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„Das ist nicht die Freiheit, die wir wollen“

Schwul und Links zu sein ist in Lateinamerika eine Kombination, die bei über 30-jährigen Seltenheitswert hat. Wenn man schon kämpfen will, dann vermeidet man einen Zweifrontenkrieg. Die Folge: Offen Linke verbergen ihre Homosexualität, offen Schwule verneinen eine linke Gesinnung. Das ändert sich, im Süden des Kontinents und in Mexiko schneller als in den sehr konservativen Gesellschaften Zentralamerikas und des Andenraumes. Der Kampf gegen AIDS hat Schwule zu Aktivisten werden lassen. In Buenos Aires und vor wenigen Wochen in Mexiko-Stadt haben sich Schwule und Lesben das Recht auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften erkämpft oder stehen kurz davor. Mit zeitlicher Verzögerung von zehn Jahren im Vergleich zu Europa oder den USA erlebt Lateinamerika den klassischen Kampf um Bürgerrechte, um Anerkennung in einem bürgerlichen Leben. Unter mehr und mehr Jüngeren jedoch gewinnt ein dezidiert antikapitalistischer, anti-neoliberaler und anti-hegemonialer Ansatz an Bedeutung, der den Schulterschluss mit anderen sozialen und politischen Bewegungen sucht. Schwule, Lesben und Transgender drängen verstärkt in linke Zusammenhänge.
Ein Beispiel dafür sind die regelmäßigen Treffen sozialer Gruppen und Organisationen, die internationalen und lateinamerikanischen Sozialforen oder wie im letzten Jahr, die 16. Weltfestspiele der Jugend und Studierenden in Caracas – auch wenn diese immer noch überwiegend heterosexuelle Veranstaltungen darstellen. Immerhin: Ein mit fast Tausend Delegierten erstaunlich gut besuchtes Seminar setzte sich in Caracas mit Diskriminierung und Gewalt aufgrund des Geschlechts und der sexuellen Orientierung auseinander. Das Seminar baute auf eine entsprechende Veranstaltung auf, die Anfang 2005 auf dem Weltsozialforum im brasilianischen Porto Alegre stattfand und aus dem eine Broschüre mit dem Titel Jugendliche in Bewegung – Jugend und sexuelle Diversität auf dem Weltsozialforum entstanden war. Schwule, Lesben, offen lebenden Bisexuelle und Transgender haben den Kampf gegen neoliberale Politiken für sich entdeckt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Erkaufte Freiheit

Andererseits findet das Freiheitsversprechen und die Ideologie des Marktes seine Anhänger und Apologeten auch in den schwulen Szenen. Große Pharmafirmen, Versicherungsunternehmen oder Automarken werben inzwischen um eine zahlungskräftige schwule – und nicht (oder noch nicht?) lesbische oder transsexuelle – Kundschaft. Gerade innerhalb der schwulen Szenen überall auf der Welt wird Geld zunehmend ungeniert zur Schau gestellt und als sexy empfunden. Dem brasilianischen Aktivisten Mario Carvalho stößt solche Freiheit übel auf: „Für Schwule ist da ja ein ganz wunderbarer Markt geschaffen worden. Warum nur für Schwule und nicht auch für Lesben? Es liegt natürlich vor allem daran, dass Männer heute immer noch mehr verdienen als Frauen. Zwei Männer können also eine Beziehung innerhalb des kapitalistischen Systems finanziell sehr gut ausstatten. Und da schwule Paare meistens keine Kinder haben und es oft auch keinen Kontakt zum Rest der Familie gibt, bleibt natürlich ein Haufen Geld übrig“. Genau dort beginne ein großes Geschäft, die Vermarktung der schwulen Lebensweise. Schwule müssten doch unentwegt für ihre Freiheit bezahlen, so Carvalho. Mit dem Eintrittsgeld für eine Disko oder eine Bar, für schwule Pauschalreisen, für teure Appartements in schwulenfreundlichen Gegenden. „Nein, das ist nicht die Art Freiheit, die wir haben wollen. Wir wollen uns nicht einfach den Markt aufdrücken lassen, in allen Winkeln unseres Lebens“ sagt Mario Carvalho.
Er ist nicht der Einzige. Gerade von jüngeren AktivistInnen werden Selbstbezogenheit und Materialismus in der schwulen Szene zunehmend kritisiert. Der Kampf um soziale und politische Rechte, an denen den LGBTs als ArbeiterInnen und StudentInnen ebenfalls gelegen sein müsse, werde weitgehend ausgeblendet, heißt es. Eine Wortmeldung einer argentinischen Teilnehmerin bei den Weltfestspielen der Jugend in Caracas macht dies deutlich: „Wir sehen die absolute Notwendigkeit einer autonomen LGBT-Bewegung mit einem klaren antikapitalistischen Ansatz! Wir sind überhaupt nicht einverstanden mit diesen ganzen internationalen Netzwerken schwuler und lesbischer NGOs, die sich um sich selbst drehen und die es nur gibt, weil sie von außen, nämlich aus staatlichen Quellen finanziert werden. Wir dagegen fordern den Schulterschluss mit anderen Bewegungen. Denn wir ALLE werden durch dieses kapitalistische und patriarchale System unterdrückt. Auch wir Schwulen und Lesben sind arbeitslos, studieren in zerfallenden Universitäten, leiden als Kranke an einem miserablen Gesundheitssystem. Ein würdevolles Leben werden wir uns in einem kapitalistischen System niemals erkämpfen können, denn der Kapitalismus fußt auf der Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen – auch von Männern durch Männer, von Frauen durch Frauen. Wie gesagt, unser Ansatz ist radikal.“
Ein solcher, radikaler Ansatz kommt gerade innerhalb der schwulen Szene nicht von ungefähr: Denn Machismus und Rassismus sind in den schwulen Szenen von Mexiko-Stadt, San Salvador oder Guatemala-Stadt, von Caracas, Quito oder Buenos Aires nicht weniger ausgeprägt als bei den heterosexuellen Geschlechtsgenossen. Im Gegenteil: „In Ecuador und Bolivien müssen sich schwule Indígenas in der mestizisch dominierten Schwulenszene als Cholos beschimpfen lassen, als dreckige Indios“ entrüstet sich Rio, der aus diesem Grund vor fünf Jahren seine ecuatorianische Heimatstadt Cuenca verlassen hat. Heute schlägt er sich im spanischen Granada illegalisiert und mit schlecht bezahlten Jobs durch. Dafür bekomme er aber weit weniger Ressentiments aufgrund seiner Hautfarbe zu spüren, als in seiner Heimatstadt, so Rio.

Dominanz- und Gewaltfantasien

In Mexiko-Stadt haben sich Nazi-Uniformen zu einem Fetisch entwickelt, zu einem Symbol für Männlichkeit und Dominanz, während in Chatrooms der Run auf passive Jungen gestartet worden ist, die sich wie eine „Hündin vögeln, schlagen und benutzen“ lassen. Offen fordern schwule Machos zudem vom passiven Coun­ter­part, sich „bare“, also ohne Gummi ficken zu lassen. Die weit verbreitete Ansicht, der aktive Part könne sich nur schwer mit HIV infizie­ren, ist dabei zweitrangig. Es geht um männliche Domi­nanz- und Gewalt­fan­tasien und um ein bemühtes Kopieren traditioneller Rollenbilder, wie der 23-jährige Schau­spieler Carlos Pereira aus Mexiko Stadt vermutet: „Aktive schwule Män­ner wollen auch in einer homo­­­sexu­ellen Beziehung ihrer männlichen Do­mi­nanz­rolle gerecht werden und sie wollen diese auch ausleben.“ Wäh­rend Frauen in Lateinamerika immer selbstbewusster würden und sich gegen diese Art männ­licher Dominanz zu wehren versuchten, fügten sich passive Jungen und Männer bereitwillig in diese Rolle. „Das sieht zwar nach sexuellen Rollen­spielchen aus“, sagt Pereira, „hat aber einen für meinen Geschmack ziemlich ekligen Hintergrund.“
In Guatemala-Stadt tobt seit einigen Monaten ein Krieg zwischen drei schwulen Disko-Betreibern, die in wechselnden Allianzen zur Geschäftsschädigung der Konkurrenz nicht davor zurückschrecken, mit dem Todfeind eines jeden lateinamerikanischen Schwulen zu paktieren: der Polizei. In Caracas werden von zahlungskräftigen Schwulen solche Kneipen gemieden, die von „la gente fea“, von „den Hässlichen“ besucht werden – wobei sich „hässlich“ nicht auf die physische Attraktivität bezieht, sondern auf schwule Männer aus unteren Einkommensschichten! Die Schwulenszene in Lateinamerika (und nicht nur dort) scheint bisher kein sichtbares Gegenmodell zur traditionellen Diskriminierung der eigenen Lebensweise entworfen zu haben. Im Gegenteil: Teilweise werden die am eigenen Leibe erfahrenen Mechanismen im Umgang miteinander kopiert oder sogar verstärkt.
Von einer Einigkeit der Queer-Community kann also keine Rede sein. Was schon innerhalb der schwulen Szene an Neid, Missgunst und Hass ausgetauscht wird, trifft erst recht die Transsexuellen. Sie sind nicht nur Opfer von Diskriminierung durch heterosexuelle Machos – ob Polizisten, Arbeitgeber, Kollegen oder Freier – sondern auch durch Schwule. Transsexuelle werden als Showacts respektiert, doch wenn die Show vorbei ist, gelten sie auch vielen Schwulen als Abschaum der Gesellschaft. Dabei haben gerade Transsexuelle und Transvestiten oftmals ein starkes Selbstbewusstsein und einen hohen Organisationsgrad entwickelt. In Guatemala- Stadt haben transgeschlechtliche Sexarbeiterinnen im letzten Jahr begonnen, sich zu organisieren, um sich besser gegen polizeiliche Übergriffe und die allgemeine Diskriminierung zur Wehr setzen zu können. Von der Mehrheit der Schwulen ist das „T“ der LGBT-Bewegung in puncto Solidarität jedenfalls reichlich enttäuscht, ebenso vom bürgerlich-kapitalistischen Gestus eines Großteils der sichtbaren Schwulenszene. Einigermaßen akzeptiert sind die Transsexuellen oft dort, wo man es am wenigsten vermutet: In den marginalisierten Barrios Populares von Guatemala-Stadt und Caracas oder in brasilianischen und mexikanischen Dörfern, wo sie sich, wenn sie Glück haben, in zwar konservativen, aber überschaubaren Gemeinschaften als „schriller“ Teil einer „Familie“ einigermaßen aufgenommen fühlen dürfen.

Homophobie und Machismus der Linken

So sucht die neue Generation der politisch bewegten Schwulen, Lesben und Transgender den Ausbruch aus dem schwulen Ghetto und den Schulterschluss mit der sozialen und links-politischen Bewegung des Kontinents. Auch der kolumbianische Anwalt German Rincón Perfetti ist davon überzeugt, dass „wir als Schwule endlich über unseren Tellerrand hinausschauen müssen“, um die Diskriminierung durch die Gesellschaft, aber auch innerhalb der LGBT-Szene zu überwinden. Solche Initiativen werden von den sozialen Bewegungen jedoch nicht immer freudig begrüßt. Die Reaktionen auf die Mitarbeit offen schwuler oder lesbischer AktivistInnen, vor allem in den Gewerkschaften, reichen von Unsicherheit bis zur offenen Ablehnung. Der Machismus innerhalb der lateinamerikanischen Linken sorgt zudem immer noch dafür, dass Frauen und Lesben einen schweren Stand in der sozialen Bewegung haben. Beide Elemente verbinden sich, wenn es um Transsexuelle geht, die auch in linken Zusammenhängen am meisten unter Diskriminierung zu leiden haben. Aber während sich ältere Generationen aus der LGBT-Bewegung davon abschrecken ließen und sich zunächst um ihre eigenen Belange kümmerten, fordert die jüngere Generation mit wachsendem Nachdruck ein Mitspracherecht innerhalb der sozialen Bewegung.
Schwule, Lesben und Transsexuelle sind in Lateinamerika in den letzten zehn Jahren sichtbarer und selbstbewusster geworden. So gibt es von Mexiko bis Chile mehr und mehr politische Initiativen, die nicht nur für schwule Bürgerrechte kämpfen, sondern grundlegende gesellschaftliche Veränderungen bewirken wollen, sei es in Gewerkschaften, Universitäten oder Stadtteilorganisationen. Die linke, soziale, anti-neoliberale Bewegung in Lateinamerika ist also um eine Facette reicher. Für Schwule, Lesben und Transsexuelle können sich daraus spannende Entwicklungsmöglichkeiten ergeben, freut sich German Rincón Perfetti aus Kolumbien. Denn „die Möglichkeit, aus dem homosexuellen ‚Ghetto‘ auszubrechen, um beim Aufbau einer besseren, sozialeren und respektvolleren Gesellschaft zu helfen, ein solcher Prozess ist absolut göttlich.“

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