«

»

Artikel drucken

Chile mal ohne Putsch

Alia Emar Coppeta heißt eigentlich Magdalena. Sie lebt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Chile, aber eigentlich will sie nach New York. Und eigentlich hatte sie nie viel für die Sozialisten übrig, weil die ihr geliebtes Nordamerika als den imperialistischen Feind ansehen.
Antonio Skarmeta erzählt in seinem neuen Roman “Das Mädchen mit der Posaune” dieses Leben voller “Eigentlichs”, die sich nach und nach auflösen. Dabei tut er so, als habe nicht er den Roman geschrieben, sondern Alia Emar Coppeta selbst. Er erfindet den Journalisten Roque Pavlovic, der im ersten Kapitel berichtet, wie er die Autorin des Romans “Das Mädchen mit der Posaune” kennen lernt. Und am Schluss des Buches beginnt Pavlovic den Roman zu rezensieren, beginnend mit den Worten des ersten Kapitels. Verschiedene fiktive Autoren setzen sich mit der chilenischen Geschichte auseinander, und es entsteht ein lebendiges Bild der Jahrzehnte vor dem Wahlsieg Allendes.

Suche nach Wurzeln

Alia, vormals Magdalena, wurde auf der kleinen Insel Gema im adriatischen Meer geboren und nach Chile zu ihrem Großvater geschickt, nachdem ihre Eltern im Kampf gegen die Nazis gefallen waren. Ihr Großvater Stefano, ein sanfter friedlicher Mann, der noch immer von seiner Jugendliebe in Italien träumt, nimmt sie bei sich auf. Mit ihm erscheint schon das erste “Eigentlich” im Leben der Protagonistin: Eigentlich ist er gar nicht ihr Großvater. Oder doch? Hat er Alia Emar Coppeta, die große Liebe seiner Jugend und vermutlich Magdalenas Großmutter, jemals auch nur berührt? Und dann gibt es da noch die Geschichte mit Stefanos Bruder Reino Coppeta: Auf der Überfahrt von Europa nach Chile ist Reino angeblich, als das Schiff bei New York vor Anker ging, ins Wasser gesprungen, um an Land zu schwimmen. Seither hat man nie wieder etwas von ihm gehört. Für die meisten ist er ertrunken, für Alia führt er ein luxuriöses Leben in den Vereinigten Staaten. Und für Stefano ist klar, dass sein Bruder im Gegensatz zu ihm versucht hat, etwas aus seinem Leben zu machen.
So hadert Alia mit ihrer Identität als Chilenin oder als Europäerin und weiß nicht recht, wo sie hingehört. Also baut sie sich eine Traumwelt, setzt sich ein Ziel, von dem sie glaubt, dass es ihre Bestimmung ist.
Neben vielen Fragen über ihre Herkunft vererbt Opa Stefano der kleinen Alia nämlich noch eine Taschenuhr mit dem Empire State Building auf dem Ziffernblatt und einen großen Traum: New York. Aus dem staubigen nordchilenischen Antofagasta und später aus der Hauptstadt Santiago träumt sich Alia in die Vereinigten Staaten. Jeden Sonntag trifft sie sich mit ihren Freunden auf dem Platz und spielt die amerikanischen Kinofilme nach, die sie zuvor mit Begeisterung verschlungen hat. Bei einem dieser Treffen, als sich Magdalena gerade mit stolz erhobenem Kopf in Alia Emar Coppeta umbenannt hat, tritt der Mann auf, der außer dem seligen Stefano eine entscheidende Rolle in ihrem Leben spielen soll: Pedro Pablo Palacios, mit wilden Locken und struppigen Augenbrauen, ebenso von dem Traum New York erfüllt wie Alia. Sie, die Einwanderin, und Pedro, der in Chile geboren ist, können sich beide nicht so recht mit ihrem Land identifizieren. Die filmvernarrten Jugendlichen, aber auch Opa Stefi und Roque Pavlovic, der auch aus Italien kommt, bleiben irgendwie fremd in dem Land, in dem sie zum Teil schon so lange leben.

Begegnung mit Allende

Bei soviel Sehnsucht nach den USA ist es verständlich, dass Alia mit ihrem Spanischlehrer Sepúlveda, einem glühenden Sozialisten, ständig im Clinch liegt. Als der Lehrer dann auch noch bei ihr zu Hause auftaucht und Jovanna, Stefanos Lebensgefährtin, die seit dessen Tod für Alia sorgt, den Hof macht, wird das Verhältnis zwischen den beiden nicht gerade entspannter. Und es kommt noch schlimmer: Jovanna lässt sich von ihrer neuen Liebe anstecken, und eines Tages prangt an der Wand ein großes Plakat: Allende Präsident.
Alia hat für diese Ideen nichts als Verachtung übrig – bis sie Allende kennen lernt. Er kommt zum Abendessen und gewinnt Alias Herz, indem er sie bittet, ihm bei seinem Wahlkampf zu helfen. Alia ist Feuer und Flamme, fasziniert von seiner “Art zu erzählen, die so warm und das genaue Gegenteil von Sepúlvedas Strenge war.” Plötzlich spürt sie die Verpflichtung, etwas für Chile zu tun, plötzlich tut sich die Möglichkeit der Aussöhnung mit diesem Land auf, das sie bisher immer nur in Richtung Norden verlassen wollte.
Es gelingt Skármeta, Alias pubertär- wankelmütige Haltung, die so schnell von Ablehnung in Begeisterung umschlägt, so überzeugend darzustellen, dass man sich gar nicht über den plötzlichen Stimmungsumschwung wundert.
Von da an ist die Geschichte von Alia und Pedro Pablo Palacios mit Allendes langem Weg zum gewählten Präsidenten untrennbar verbunden. Intellektueller Gegenspieler ist Roque Pavlovic, der in Allende die Verkörperung des Untergangs von Recht und Ordnung sieht. Die kurzen Texte von ihm sind an mehreren Stellen des Romans eingeschoben und bieten immer einen anderen Blickwinkel: Sei es, dass er in einem Brief Alia eine Episode aus dem Leben ihres Großvaters erzählt, sei es, dass er an den amtierenden Präsidenten Alessandri schreibt und ein Amt ablehnt, das ihm angeboten wurde. Grund ist das Blutbad, das das chilenische Militär unter streikenden Minenarbeitern in Iquique anrichten ließ. Pavlovic hat auch seine moralischen Prinzipien.
Das Boxduell, das schließlich zustande kommt und aus dem Allendes Unterstützer Dynamit als Sieger hervorgeht, kommentiert Pavlovic im Radio und macht keinen Hehl aus seiner politisch motivierten Parteilichkeit. Parallel dazu, noch bevor es zu den Kampfhandlungen im Ring kommt, trifft er sich jedoch mit dem Präsidentschaftskandidaten zu einem Gespräch über die bevorstehende Wahl. Alia Emar ist immer dabei, unterstützt den “Onkel” und sammelt Stoff für ihren Roman. Sowohl die verlorene Wahl von 1958 als auch der Putsch werden in diesem Gespräch vorweggenommen, und am Schluss geht Alia ins Badezimmer und weint, weil Allende zugegeben hat, dass er selbst nicht an einen Wahlsieg glaubt.

Freudentaumel am Schluss

Doch der Leser weiß, er wird eines Tages gewinnen, und er weiß auch, was drei Jahre nach dem Sieg kommen wird: Militärputsch und Diktatur. Doch diesen Teil der chilenischen Geschichte, der am Ende von Skármtas Bestseller “Mit brennender Geduld” gestanden hatte, erspart uns der Autor diesmal. “Das Mädchen mit der Posaune” endet in einem furiosen Freudentaumel an dem Tag, an dem Allende die Wahl gewinnt.
Zuvor werden noch einige entscheidende Fragen geklärt, um schließlich alle “Eigentlichs” aus dem Leben Alia Emars zu tilgen: Wie ist die Geschichte von Stefano und seinem Bruder damals wirklich verlaufen? Ist Pedro Pablo Palacios‘ Liebe zu Alia stärker als seine Sehnsucht nach New York? Und wird sich Alia damit abfinden, dass Chile doch ihre Heimat ist?
Die Beschreibung des Freudenfestes am Ende des Buches hat mir eine Gänsehaut verschafft und mich kurzzeitig sowohl den traurigen Ausgang der Regierungszeit Allendes als auch die etwas konservative Moral des Buches vergessen lassen: Frauen, werdet gute Mütter und Ehefrauen und bleibt eurem Land und euren Idealen treu!
Für Chile- Begeisterte lohnt sich das Lesen allemal, weil Skármeta historische Fakten auf poetische Weise mit der Lebensgeschichte der symphatischen Alia zu verbinden weiß. Und es gelingt ihm, die Größe von kleinen Glücksmomenten zu vermitteln.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/chile-mal-ohne-putsch/