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Bomba, Plena und AfroRican Jazz

Was Latin Jazz sein könnte, versuchten wir schon einmal zu klären. Damals endete der Versuch mit Frage und Antwort: Was tun? Musik hören (LN 277/278). Also hören wir mal rein.
1998 veröffentlichte William Cepeda die CD AfroRican Jazz – My Roots and Beyond. Hier spielt neben typisch puertoricanischen Instrumenten wie bomba, pandereta und cuatro die ganze Bandbreite der beim Jazz vertretenen Instrumente die Musik. Allerdings wird das euröpäische Ohr auf die Probe gestellt: Was ist hier afroricanisch?
Eine zweite ebenfalls 1998 veröffentlichte CD mit dem Titel BOMBAZO bietet Hilfe. Wir hören Percussion, Gesang und Tanz. Der Tanz gehört als Wesenselement dazu. Den kann die CD nicht bieten, genausowenig wie dieser Text die Musik. Also doch erst lesen, danach aber auf jedenfall hören. William Cepeda nahm diese zweite Produktion zusammen mit der puertoricanischen Grupo AfroBoricua auf, deren Gründer und Leiter er ist. Als Posaunist ist Cepeda längst kein Unbekannter der Latinoszene mehr, spielte er doch bereits zusammen mit so klangvollen Namen wie Eddie Palmieri, Tito Puente, Oscar d’Leon, Dizzy Gillespie oder David Murray.
Mit der Grupo AfroBoricua hat sich William Cepeda den afro-karibischen Musiktraditionen seiner Heimatinsel Puerto Rico zugewandt. Im Booklet schreibt er: „Da ich als Kind in Loíza aufgewachsen bin, war ich den reichen Traditionen der Bomba, Plena und Jíbaro-Musik von Puerto Rico ausgesetzt.“

Der Hahn singt

Die Bomba entstand Anfang des vorigen Jahrhunderts unter den aus Westafrika verschleppten Sklaven. Aus alten Rumfässern, den bombas, wurden einige Speichen entfernt, bis die so verkleinerte Öffnung mit einer Ziegenhaut bespannt werden konnte. Diese Faßtrommel bildet das Herzstück der Bomba, sie gibt den Rhythmus an, und der kann durchaus varieren. Der Unterschied ist vielleicht vergleichbar mit dem des Sprachdialekts, der im Nachbardorf von Loíza schon wieder etwas anders sein kann, und deshalb für unsere Ohren nicht so einfach zu erkennen ist.
Deutlicher ist da schon der Unterschied zur Plena. Ihr Herzstück ist die pandereta, vergleichbar mit einem Tamburin aber ohne die seitlichen Schellen, die in einem stetigen Vier-Viertel-Takt geschlagen wird. Dazu kann potentiell jedes verfügbare Instrument kommen. Auf Anfang des Jahrhunderts wird ihr Erscheinen datiert. Mit „El Gallo Canta“ (Der Hahn singt) ist eine typische und wunderbare Plena auf der CD zu finden.
Die Jíbaro war die Musik der bäuerlichen Weißen oder Mulatten. Wie die Bomba kann sie von Landstrich zu Landstrich variieren. Auf der CD taucht sie als seis corrido auf. Dabei wird auf das für sie typische Instrument verzichtet, das cuatro. Ähnlich wie die kubanische tres-Gitarre ist sie mit Doppelsaiten bespannt, allerdings mit fünf und nicht mit vier, wie ihr Namen vermuten läßt. William Cepeda und seine Grupo AfroBoricua konzentrieren sich mit BOMBAZO auf die perkussiven Elemente der alten puertoricanischen Musik. Selbst seine Posaune läßt er nur einmal erklingen. Ganz anders, wie anfangs schon erwähnt, bei AfroRican Jazz – My Roots and Beyond. Nicht nur Cepedas Posaune kommt hier voll zum Einsatz, auch die cuatro ist dabei. Und nun sind wir schon etwas geübter und ahnen die Stellen, an denen Cepeda die puertoricanischen Elemente in seinen Jazz einbaut. Wer also mehr zu den Wurzeln mag, höre sich jetzt BOMBAZO an, wer es jazziger mag höre den AfroRican Jazz, oder beides. Und wer danach Cepeda sehen und hören möchte, darf seinen einzigen Europaauftritt am 23. Mai beim 28. Internationalen New Jazz Festival in Moers auf keinen Fall versäumen.

Aktuelle CDs:
Grupo AfroBoricua: BOMBAZO
William Cepeda: AfroRican Jazz – My Roots and Beyond.
Bezug über: Exil Musik, 91593 Burgbernheim, 09843/95959.
Lesetip: Peter Manuel: Caribbean Currents – From Rumba to Reggae. ISBN: 1899365079.

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