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Bilder wie Schreie

Oswaldo Guayasamín wurde 1919 als ältester Sohn von zehn Geschwistern in Quito geboren. Seine Eltern, ein Indigena und eine Mestizin, bemerkten schon früh seine Begeisterung für die Malerei, hatten aber kein Geld ihn hierbei zu unterstützen. So beschloß der damals gerade mal sieben Jahre alte Oswaldo seine Bilder, aus einer Mischung aus Milch und billiger Farbe zu malen und an Touristen zu verkaufen, um sich somit seine Leidenschaft zu finanzieren. Nach einer erfolglosen Schulzeit wurde er 1932 auf der Kunsthochschule „Escuela de Bellas Artes“ in Quito aufgenommen und konzentriert sich ganz auf das, was ihn schon kurze Zeit später weltberühmt machen sollte: Die Malerei.

Huacayñán – Der Beginn eines Mythos

Die Reaktionen auf seine ersten Ausstellungen waren gemischt. Empfand man die abstrakte Kunst Guayasamíns in Quito als Skandal, wird er in der Hafenstadt Guayaquil frenetisch gefeiert. Schon früh reiste Guayasamín in andere Länder Lateinamerikas, auf der Suche nach immer neuen Inspirationen für seine Werke. Das erste Ergebnis dieser Reisen ist die umfangreiche Serie Huacayñán, in der er Lebenssituationen der unterdrückten ethnischen Bevölkerungsgruppen Lateinamerikas auf dramatische Weise darstellt. Hier zeigt sich schon sehr früh, wie Guayasamín prekolumbianische Einflüsse mit modernen Stilen wie dem Kubismus, zu einer unverkennbaren Mischung verschmelzt. Seine Werke zeigen Menschen mit kantigen Gesichtern, weit aufgerissenen Augen und überdimensionalen Händen. Angst, Verzweiflung und Trauer sind die zentralen Emotionen, welche die von ihm dargestellten Protagonisten eint. Doch sind nicht Resignation und Entmutigung die Reaktionen, die Guayasamín dem Betrachter suggerieren will, vielmehr sollen seine Werke anklagen und protestieren oder wie er selbst einmal sagte: „Meine Bilder sind wie Schreie.“
Die Resonanz auf Huacyñán war überwältigend, und so wurde er 1957 in Sao Paulo mit dem Preis für den „besten Maler Südamerikas“ ausgezeichnet.

Ein Freund großer Staatsmänner

Auf seinen Reisen lernte Guayasamín, der insgesamt dreimal verheiratet war und sechs Kinder hinterläßt, neben Künstlern seines Genres vor allem bedeutende Politiker und Staatsmänner kennen. Neben Salvador Allende, François Mitterand oder dem König von Spanien, schloß er vor allem mit Fidel Castro tiefe Freundschaft. Dieser veranlaßte auch 1994 den Bau der Casa Guayasamín in Havanna, welche als Zeichen seiner tiefen Bewunderung für den ecuadorianischen Maler gilt. Die Bemalung der 360 Meter großen Innenwand des ecuadorianischen Kongresses im Jahre 1988 ist sein extensivstes Werk. Als Thema wählte er die Geschichte der ecuadorianischen Konstitution. Auch hier zeigt sich das immer wiederkehrende Leitbild indigender Thematiken in Form der Darstellung abstrakter menschlicher Körper und Charaktere. Sein größtes Werk blieb jedoch unvollendet. La capilla del hombre, eine 2500 Meter lange Wandbemalung, welche drei Epochen lateinamerikanischer Geschichte darstellen sollte. Diese Arbeit wird jedoch voraussichtlich bis zum Jahr 2002 von seinen Schülern vollendet werden.
Die 1977 gegründete Fundación Guayasamín ist nicht nur eine Sammlung seiner größten Werke, sondern auch unzähliger präkolumbianischer sowie moderner Kunstwerke, die Guayasamín im Laufe seines Lebens gesammelt hat. Die Stiftung solll EcuadorianerInneni ermöglichen, sich einen „Zugang zu ihren Wurzeln“ zu verschaffen und ausländische Besucher für die präkolumbianische Zeit zu sensibilisieren. Leider aber hat die Ausstellung gerade in den letzten Jahren für die ecuadorianische Bevölkerung erheblich an Attraktivität verloren, da sich Guayasamín vehement gegen den Bau einer Kindertagesstätte in der Nähe seines Anwesens ausgesprochen hat, was ihm übel angekreidet wurde. Dies schmälert jedoch nicht seine Bedeutung für die Entwicklung lateinamerikanischer moderner Kunst, die er nachhaltig beeinflußt hat. So sagte Guayasamín noch zu Beginn des Jahres: „Irgendwann sterbe ich und man wird mich vergessen. Ein Schrei verklingt schnell, nur viele Schreie kann man noch lange Zeit hören.“

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