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Carmen Boullosa mag kein Fastfood

Im Juli ging ein Einjahresstipendium des DAAD in Berlin für Carmen Boullosa zu Ende. Bei einem Gespräch in den bereits ausgeräumten, großzügigen Zimmern ihrer Wilmersdorfer Wohnung wurde sie etwas wehmütig, als sie an ihren Abschied dachte: Es sei ein Genuß gewesen, eine große Chance, daß sie in Berlin niemand kannte und sie beinahe unbehelligt arbeiten konnte… In Mexiko-Stadt ist das anders. Acht Romane hat sie veröffentlicht, Preise erhalten, und neben der Schriftstellerei betreibt sie ein kleines Theater. Längst ist sie keine Unbekannte mehr. Aber in den Kreis derer aufzuschließen, die als BestsellerautorInnen gelten, ist nicht ihr Ziel. Von Leichtverdaulichkeit in der Literatur hält sie nichts, und genau die macht sie Isabel Allende, Gioconda Belli & Co. zum Vorwurf.

Keine Gefälligkeiten

In ihrem jüngst bei Aufbau erschienenen Buch “Verfolgt” romantisiert sie nichts. Es geht um die Lebenswelten eines Mädchens, für das die erste Menstruation den entscheidenden Einschnitt darstellt: An diesem Punkt ist die Kindheit zu Ende, genauso wie das Buch. Ob damit auch die alles beherrschenden Ängste vorbei sind, ist nicht gesagt. Überaus deutlich wird jedoch, daß die Beschreibung der Angsterlebnisse jedem Fluchtversuch von Erwachsenen in eine ach so schöne, naive, lebensfrohe Kinderzeit einen Riegel vorschieben will.
Der Klappentext führt etwas in die Irre, wenn er von “realem und fiktivem Horror” spricht – es ist eben gerade keine Horror-Story im Sinne der Unterhaltungsliteratur. Es kommen Dinge vor, die Erwachsenen völlig normal oder unwichtig erscheinen und doch auf Kinder angsteinflößend wirken können – eine riesige Küchenschere, ein Kleiderschrank, die großen Mädchen auf der Schultoilette. Das Buch versucht, die kindlichen Erlebnisse nachzuerzählen, noch einmal ablaufen zu lassen, zu verstehen – und ist damit Fragment einer Autobiographie ganz anderer, eher psychologischer Art.
Carmen Boullosas Werk zeichnet sich durch thematische Vielseitigkeit aus. Während sich “Die Wundertäterin” (Suhrkamp 1995) mit heutigen Problemen Mexikos befaßt, die sich an einer Magierin kristallisieren, geht es in “Sie sind Kühe, wir sind Schweine” (Suhrkamp 1993) um Historie, nämlich einen karibischen Männerbund im 17. Jahrhundert. Die Autorin bietet den LeserInnen charaktervolle, kantige, herausfordernde Literatur – und garantiert kein Fastfood.

Carmen Boullosa: Verfolgt. Aus dem Spanischen von Susanne Lange, Fototeil: Renate von Mangoldt. Aufbau-Verlag, Berlin 1996, 24 DM (ca. 12 Euro)

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