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Chilangópolis

Wer zum ersten Mal nach Mexiko Stadt kommt und nach der Landung auf dem innerstädtischen Flughafen Benito Juárez irgendwann später seine Bleibe erreicht, hat am darauffolgenden Tag ein Problem. Entweder man zieht es vor, angsterfüllt aus dem Fenster zu blicken, was zumeist keine horizonterweiternde Sichterfahrung ist, oder man wagt sich nach draußen, was dann eher in eine mehrstündige Fuß- und Transportreise mündet. Verlaufen inklusive. Schafft die Vogelperspektive für gewöhnlich einen ersten Überblick, so bleibt dieser in Mexiko Stadt, in Form eines weit geöffneten Mundes vor nicht enden wollendem bebauten Raum, den BetrachterInnen verschlossen. Vorausgesetzt man erwischt einen der weniger luftverschmutzten Tage, in welchen sich die Smogwolke ein wenig lichtet. Aber egal wie viele Eindrücke und Erfahrungen gesammelt werden, ein einheitliches Bild, eine einzelne imaginäre Postkarte oder eine Vorstellung (imaginario) von Mexiko Stadt, ist ohne Fragmentierung nicht zu haben. Die Kapitulation vor der Größe der Stadt erschüttert die Möglichkeit, ihren Rand zu sehen.
Ein wahnsinniges Größenverhältnis ist Mexiko Stadt irgendwie eigen. Das verdeutlichen auch die Schilderungen Juan Villoros, in seinem Artikel „Horizontaler Schwindel“, über die mexikanische Hauptstadt als Diskurs. Die Stadt des unaufhörlichen Randes, in Anlehnung an Roland Barthes, die Stadt, die wächst als würde sie vor sich selbst fliehen und die Stadt des negativen Horizonts gehen bei Villoro Hand in Hand. Jene eben, die, vor lauter selbst, nichts außer sich selbst sieht und sehen kann.
Der Artikel Villoros ist der Auftakt des vor Kurzem erschienen Buches Verhandlungssache Mexiko Stadt, das die mexikanische Metropole in ihrer Vieldeutigkeit und Bewegtheit zu greifen sucht. Dies wird mittels verschiedenster Fokussierungen erreicht und der Untertitel Umkämpfte Räume, Stadtaneignungen, imaginarios urbanos konkretisiert bereits das Vorhaben der HerausgeberInnen. Der Raum als Projektionsfläche und seine ihm eigene Architektur steht im Wechselspiel mit der Entfaltung seiner Akteure. Der dynamische Prozess ergibt sich in diesem spezifischen Verhältnis und findet seine Entsprechung in den einzelnen Beiträgen. Diese erörtern aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln die verschiedensten sozialen Akteure und deren Handlungsspielräume. Wie der Mensch sich im Raum organisiert, sei es kollektiv oder individuell, begleitet alle Artikel als eine Grundbeobachtungshaltung: Die Stadt, in der wir leben, resultiert aus den Handlungen aller ihrer EinwohnerInnen. Die Schilderungen von Alltagsbildern und der Erfahrungen der EinwohnerInnen Mexiko Stadts (chilangos) entziehen sich so dem Grundtenor der Megacity-Diskurse, um urbanen Wandel aus menschlicher Perspektive zu schildern und machen diesen als etwas alltäglich Spürbares erfahrbar.
Dabei nähern sich die einzelnen AutorInnen dem urbanen Leviathan, allerdings durch die Hintertüren, die direkt an und in die einzelnen Mikroräume der Stadt heran- und hereinführen. Nicht eine irgendwie geartete Gesamtschau der Metropole wird intendiert, sondern ihre einzelnen Fragmente sind hinsichtlich ihrer charakteristischen Eigenschaften in Augenschein genommen. Die Dynamik zwischen Zentrum und Peripherie obliegt so dem Zusammenspiel der einzelnen Artikel, die in ihren Scharfstellungen die verschiedenen Szenen von Stadtbildern zusammentragen. Zwischen Zócalo und Xochimilco, Tepito und Mixcoac, hauptstädtischer Mülldeponie und Straßenkunst sind die Koordinaten gezogen, die ein jeweiliges fundiertes Eindringen in urbane Prozesse und Lebensrealitäten ermöglichen.
Dabei sind die Arbeitstechniken so verschieden voneinander, wie es das Abbild des Buchindexes und seiner Themen aufweist: Sozio-kulturelle, politisch-ökonomische oder architektonische Überlegungen und Analysen ergeben zusammen mit literarischen, journalistischen und fotografischen Arbeiten eine polyphone Komposition. Während beispielsweise Anne Huffschmid eine gender-Lesart anhand von „Stadtsplittern“ (Szenarien) belebt, nach den Inszenierungen des Weiblichen im öffentlichen Raum forscht und den fehlenden Typus der Flaneuse, anstelle des Flaneurs, einfordert, streift Nils Brock in einer vielstimmigen Reportage durch die Straßen des berüchtigten Zentrumsviertels Tepito, auf der Suche nach den politischen Verhandlungsstrukturen seiner BewohnerInnen. Dabei stehen sich jüngste Geschichte, wie die letzten Räumungen durch die Stadtverwaltung, ältere Geschichte, wie das traumatische Erdbeben von 1985, das einen Großteil der Innenstadt zerstörte, und deren historische Auswirkungen auf die heutige Stadt, sinnkonstituierend gegenüber. Das Zusammenspiel der Artikel untereinander ist so auch kompositorisches Programm, und eröffnet durch die Überschneidungen eine Art inneren Diskurs. Wenn sich Markus-Michael Müller mit öffentlicher Sicherheit auseinandersetzt, wird sein Aufsatz von den Betrachtungen Anne Beckers zu Guerillabewegung und Staatsrepression, in welchen sie in den dunklen Kellern der mexikanischen Staatsgeschichte nach politischen Leichen gräbt, konterkariert.
Der reiche Bildteil des Buches erläutert, erzählt und führt die jeweiligen Geschichten anhand von Momentaufnahmen fort. So stimmen die Fotoarbeiten Isadora Hastings zu den verschiedenen mexikanischen Wohnformen die LeserInnen thematisch auf die folgende Reportage ein. Hastings stellt Fotos der colonias populares, der Eigenheime in Selbstbauweise, jenen massengefertigten Siedlungen von Wohnungsbaukonsortien in den Peripherien der Stadt gegenüber. Und eine weitere Wohnform, das Leben in der vecindad (in alten Mietshäusern im Zentrum), wird als schwarz-weiß Comic von Marianna Poppitz nachgezeichnet. Eine Extremform des Lebens und Arbeitens belichtet Pamela Cuadros in ihren Fotos, die die Lebensrealitäten auf der zentralen Mülldeponie der Stadt darstellen, während nebenan Benedikt Fahlbusch mit der Kamera dem mexikanischen Fastfood nachspürt. Allein wegen der Porträtfotografie mexikanischer Haute Cuisine, Menschen am Tacostand, lohnt die Lektüre.
Die dargestellten An- und Enteignungsprozesse, Aus- und Verhandlungswege im formellen und informellen Sektor Mexiko Stadts zeigen ein Prisma der verschiedenen Belichtungsstufen auf, die das Faszinosum Megalopolis in ihren Erscheinungsformen zu begreifen verstehen. Für eine Annäherung an die imaginarios ihrer BewohnerInnen, für das wissenschaftliche Interesse an Stadtprozessen, oder für das Interesse an künstlerischer Reflexion über Chilangópolis bietet Verhandlungssache Mexiko Stadt den LeserInnen verschiedene Lesarten. Der Rand der Stadt rückt beständig weiter fort, und gewinnt hier doch an Nähe.
// Vincent Gatzsch

Anne Becker / Olga Burkert / Anne Doose / Alexander Jachnow / Marianna Poppitz [Hg.] // Verhandlungssache Mexiko Stadt. Umkämpfte Räume, Stadtaneignungen, imaginarios urbanos // metroZones 8, b_books, // Berlin // 2008 // 18 Euro

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