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Bitte nicht so viel Kritik!

Berta Belmar, die Regierungsbeauftragte der 9. Region in Chile, ist in das Iberoamerikanische Institut Berlin gekommen, um die frohe Kunde der Indígena-freundlichen Politik Chiles zu verbreiten. Selbstbewusst, klar strukturiert und in gut verständlichem Spanisch trägt sie ihren Vortrag über die Mapuche in der 9. Region vor. Begleitet wird er von einer professionell gestalteten Powerpoint-Präsentation. Man habe Schulden beim Volk der Mapuche, beginnt sie, und die müsse man nun bezahlen. Gut gesagt. Klick, klick, klick – auf der Leinwand jagt ein buntes Bild das Nächste. Musizierende, spielende, lächelnde, rundum glückliche Indígenas sind da zu sehen. Eine überwältigende Menge von Prozentzahlen sollen einen Eindruck von Bevölkerungsdichte, Armut und Bildungsstand der Mapuche vermitteln, gefolgt von der Aufzählung zahlreicher Projekte, die die Situation der Indígenas ganz bestimmt verbessern: Mehr Partizipation, bessere Rechtsprechung, bessere Bildungschancen, Anerkennung ihrer Philosophie und Religion. Um konkret zu werden: Am Lago Budi wurde eine Versammlung von Mapuchevertretern gegründet, die demokratisch legitimiert ist und Einfluss auf die Regionalpolitik haben soll. Auch wurde ein Schutzprogramm für dort siedelnde Schwäne ins Leben gerufen. Schilder im öffentlichen Raum sollen auf Spanisch und mapudungún zu lesen sein, und es gibt jetzt ein Netzwerk von Frauen, die Früchte anbauen. Das hilft, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Bei den Frauen anzusetzen, so fügt Belmar augenzwinkernd hinzu, sei einfacher. Schließlich erschienen die Männer montags nie zur Arbeit. Außerdem soll eine „Kommission der historischen Wahrheit” untersuchen, was in den letzten dreihundert Jahren geschehen ist.
So weit, so glücklich. Noch Fragen? Siegessicher blickt Belmar in die Runde, offensichtlich davon überzeugt, das Publikum begeistert zu haben. Ein junges Mädchen meldet sich zu Wort. Sie sei Mapuche, sagt sie, und sie lebe in Deutschland, da sie in Chile nicht leben könne. Doch nach Belmars Vortrag müsse sie ernsthaft überlegen, ob sie nicht schnell in ihre Heimat zurückkehren solle. Wenn da jetzt alles so schön sei… Sie spricht vom Staudammprojekt Ralco und den damit verbundenen Umsiedlungen, von Straßensperren, von Verhaftungen. Die Regierungsvertreterin bleibt gelassen. Ja, vereinzelt gebe es natürlich Probleme. „Aber wo gibt es die nicht?“ Und ob die junge Dame vielleicht eine etwas konkretere Frage habe?
Schon die Gesetzgebung sei ungerecht, wirft ein junger Mann ein. Er habe gehört, dass in einzelnen Fällen gefoltert worden sei. Außerdem sei Rassismus in Chile noch immer ein weit verbreitetes Problem. So etwas, erwidert Belmar, noch immer die Ruhe in Person, werde sie nicht zulassen, solange sie im Amt ist. „Gibt es noch eine konkrete Frage?“
Jetzt ergreift ein Deutscher das Wort. Belmar lächelt. Das wird wohl weniger kritisch werden. Weit gefehlt. Er spricht das Problem der Kulturen an und beklagt die fehlende Anerkennung der Kosmovision der Mapuche. Auch er solle doch bitte eine konkrete Frage stellen. Etwas verwirrt fragt er, wieso nicht mehr Geld in all diese Projekte gesteckt wird. Belmar erwidert mit Verweis auf die vielen zuvor erwähnten Zahlen, es sei eben nicht einfach und außerdem sei ja schon sehr viel erreicht worden. Eine spanische Journalistin erinnert daran, dass der Staudamm Ralco viel mehr zerstört, als am Lago Budi durch Schutzmaßnahmen für Schwäne je erhalten werden kann. Sie sagt vorsichtshalber gleich dazu, dass es sich nicht um eine konkrete Frage, sondern um eine Anmerkung handelt. Daher enthält sich Belmar auch jeglichen Kommentars.
Nach einer Weile schaltet sich der chilenische Botschafter Skármeta ein und bittet mit Blick auf die „leider schon fortgeschrittene Zeit“, in den letzten zehn Minuten doch bitte das Thema noch zu wechseln. Und man möge doch bitte bedenken, dass Frau Belmar da sei, weil sie sich ganz besonders für die Belange der Mapuche einsetze.
Ein älterer Herr im Anzug hebt die Hand. Seine etwas umständlichen Sätze lassen die Anwesenden eine Weile im Unklaren, in welche Richtung sein Kommentar verweisen wird. Vielleicht diesmal etwas Positives? Doch mit jedem Wort nähert er sich seinem Hauptargument: In Chile existiere ein ernsthaftes Rassismus-Problem, das durch alle bisherigen Maßnahmen nicht gelöst werden konnte. Arme Belmar! Er spricht, bis die knapp bemessene Zeit zu Ende ist, und der Applaus, der nach einer sehr förmlichen Verabschiedung Skármetas einsetzt, gilt wohl eher ihm und den anderen RednerInnen als Berta Belmar.

KASTEN

Es gibt genug zu kritisieren

Mittagszeit in Temuko. Auf der Plaza de Armas im Zentrum der Hauptstadt der Araucanía scheint alles seinen gewohnten Gang zu gehen. Nur an der Kathedrale sind heute mehr Menschen versammelt als sonst um diese Zeit. Etwa fünfzig Mapuchestudenten warten hier auf die Ankunft ihrer Sprecher. Mit ihnen wartet an jeder Ecke der Plaza eine Formation von Spezialeinsatzkräften der Polizei, ein Wasserwerfer steht auch schon bereit. Die Straßen rund um die Plaza sind gesperrt.
Grund: Neun Studenten indigener Herkunftf besetzen bereits fünf Tage lang die Kathedrale. Seit 100 Stunden befinden sie sich dort im Hungerstreik, um so die Schließung des Studentenheims „La Ercilla“ zu verhindern.
Für die Mapuche, die vorwiegend aus ländlichen Regionen nach Temuko zum Studieren kommen, ist dieses Wohnheim nicht nur ein erschwingliches Dach über dem Kopf. Vielmehr ist „La Ercilla“ ein Treffpunkt, ein Ort der Bildung und des Austauschs zur Geschichte, Kultur, Sprache und Politik der Mapuche. Lokale Autoritäten sehen das Heim als ein „Mapucheghetto“, in dem Drogen und chaotische Verhältnisse herrschen und haben deshalb dessen Schließung beschlossen. Ein neues Heim steht schon zur Eröffnung bereit, weshalb der Protest als nicht gerechtfertigt abgestempelt wird.
Vor der Kathedrale finden sich unterdessen immer mehr Protestierende ein, Sprechchöre fordern lautstark Tierra, Hogar, Justicia y Libertad (Land, Heim, Gerechtigkeit und Freiheit). Plötzlich fliegt ein Stein in Richtung eines Polizisten und die Zuschauer des Geschehens weichen für einen Moment zurück.
Die vor vier Monaten begonnenen Proteste finden im gegenwärtigen Hungerstreik ihren Höhepunkt. Die Mapuchestudenten protestieren nicht nur für den Erhalt des Wohnheims, sondern fordern eine breitere Unterstützung der Regierung für ihre Ausbildung. Die aktuellen Proteste reihen sich in den umfassenden Kampf der Mapuches um die Anerkenung ihrer Rechte in Chile ein.
Mit Jubel werden schließlich die voceros, ihre Sprecher, empfangen, die erneut ihre Bereitschaft zum Dialog mit den verantwortlichen Instanzen bekunden. Die Vertreter der Regierung sind zu diesem nur bereit, wenn die Mapuchestudenten die Kathedrale verlassen. Pedro Sanchez, einer der Sprecher, erklärt, dass diese erst verlassen wird, wenn konkrete Lösungen für den Konflikt vorliegen, ebenso würde erst dann der Hungerstreik beendet.
In Lumako, nicht weit von Temuko mobilisieren sich dieser Tage ebenfalls Mapuche verschiedener Gemeinden: gegen das Forstunternehmen Minincu, deren Ländereien die Mapuche für sich beanspruchen. Wie bei den Studenten in Temuko geht es auch hier um die Eroberung oder Rückgewinnung lang geschuldeter Lebensräume. Auch hier steht drastischen Mitteln zur Durchsetzung der Forderungen nichts mehr im Wege. Wenn es notwendig ist, „sind wir bereit unser Leben zu opfern“, sagt Carlos Maril, Präsident der Kommission der Gemeinden, die sich im Konflikt befinden.

Tanja Rother

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