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„Chef, wir haben eine Eselei begangen“

Eduardo D´Aubuisson, William Pichinte und Ramon Gonzalez von der rechten Regierungspartei ARENA aus El Salvador wurden am 19. Februar zusammen mit ihrem Chauffeur in der Nähe der guatemaltekischen Hauptstadt ermordet und mit Folterspuren aufgefunden. Drei Tage später wurden vier Polizisten verhaftet, darunter Luis Arturo Herrera, Chef der Abteilung gegen das organisierte Verbrechen. Zwei weitere Polizisten werden gesucht, darunter Marvin Contreras.
Bis dahin war der einzige Skandal, dass es sich bei den Opfern um Abgeordnete des Parlacen handelte. Dass die Täter hohe Polizeifunktionäre waren, erstaunte in Guatemala erst einmal niemanden. Allerdings erregten die schnellen Ermittlungserfolge viel Aufsehen und auch Ärger, darüber dass polizeiliche Ermittlungen gewöhnlich sehr lang dauern.
Bis heute ist das Motiv für die Morde umstritten. Die gängigste Theorie ist, dass die Abgeordneten, selbst in Drogengeschäfte involviert, von den Polizisten im Auftrag einer anderen Mafia-Fraktion ermordet wurden, die Geld oder Drogen bei ihnen suchten. Die Folterspuren könnten diese Vermutung bestätigen. Sie wird aber von den Regierungen El Salvadors und Guatemalas rundheraus abgelehnt.
Die Morde führten zu diplomatischen Verwicklungen zwischen den beiden Ländern. Weil sie der guatemaltekischen Polizei keine unabhängige Untersuchung zutraute, bestand die Regierung El Salvadors auf der Einbeziehung des US-amerikanischen FBI. Für den 26. Februar wurde das FBI zur Vernehmung der vier Polizisten erwartet. Bereits am 21. Februar, also einen Tag vor ihrer Verhaftung, hatten sie die Tat ihrem Vorgesetzten und Chef der Kriminalpolizei, Victor Soto, gestanden. „Chef, wir haben da eine Eselei begangen.“
Interessant, mit welchen Worten dem Chef ein vierfacher Mord gestanden wurde. Als „Dummheit“ bezeichneten die Polizisten ihre Tat wohl nur, weil sie nicht wussten, dass ihre Opfer Abgeordnete waren.

„Hervorragende Ermittler“ als Mörder

Interessant ist auch die Antwort des Innenministers Carlos Vielmann auf die Frage, warum die Beamten nie entlassen worden waren: „Weil sie hervorragende Ermittlungsarbeit geleistet haben.“ Und als der Reporter nachfragte, ob die hervorragende Arbeit vielleicht darin bestand, dass in den von ihnen bearbeiteten Fällen (z.B. im Fall des Raubs von acht Millionen US-Dollar im Flughafen der Hauptstadt im Jahr 2006) die ZeugInnen systematisch verschwanden oder tot auftauchten, hüllte sich der Minister in Schweigen.
Am 25. Februar erklärte Rodrigo Avila, Direktor der salvadorianischen Polizei, dass Marvin Contreras, einer der beiden noch gesuchten Polizisten, von der guatemaltekischen Polizei verhaftet worden sei. Doch die guatemaltekische Polizei stritt überraschenderweise den Fahndungserfolg ab. Erst drei Tage später habe sich Contreras freiwillig gestellt – jener Behörde, die in Verdacht steht, seine Komplizen ermordet zu haben. Hatte Contreras vielleicht bis dahin mit der Polizei verhandelt, bevor diese ihn „freiwillig“ wieder auftauchen ließ?
Am Montag, den 26. Februar, dem Tag der erwarteten Ankunft der FBI-ErmittlerInnen, wurde eine Nachricht bekannt, die alle bisherigen übertraf: Die vier verhafteten Polizisten, die gegen eine richterliche Anordnung in das Hochsicherheitsgefängnis Boquerón nahe der Stadt Escuintla gebracht worden waren, waren am Sonntag Nachmittag umgebracht worden.

Ein Innenminister mit großer Phantasie

Der Innenminister, der Präsident, und der Polizeidirektor wussten schnell, wie es dazu gekommen war: es müsse ein Fememord der im gleichen Gefängnis untergebrachten Jugendbanden gewesen sein. Zeugenaussagen von Familienangehörigen der Jugendlichen, die zum Sonntagsbesuch dort waren, widersprachen dem aber deutlich. „Plötzlich wurde der Besuch abgebrochen und es drang eine Einheit von außen ein. Wir hörten Schüsse.“
Das war nicht mehr zu ändern, die Presse hatte es publiziert. Aber Polizeileitung und Innenminister Vielmann antworteten einige Tage später mit großer Phantasie: Also, das stimme schon, dass ein Kommando von außen gekommen sei und es auch eine Schießerei gegeben habe. Aber das Kommando sei gekommen, weil es von einer Rebellion der Jugendlichen im Gefängnis gehört habe. Und da die GefängniswärterInnen die PNC nicht reinlassen wollten, hätte diese es eben mit Gewalt versucht. Die Schießerei zwischen Polizei und WärterInnen hätten die Jugendbanden ausgenutzt, um die vier Polizisten zu ermorden.
Der Bevölkerung, die diese Erklärungen lesen musste, blieb nicht mal die berühmte Flucht in den schwarzen Humor. Die Realität übertraf jeden Zynismus. Einigen der ermordeten Polizisten waren die Augen ausgestochen worden und es war auch versucht worden, ihre Zungen zu verstümmeln. Eine klare Botschaft, die sie als Verräter brandmarkt, die erst gesehen und dann geredet haben. Die Messerstiche in die Körper werden von vielen so interpretiert, dass sie eine Ritualtat der Jungendbanden vortäuschen sollen. Fakt ist, dass sie erst nach dem Tod verursacht wurden, wie es auch Spuren gab, die darauf hindeuten, dass der Tatort manipuliert wurde. Auf jeden Fall stimmen nach Aussagen unabhängiger ErmittlerInnen die Spuren nicht mit den Erklärungen der Sicherheitsbehörden überein.
Schließlich wurde am 9. März noch bekannt, wo die drei Abgeordneten vor ihrer grausamen Ermordung gefoltert worden waren: in einer Kapelle der Finca la Parga. Diese Finca, rund 25 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, wird nach Aussagen von Nachbarn des Anwesens seit 2005 von der Polizei für systematische Folterungen benutzt wird. Den Zugang zu der Kapelle hatten die Täter Armando Melgar zu verdanken, einem ehemaligen Militär Cousin des Fincabesitzers. Herr Melgar ist übrigens zufälligerweise Berater des Vizeinnenministers in Sicherheitsfragen.
Täglich tauchen derzeit neue Verwicklungen, Widersprüche und vor allem neue Taten auf, die weitere Enthüllungen provozieren. So wurden am 14. März neun Mitglieder der Polizei für Drogenermittlungen wegen eines Mordes im Januar in Huehuetenango verhaftet und am gleichen Tag in einer Veröffentlichung der Zeitung elPeriódico ein anderer Mord im Mai 2006 mit Mitgliedern der Kriminalpolizei in Verbindung gebracht.
Die aktuellen Enthüllungen haben eine Debatte über die Neugründung der Polizei und des Gefängniswesens, sowie letztlich des gesamten Sicherheitsapparates auf die Tagesordnung gesetzt. Am 13. März hat der Menschenrechtsombudsmann gemeinsam mit dem Rektor der San Carlos Universität und dem Kardinal Quezada Toruño, einen Tag später die Menschenrechtsorganisationen eigene Vorschläge für diesen Prozess vorgelegt.
In den nächsten Wochen wird es darum gehen, Strukturen und Mechanismen zu schaffen, die eine Fortführung des Prozesses sowie vor allem seine Begleitung und Kontrolle durch die Zivilgesellschaft garantieren. Wo die Reise hingeht ist angesichts der katastrophalen Zustände innerhalb des Sicherheitsapparates nicht gesichert.

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