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„Das größte Problem ist die Verletzung der Menschenrechte!”

Fast nirgendwo sitzen, gemessen an der Bevölkerung, so viele Menschen in Gefängnissen wie in Chile. Gleichzeitig hat das Land aber im Vergleich mit anderen lateinamerikanischen Staaten eine der niedrigsten Kriminalitätsraten. Wie kommt es dazu?
Seit der Durchsetzung des Neoliberalismus während der Militärdiktatur hat sich nicht nur das ökonomische Modell, sondern zum Beispiel auch die Logik, wie Alltag und Gesellschaft an sich funk­tionieren, verändert. Sicherheit ist als Thema wesentlich wichtiger geworden. So wird von Seiten des Staates und der Medien ein Gefühl der Angst geschürt, wenn gesagt wird, das Schlimmste sei die Kriminalität. Dabei ist die Kriminalitätsrate niedrig. War früher der Terrorist die größte Bedrohung, ist es nun der Kriminelle. Sie klammern andere Risiken, die viel alltäglicher sind, aus. Etwa die Risiken, die mit der ökonomischen Unsicherheit zu tun haben oder dem schlechten Zugang zum Gesundheitssystem. Dies bedeutet dann eine Kriminalisierung von Armut. 90 Prozent der Menschen im Gefängnis sind arm. Und die Strafen für Delikte und auch die Anzahl der Delikte, die Menschen betreffen, die weder Zugang zum Markt noch zur geregelten Arbeitswelt haben, werden erhöht.

Was sind die größten Probleme?
Was am meisten an die Öffentlichkeit dringt sind die Überbelegung und der Zustand der Gefängnisgebäude. Von den 89 Gefängnissen in Chile gibt es einige, die noch aus dem 19. Jahrhundert sind, die meisten sind aus dem 20. Jahrhundert. Und jene, die in den letzten 13 Jahren gebaut wurden, sind voll. Im Gefängnis in Valparaíso, das 1999 eröffnet wurde, sind beispielsweise die Blöcke, die für 80 Gefangene ausgelegt sind, mit 330 Gefangenen belegt. Man muss sich das vorstellen: In einer Zelle, die zwei mal zwei Meter groß ist und für zwei Gefangene ausgelegt ist, leben jetzt fünf oder sechs. Das größte Problem in den chilenischen Gefängnissen sind meiner Meinung nach aber die Verletzungen von Menschenrechten. Die Gefangenen werden täglich misshandelt, gedemütigt, bedroht, provoziert – von den Gefängniswärtern. Und auch wenn die Sozialarbeiter die Gefangenen nicht verbal oder physisch misshandeln, dann tun sie dies durch Unterlassung, durch Indifferenz und durch Vernachlässigung.

Gibt es Bestrebungen, etwas zu ändern?
Seitens des Staates wurden nach dem Brand im Gefängnis von San Miguel 2010 (bei dem 80 Gefangene ums Leben kamen, Anm. d. Red.) elf Maßnahmen angekündigt: Eine davon ist, den Gefangenen mehr Decken zu geben, damit sie Feuer löschen können, eine andere ist die Installation von Sprinkleranlagen, und es wurden zum Beispiel auch Feuerschutzbrigaden mit Gefangenen und Wächtern gegründet. Aber der Diskurs hat nicht dazu geführt, dass die Bedingungen, unter denen die Gefangenen leben, diskutiert wurden.

Und die Überbelegung?
Die Regierung hat beschlossen, neue Gefängnisse zu bauen: Seit 2002 sollten es zehn werden, im Moment sind davon fünf in Betrieb, die alle privatisiert sind. Die Gefängnisse werden von Unternehmen gebaut und verwaltet, das einzige was die Gendarmería macht, ist für die Sicherheit zu sorgen, sprich Wärter bereitzustellen. Das führt dazu, dass die Kosten für den chilenischen Staat wesentlich höher sind. Ein Gefangener in einem öffentlichen Gefängnis kostet circa 450 Euro, in einem privatisierten Gefängnis belaufen sich die Kosten auf etwa 700 Euro pro Monat. Deswegen sollen jetzt Gefängnisfabriken gebaut werden, in die Firmen integriert werden, für die die Gefangenen dann arbeiten müssen. Hinzu kommt, dass auch die neuen Gefängnisse schon jetzt voll sind.

Warum kritisieren Sie das System?
Ich arbeite seit mehr als 18 Jahren in dieser perversen und ungerechten Umgebung. Ich denke, dass im Gefängnis das Schlimmste passiert, was einem Menschen passieren kann. Nicht nur wegen der Einschränkung der Freiheit, sondern weil alle Rechte, die jeder Mensch hat, eingeschränkt und verletzt werden. Gefangene fühlen sich nicht wie Personen.
Als ich als Sozialarbeiterin anfing, habe ich mich angepasst und Verhaltensweisen übernommen, die einem, wenn man im Gefängnis selbst drin ist, normal erscheinen und die man erst erkennen muss. Als ich dann für zwei Jahre meinen Master in Buenos Aires gemacht habe, weit weg von meiner Arbeit und ich mit einigen Basisorganisationen von Gefangenen und Angehörigen in Kontakt gekommen bin, hatte ich die Möglichkeit, mein Verhalten zu analysieren. Und vor allem zu erkennen, wie das Gefängnissystem funktioniert und wie auch die Sozialarbeiter fast schon wie Wärter agieren. Diese Distanz, die ich gewonnen habe, erlaubt mir, die Kritik aufrechtzuerhalten. Der Platz, den ich gerade einnehme steht vielleicht mit einem Satz auf einer Karte in Verbindung, die mir eine Freundin gegeben hat: „Die beste Art und Weise den Staat zu sabotieren, ist von innen“. Ich glaube, dass es so möglich ist, Veränderung zu erzeugen, wenn auch nicht auf struktureller Ebene, so doch auf persönlicher Ebene und selbst, wenn es nur eine Person betrifft.

Was wären die strukturellen Veränderungen?
Mich würde es zum Beispiel freuen, wenn es keine Gefängnisse mehr gäbe [lacht]. Aber ich glaube, so lange es sie gibt, geht es darum, die Gefangenen mit Würde zu behandeln. Es geht dabei um mehr als die Überbelegung oder den Zustand der Gebäude. Es geht darum, den Zugang zu Gesundheitsversorgung zu verbessern, dass die Unterstützung, die sie bekommen, ihren Bedürfnissen entspricht und vor allem, dass sie wie Personen behandelt werden. Allerdings sehe ich hier keine guten Entwicklungen. Mit den Gefängnissen geht es bergab. Die Ungerechtigkeiten werden immer offensichtlicher und es wird immer deutlicher, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen eingesperrt werden. In Chile sind das die Armen, in Europa Migranten, in den USA Afroamerikaner. Wie gesagt, mir scheint, als sollten Gefängnisse nicht existieren, aber das würde eine echte Revolution bedeuten [lacht]. Deswegen arbeite ich auf kleiner Ebene und unterstütze Gefangene, die sonst kaum Unterstützung bekommen, und versuche, ihnen dabei zu helfen, sich ihrer Rechte bewusst zu sein und sich selbst zu artikulieren.

Infokasten:

Marion Silva
ist Sozialarbeiterin im Gefängnis von Valparaíso. Sie ist Angestellte der Gendarmería de Chile, der Organisation, die für die chilenischen Gefängnisse verantwortlich ist.

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