wird: Politologen, Historiker, Leute aus dem Medienbereich. Wir Schriftsteller können zu den öffentlichen Debatten nur noch ganz wenig beitragen.

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Jorge Volpi

geboren 1968 in Mexiko-Stadt, ist einer der bekanntesten und produktivsten Schriftsteller Mexikos. Ende der 1980er Jahre gründete er mit Ignacio Padilla, Pedro Ángel Palou und anderen die literarische Gruppe „Generación Crack“.
Der Durchbruch gelang Volpi 1999 mit dem Roman En busca de Klingsor, der mittlerweile in fünfundzwanzig Sprachen übersetzt wurde. Er erschien 2001 bei Klett-Cotta unter dem Titel Das Klingsor-Paradox.
Im selben Verlag liegen vor: Der Würgeengel (2002) und Zeit der Asche (2009). Vier Jahre lang leitete Jorge Volpi den mexikanischen Kultur-Fernsehkanal Canal 22.

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