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Beweist uns, daß es anders geht

“Als wir aus den Bergen herunterstiegen, beladen mit unseren Rucksäcken, unseren Toten und unserer Geschichte, kamen wir in die Stadt, um das Vaterland zu suchen. Das Vaterland, das uns im letzten Winkel des Landes vergessen hatte, im isoliertesten, ärmsten, dreckigsten Winkel, in der schlimmsten Ecke.
Wir kamen, um das Vaterland, unser Vaterland, zu fragen: Warum hast du uns so unglaublich viele Jahre einfach sitzen gelassen? Warum hast du uns mit soviel Tod alleine gelassen? Und wir möchten es noch einmal fragen, vermittelt durch Euch: Warum ist es notwendig zu töten und zu sterben, damit Ihr und durch Euch alle Welt Ramona zuhört, die hier bei uns ist, und so schreckliche Dinge sagt wie, daß die indianischen Frauen leben wollen, daß sie Schulen wollen, daß sie studieren wollen, daß sie Lebensmittel wollen, daß sie Respekt wollen, daß sie Gerechtigkeit wollen, daß sie Würde wollen?
Warum muß man erst töten und sterben, damit Ramona hier herkommen kann und Ihr ihr zuhört? Warum mußten Laura, Ana María, Irma, Elisa, Silvia und soviele indianische Frauen erst eine Waffe in die Hand nehmen und Soldatinnen werden, statt Doktorinnen zu werden? Oder Wissenschaftlerinnen, Ingenenieurinnen, Lehrerinnen?
Warum mußten die sterben, die gestorben sind? Warum muß man töten und sterben? Was ist in diesem Land los? Und wir fragen sie alle, die Regierenden und die regierten: Was ist in diesem Land los, daß es notwendig ist, zu töten und zu sterben, um einige kleine Worte und Wahrheiten auszusprechen, ohne daß sie in Vergessenheit geraten?
Wir sind am ersten Tag dieses Jahres in die Stadt gekommen, bewaffnet mit der Wahrheit und dem Feuer, um die Gewalt sprechen zu lassen. Heute sind wir wieder in die Stadt gekommen, wieder, um zu reden, aber diesmal ohne Feuer. Unsere feuer- und todspeienden Waffen schweigen, und es hat sich ein Weg eröffnet, daß wieder das Wort regieren kann, hier, wo es nie hätte verdrängt werden dürfen: auf unserem Boden.
Wir sind in die Stadt gekommen und haben diese Fahne gefunden, unsere Fahne. Das haben wir gefunden. Wir haben kein Geld gefunden, keine Reichtümer, wir haben keinen gefunden, der uns noch einmal zugehört hätte. Wir fanden die Stadt verlassen und fanden diese Fahne, und wir sahen, daß das Vaterland unter dieser Fahne lebt; nicht jenes Vaterland, das längst in Museen und Büchern in Vergessenheit geraten ist, sondern das lebendige, einzige, schmerzliche Vaterland, das der Hoffnung.
Das ist die Fahne Mexikos, unsere Fahne. Unter dieser Fahne lebt und stirbt ein Teil des Landes, dessen Existenz durch die Mächtigen komplett ignoriert und abgewertet (despreciada) worden war; Tote und abermals Tote haben sich unter dieser Fahne angesammelt, ohne daß andere Mexikaner sich darum geschert hätten: Ihr.
Warum müssen wir mit angezogenen Stiefeln und der Seele an einem seidenen Faden hängend schlafen gehen, um diese Fahne zu beschützen? Warum durchqueren wir den Busch, die Berge, die Täler, Schluchten, Pfade und Landstraßen, und tragen dabei diese Fahne mit uns, um sie zu beschützen? Warum tragen wir sie als einzige Hoffnung auf Demokratie, Freiheit und Gerechigkeit mit uns? Warum beschützen die Waffen Tag und Nacht diese unsere Fahne? Warum?
Und wir möchten Sie fragen, ob es eine andere Form gibt, unter dieser Fahne zu leben eine andere Form, in Würde und Gerechtigkeit unter dieser Fahne zu leben. Ihr habt uns gesagt: ja. Ihr habt uns ehrliche Worte gesagt, Ihr habt mit dem Herzen gesprochen und uns gesagt: Gebt dem Frieden eine Chance.
Wir haben Eure Botschaft erhalten, und wir sind in ehrlicher Absicht hierhergekommen. Wir sprechen nicht doppelzüngig, es gibt keine geheimen Mächte hinter uns, und wir sind auch nicht wegen etwas anderem hierhergekommen, als um ohne Waffen zu reden und zuzuhören.
Als wir uns mit dem Vermittler Bischof Samuel Ruiz und dem Friedensemissär Manuel Camacho Solis an den Verhandlungstisch gesetzt haben, haben wir uns entwaffnet, wir haben unsere Waffen zur Seite gelegt und von Angesicht zu Angesicht miteinander geredet, ohne Waffen zwischen uns, ohne Drohungen, ohne Druck.
Wenn wir jetzt Waffen tragen, oder immer dann, wenn wir nicht am Verhandlungstisch sitzen, dann sind das persönliche Waffen, die wir tragen, um uns zu verteidigen, falls es irgendeine Agression von Leuten gibt, die sich durch uns angegriffen fühlen, oder durch unsere Worte von Wahrheit und Gerechtigkeit.
Ihr habt uns gesagt, daß wir dem Frieden eine Chance geben sollen. Und wir sind in wahrer und ehrlicher Absicht hierhergekommen. Wenn es einen anderen Weg zu diesem Ziel gibt, zu Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit, dann beweist uns das. Wir werden mit dem Blut unserer Leute nicht spielen (leichtfertig umgehen). Wenn es eine Möglichkeit gibt, daß diese Fahne, unsere und Eure Fahne, in Würde weht, ohne daß dazu der Tod notwendig wären, der unsere Böden düngt, um so besser.
Wir werden diese Tür aufstoßen, und wir werden andere Schritte tun. Wenn es möglich ist, daß die Waffen und die Armeen schon nicht mehr notwendig sind, daß es kein Blut, kein Feuer mehr gibt, um die Geschichte zu bereinigen, umso besser. Aber wenn nicht, wenn sie uns alle Türen wieder zuschlagen? Wenn die Worte nicht ausreichen, um die Mauern der Taubheit un des Unverständnisses zu überwinden? Und wenn der Frieden nicht würdig und wahrhaftig ist, wer, fragen wir, wer will uns dann verbieten, unser geheiligtes Recht auszuüben, als ehrliche und würdige Männer und Frauen zu leben und zu sterben? Wer will uns verbieten, uns wieder die Kleidung von Krieg und Tod überzustreifen, um in der Geschichte voranzuschreiten? Wer?
Ihr habt das Wort: Die Regierenden und die Regierten, alle Völker dieser Welt. Ihr müßt antworten, wir werden verstehen, zuzuhören.

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