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Chronik einer angekündigten Katastrophe

Es sah aus wie ein Sieg. Unterstützt von UmweltaktivistInnen schienen die BewohnerInnen des Huasco-Tals in Nordchile die Pläne des kanadischen Konzerns Barrick zumindest durchkreuzt zu haben. Barrick hatte einen Gletscher versetzen wollen, um darunter lagerndes Gold abzubauen. Nach langen Protesten sah das Unternehmen jedoch von der Verlegung der Gletscher ab und will jetzt ausschließlich die Bodenschätze abbauen, die sich nicht unterhalb der Gletscher befinden. Damit verzichtet der Goldproduzent laut eigenen Angaben auf fünf Prozent des Gesamtvorhabens.
Durch den überraschenden Schritt ist es dem Konzern gelungen, der Kritik an ihrem Projekt die stärkste Waffe zu entziehen. Kaum jemand nimmt allerdings den kleinen semantischen Wandel wahr, der sich in die Ankündigung eingeschlichen hat. Barrick, der ja bisher selbst immer von Gletschern gesprochen hatte, zweifelt die Definition der „Eisvorkommen“ als Gletscher plötzlich an und meint, dass es sich dabei lediglich um größere „Eisfelder“ handle. Warum dieses Detail immer wieder so betont wird, da man nun doch ohnehin beschlossen hat, diesen Teil der Bodenschätze unberührt zu lassen, bleibt unklar. UmweltaktivistInnen weisen auf weitere Gefahren hin, die durch den Abbau vom Gold im Tal drohen. Sie befürchten vor allem, dass das Trinkwasser verseucht wird.

Barrick und die Gletscher

Barrick hatte das wüstenartige, unbewirtbare Stück Land, das im chilenisch-argentinischen Grenzgebiet der Anden in mehr als 5.000 Meter Höhe liegt, bereits 1994 erworben. 2000 unterzeichneten Chile und Argentinien ein bilaterales Abkommen, das den Abbau entlang der Grenze erleichtern sollte. Doch erst im Jahr 2004 kündigte das Unternehmen an, Vorbereitungen zur Ausbeutung der Bodenschätze durchzuführen, weil der Goldpreis auf über 400 Doller zu steigen begann. Gleichzeitig beantragte es kleine Änderungen der ursprünglich genehmigten Petition. Erstmals drang an die Öffentlichkeit, was in der Folgezeit die KritikerInnen des Projekts auf den Plan rief und für große Aufmerksamkeit sorgte: Barrick hatte vor, große Teile von Gletschern zu verlegen, um die darunter befindlichen Bodenschätze im Übertagebau abbauen zu können.
Von diesem Moment an hatte der Goldproduzent nicht nur gegen die natürlichen Widerstände in 5000 Meter Höhe zu kämpfen, sondern sah sich einer immer größer werdenden Mobilisierung von UmweltaktivistInnen, sich organisierenden AnwohnerInnen und politischer Gruppierungen gegenüber. Auf Grund des öffentlichen Drucks sah sich die nationale Umweltbehörde Conama gezwungen, von Barrick einen Plan einzufordern, der darlegen sollte, wie man die Gletscherteile ohne Schäden und langfristige Konsequenzen für die Umwelt zu verlegen gedachte.
Der kanadische Konzern, der behauptet Erfahrung in der Verlegung von Gletschern zu besitzen, hatte offensichtlich größere Schwierigkeiten, einen überzeugenden Plan einzureichen. Mehrmals bat das Unternehmen im Jahr 2005 um Aufschub für die gesetzte Frist. Währenddessen erreichten sowohl die Proteste in Chile und Argentinien als auch der Goldpreis immer neue Höhepunkte. Nachdem Barrick Ende 2005 ein erneuter Aufschub bis Februar 2006 gewährt wurde, verschwand die Problematik Pascua-Lama aus dem öffentlichen Bewusstsein. Im Präsidentschaftswahlkampf waren andere Themen wichtiger.
Wenige Wochen nach Michelle Bachelets Amtseinführung und mitten im Urlaubsmonat Februar drang dann die Nachricht der endgültigen Genehmigung des Projektes an die Öffentlichkeit. Die Umweltbehörde akzeptierte die Maßnahmen, die Barrick zum Schutz der Umwelt vorschlug, machte allerdings mehrere kleinere Auflagen zur Bedingung.
Obwohl die Versetzung der Gletscher dank der Proteste angeblich vom Tisch ist, empfinden die KritikerInnen die endgültige Genehmigung des Projekts als Niederlage. Nach wie vor glauben diese, dass das Milliarden schwere Projekt langfristige Umweltschäden mit sich bringen wird. Doch die Argumentation lässt sich nun nicht mehr an einem plakativen Symbol wie der Zerstörung der Gletscher aufhängen – wenngleich diese durch mehrere bereits durchgeführte Bohrungen schon eingesetzt hat. Stattdessen verstrickt sie sich in der Erklärung chemischer Prozesse, die beim Bergbau auftreten und irreversible Verseuchungen des Bodens mit giftigen Stoffen wie Arsen mit sich bringen.

Ohne Gefahr für die Umwelt?

Das Unternehmen behauptet, dass es den Abbau der Bodenschätze ohne Gefahr für die Umwelt betreiben könne. Es stützt seine Argumentation auf die Auflagen, die ihm vom Umweltministerium auferlegt wurden, sowie auf eine Studie über die geologischen Begebenheiten, erstellt von der renommierten kanadischen Wissenschaftlerin Annick Chouinard, die im Economic Geology veröffentlicht wurde.
Kann man diesen Argumenten vertrauen? Tatsache ist, dass Barrick jene Studie teilweise selbst finanziert hat. UmweltaktivistInnen baten WissenschaftlerInnen, die seit mehreren Jahren die Auswirkungen von Bergbauprojekten auf die Umwelt in Südamerika erforschen, um eine Überprüfung der Studie. Diese ForscherInnen, die anonym bleiben wollen, kommen zu einem gegenteiligen Ergebnis: „Aus umweltpolitischen Gründen sollte man die Finger von dieser Lagerstätte lassen!“. In der Tiefe des Bodens lagern Stoffe wie Pyrit, Jarosit und Eisensulfate, die gefährliche Säuren abgeben, sobald sie mit Sauerstoff oder Wasser in Berührung kommen. Bei dem geplanten Projekt wird dies zweifellos der Fall sein. Erschwerend kommt hinzu, dass es keine natürlichen Bindemittel wie Karbonate gibt, die die Entstehung der Säuren verhindern könnten. Kurz gesagt, sei die vorhandene Mineralogie „als potentielle Quelle für Umweltschäden das Ungünstigste, was man sich vorstellen könne“.
Trotzdem behauptet Ron Kettles, der Projektmanager von Pascua-Lama, dass dies „das mit Abstand sicherste und umweltverträglichste Projekt“ ist, dass er in 40 Jahren in diesem Geschäft betreut hat. Hingegen glaubt Mauricio Rios, der Vorsitzende des Komitees zur Verteidigung des Huasco-Tals, den Versprechungen nicht und meint, dass „Barrick in 20 Jahren so viel Geld wie möglich aus dem Projekt ziehen möchte und sich danach verdrückt“. Zurückbleiben werden Millionen Tonnen verseuchten Gesteins, das das Grundwasser des Tals für immer vergiften werde. Barrick beteuert zwar, man werde die Qualität des Wassers an 34 Stellen ununterbrochen kontrollieren, doch niemand garantiert, dass diese kostspielige Überwachung auch nach Beendigung des Projekts fortgesetzt wird.
Mittlerweile haben sich die Akzente in der Diskussion verschoben. Neben der Umweltproblematik gerät ein zweiter Aspekt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit: Die Tatsache, dass Barrick für das Großprojekt in Chile fast keine Steuern bezahlen muss.

Das Steuerparadies Chile…

Während der Militärdiktatur wurde 1974 ein Gesetz verabschiedet, dass ausländische Investitionen nach Chile locken sollte. Es garantierte unter anderem weitgehende Steuerbefreiung beim Abbau nicht erneuerbarer Bodenschätze. Die demokratischen Regierungen haben dieses Gesetz nicht abgeschafft, sondern lediglich modifiziert. Darüber hinaus wurden mehrere Freihandelsabkommen unterzeichnet, die den gleichen Prämissen folgen wie das ursprüngliche Gesetz.

… garantiert hochrentable Investitionen

Konkret bedeutet das, dass Barrick nun in den ersten zwölf Jahren für den Abbau keine Steuern bezahlen muss. Die Regierung rechtfertigt diese Strategie mit der großen Investition Barricks, die dem Land und der Region zu Gute komme. Barrick gibt an, in den 20 Jahren, die das Projekt dauern soll, insgesamt 1,5 Milliarden US-Dollar zu investieren und dadurch kurzfristig 5.500 sowie langfristig 1.600 Arbeitsplätze zu schaffen.
Die knapp 500 Tonnen Gold, die man abbauen will, sind bei dem heutigen Goldpreis von circa 600 US-Dollar pro Unze fast 11 Milliarden US-Dollar wert. Zusammen mit den Silber- und Kupfervorkommen rechnet man mittlerweile mit mehr als 15 Milliarden US-Dollar Wertschöpfung, so dass sich die Investition von Barrick als hochrentabel erweisen dürfte, selbst wenn es in den letzten Jahren des Projekts doch noch Steuern zahlen müsste.
Es sind diese Zahlen, die Landwirte das Huasco-Tals wie Natanael Vivanco wütend machen: „Wir als chilenische Bauern subventionieren multinationale Minengesellschaften, die Milliardengewinne einfahren!“

Intransparenz auf offizieller Seite

Wer Näheres über die tatsächliche Besteuerung von internationalen Unternehmen in Chile erfahren will, stößt bei der offiziellen Seite auf Intransparenz. Kein Wunder angesichts der weitgehenden Verstrickungen der politischen mit der wirtschaftlichen Klasse. Lucio Cuenca, der nationale Koordinator des Observatoriums für Umweltkonflikte in Lateinamerika, glaubt, in diesen Verbindungen den wahren Grund für die Genehmigung des Projekts ausgemacht zu haben: „Das war eine politische Entscheidung!“ Dass er damit nicht unrecht haben könnte zeigt sich an Doppelfunktion Eduardo Loyolas. Der Politiker der regierenden Sozialistischen Partei begann seine Karriere als Anwalt, der während der Diktatur die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern verteidigte. Heute ist er Vorsitzender des Consejo Minero, einer Lobbyorganisation verschiedener nationaler und internationaler Bergbauunternehmen in Chile. Eines der Mitglieder des Consejo Minero ist der mittlerweile weltweit größte Goldproduzent: die Barrick Gold Corporation.

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