«

»

Artikel drucken

„La Apestosa”….eine kleine Filiale der Hölle

Als „chronisch voyeuristische Beziehung zur Welt” bezeichnet Susan Sontag in ihrem Essay „Über Fotografie” das Fotografieren; als einen räuberischen Akt, in dem man den Abgebildeten Gewalt antut und sie in Objekte verwandelt, die man symbolisch besitzen kann. In zahlreichen Abhandlungen zur Fotografie haben TheoretikerInnen immer wieder den Akt des Fotografierens unter moralischen Aspekten zu deuten versucht und die Frage aufgeworfen, inwiefern das Eindringen in die Privatsphäre der Fotografierten und eine würdevolle Darstellung derselben miteinander vereinbar sind.
Die Fotografien von José Luis Cuevas mögen bei den BetrachterInnen der „La Apestosa“ zuweilen jene Gedanken hervorrufen, wenn sie die Stammgäste des „Salón Orizaba“, einer Kantine im Herzen von Mexiko-Stadt, auf den Bildern kennenlernen. Wenn sie sie sehen, wie diese selbst sich nicht sehen: vom Alkohol enthemmt, in ihren Ekszessen, ihrer Animalität und ihrer drastischen Nacktheit.
„Zwei Jahre lang besuchte ich diesen Ort regelmässig, ein- bis dreimal pro Woche”, erzählt Cuevas. „Manchmal fühlte ich ein emotionales Bedürfnis, dort zu sein und Fotos zu machen. Am Ende einer Nacht, mit zwei oder drei verknipsten Filmen in der Tasche und vollständig betrunken, hatte ich das Gefühl, der Tag war produktiv.”
Mittels einer Bildästhetik von Nahaufnahmen und bewegten Schnappschüssen werden die BetrachterInnen in den Sog von Bierdunst, Schweiß, Berührungen und Stimmengewirr hineingezogen. Die Unschärfen, die im Dunklen bleibenden Bildpartien und die engen Bildausschnitte vermitteln eine Lebendigkeit, die die Stimmung des düsteren Schauplatzes einzufangen vermag. Eher als eine visuelle Beschreibung – wie sie durch perfekt ausgeleuchtete Szenen erzielt wird – begünstigen diese Fotografien eine Wahrnehmung, die mit dem selektiven Aufleuchten der Erinnerung vergleichbar ist. Im Gegensatz zur Werbefotografie, die heutzutage einen nicht mehr zu steigernden Grad an fotografischer Perfektion erreicht hat und deren Bilder kalt wirken und uns nicht berühren, vermittelt Cuevas’ Bildästhetik eine größere Nähe und Vertrautheit zu den Porträtierten. Dies beweist die Fähigkeit des Fotografen, Momente und Persönlichkeiten jenseits jeder Form von Perfektion einzufangen und lebendig werden zu lassen. Der Fotograf ist nicht der von außen beobachtende Fremde mit der Kamera, sondern einer von ihnen: ein Betrunkener unter Betrunkenen, nur eben mit Kamera.

Das Hässliche umarmen

Lange war Nacktheit in der Kunst das Mittel der Wahl, um der Welt gültige Bilder von Schönheit zu vermitteln. Doch dann ging der entblößte Körper andere Wege. Er begann an den Klischees der Anmut und Grazie zu rütteln, sägte an seinen Idealmaßen und stellte stattdessen seine Wunden und Deformationen zur Schau. Die Fotografien der „La Apestosa” offenbaren Cuevas’ heimliches Vergnügen daran, das Hässliche zu umarmen. In seiner Motivwahl und seiner Faszination für das Bizarre erinnert die Schwarz-Weiß-Welt des José Luis Cuevas an die Fotografien der Amerikanerin Diane Arbus. Auch sie hat stets das Monster im Menschen gesucht – oder den Menschen im Monster.
Doch hinter dem Grotesken und dem Gewaltsamen, das in den Figuren der „La Apestosa” verkörpert ist, scheint sich noch etwas anderes zu verbergen. Denn da ist bei aller Bloßstellung auch Empathie und Liebe zu jenen gesellschaftlichen AußenseiterInnen zu spüren. Es ist eine zugleich erschreckende und doch mitleidserweckende Porträtierung, die von Entfremdung, Einsamkeit und irritierender Sexualität erzählt. In der Kantine findet Cuevas Alltagsmenschen in jenem seltenen Moment von Verletzbarkeit und Schwäche, Hässlichkeit und Ekel, den die Gesellschaft gewöhnlich hinter einer mühsam aufgebauten sozialen Fassade zu verstecken sucht. Cuevas entreißt seinen Foto-Motiven ihre sozialen Masken, indem er ihre Fehlbarkeiten und Perversionen zur Schau stellt und sich letztlich selbst in ihnen porträtiert.
„Anfangs erschien mir die Kantine als eine kleine Filiale der Hölle”, erzählt Cuevas. „Ich konnte nicht sagen, warum dieser Ort mich anzog. Bin ich hier, um mich selbst zu entdecken, als Anhänger derselben Religion und derselben Idole: Alkohol und Sex? Oder hängt es vielleicht mit meinem Interesse an Themen der ‚Unterwelt’ zusammen, an den Lastern und Leidenschaften der Menschen, ihren animalischen und instinktiven Seiten, die im Inneren schlummern und manchmal hervorbrechen und uns dominieren?”
Die Fotoserie wurde bereits mehrfach in Mexiko und Frankreich sowie auf dem Fotojournalismus-Festival in Gijón/Spanien während der Semana Negra 2004 präsentiert. In Gijón gewann Cuevas mit seiner Reportage den renommierten internationalen Preis „Premio Ciudad Gijón 2004”. Nun zum ersten Mal in Deutschland, ist Cuevas’ Foto-Dokumentation über „La Apestosa” im Rahmen der Ausstellung SEXWORK in Berlin zu sehen. Die Ausstellung, an der über 40 internationale KünstlerInnen teilnehmen, ist ein Kompendium künstlerischer Arbeiten zum Thema Prostitution. Das soziale Phänomen wird in der Spannbreite von selbstgewählter Situation bis zu Zwangsprostitution und Menschenhandel reflektiert. Die Auswahl umfasst Beiträge aus verschiedenen Teilen der Welt, unter anderem aus Bosnien, Deutschland, Großbritannien, Holland, Indien, Japan, Mosambik, Mexiko, Österreich, Slowenien, Thailand, Tschechien und Weissrussland. Die Ausstellung läuft bis zum 25. Februar 2007.

SEXWORK Kunst, Mythos, Realität, Neue Gesellschaft für bildende Kunst e.V., Berlin. Die Ausstellung findest statt vom 15.12.2006 bis 25.02.2007
Information unter www.ngbk.de

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/la-apestosa-eine-kleine-filiale-der-hoelle/