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Das Erbe der Sklaverei – Teil II

Zwischen vier und elf Millionen Menschen wurden schätzungsweise als SklavInnen von Afrika nach Brasilien deportiert. Zwischen 1550 und 1888, dem Jahr der formellen Abschaffung der Sklaverei in Brasilien, erarbeiteten sie den wirtschaftlichen Reichtum der portugiesischen Kolonie und des unabhängigen Brasiliens.
Sei es in den Exportwirtschaftszweigen Zucker, Gold oder Kaffee oder in der kleinbäuerlichen Subsistenzwirtschaft, sei es in den städtischen Haushalten – Arbeit bedeutete Sklavenarbeit und wurde von Schwarzen verrichtet. Aber die Sklaverei war mehr als ein wirtschaftlicher Faktor. Sie war Ausdruck eines Lebensgefühls der herrschenden weißen Elite, das sich mit der Zeit auf alle Bevölkerungsschichten übertrug. Auch befreite Schwarze konnten SklavenbesitzerInnen sein. SklavInnen waren Ausdruck eines Sozialprestiges in einer Kultur, in der eigene körperliche Arbeit gering geschätzt wurde.
Die gesetzliche Abschaffung der Sklaverei 1888 bedeutete keineswegs einen Bruch mit den tiefverwurzelten Sozial- und Gesellschaftsstrukturen der Sklaverei.
In dem Jahresbericht „Conflitos no Campo Brasil 1997“ ermittelte die Landpastorale der katholischen Kirche Brasiliens für 1997, dass in den Köhlergebieten von Minas Gerais und im Mato Grosso etwa 14.000 Erwachsene und 1.200 Kinder unter unmenschlichen Bedingungen und ohne Lohn arbeiteten.
Über ein Jahrhundert nach ihrer offiziellen Abschaffung lebt also in Brasilien das Erbe der Sklaverei in Rassismus und Diskriminierung fort. Von rund 160 Millionen BrasilianerInnen im Jahr 1995 bezeichneten sich lediglich 4,9 Prozent als afrobrasilianisch, 39,3 Prozent dagegen stuften sich selbst als morenos, d.h. als Dunkelhäutige oder Mischlinge ein. Zurückzuführen sind diese Zahlen auf die Ideologie des branqueamento, der sogenannten „Aufhellung“, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur ideologischen Grundlage für die Europäisierung des Landes wurde. Mit pseudowissenschaftlichen Argumenten förderte die brasilianische Elite den Zuzug Tausender europäischer ImmigrantInnen, von denen man glaubte, dass sie Brasilien „zivilisatorisch aufwerteten“. Das schwarze Erbe wurde verdrängt, die afrobrasilianische Bevölkerung blieb wie zu Zeiten der Sklaverei dem Stigma der rassischen und sozialen Minderwertigkeit ausgesetzt.
Noch heute führt dieses Vorurteil dazu, dass afrikanischstämmige BrasilianerInnen ihre schwarzen Wurzeln verleugnen und sich dem weißen, nordamerikanischen beziehungsweise europäischen Wertesystem unterwerfen.
Die Diskriminierung macht sich in Vorurteilen wie „Schwarze sind faul und unzuverlässig“, „Schwarze sind sinnlich und sexuell“, „Schwarze sind nur in der Musik und im Fußball gut“ bemerkbar.

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