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„Das Recht funktioniert nur für die Reichen“

Testimonio 1:

„Höflichst – das kommt gar nicht in die Tüte!“
Oberdam, Coque, Recife: erhielt im August 2013 die Räumungsankündigung

40.000 Menschen wohnen im Stadtteil Coque in Recife, nahe des Hafens. Die in den Me­dien gerne als verrufen dargestellte Gegend ist wegen der Lage seit Jahren Ziel von Immobilienspekulation. Nun sollen für „Mobilitätsprojekte“ zur WM dort 58 Familien geräumt werden, damit der Metro-und Busbahnhof Joana Bezerra erweiterte Zufahrten erhält. Oberdam wohnt seit langem im Coque – und nun soll er von dort verschwinden.

„Ein Rundschreiben vom Amt: ‚Name der Person. Werter Herr. Höflichst grüßend…‘ Höflichst! Das Wort gibt es nicht… Höflichst! – das kommt gar nicht in die Tüte! ‚Ich lade Sie ein, auf dem Amt so und so zu erscheinen. Am 12. August 2013 um 9 Uhr, zwecks Durchführung der Verhandlung über das Grundstück zum Terminal Joana Bezerra, basierend auf den ermittelten Werten infolge Begutachtung desselben. Das Grundstück befindet sich auf zur Enteignung vorgesehenem Gelände.‘ Mit anderen Worten: nach ich weiß nicht wie vielen Jahrzehnten fällt ihnen das auf einmal auf! Die wollen uns für dumm und dämlich verkaufen! Mehrere Jahrzehnte. 50 Jahre – und jetzt fiel ihnen das auf? Das kauf‘ ich denen nicht ab! Ich fühle mich direkt angegriffen. Dies umschreibt es am ehesten. Weil, was sie da vorschlagen, das ist nicht richtig. Diese WM da, die kommt nach Brasilien – das ist wie verflucht. Das ist ein Fluch. Ich bin mehr als empört. Und gleichzeitig könnte ich weinen vor lauter Wut, jeden Tag diese Absurditäten zu sehen.“
// coque vive. Gekürzte Übersetzung: Felipe Bley Folly und Christian Russau

Testimonio 2:

„Bei Regen bleib‘ ich draußen“
Jussara Becker, Vila Cruzeiro, Porto Alegre: steht dem Ausbau einer Entlastungsstraße im Weg

Die zweispurige Avenida Tronco in Porto Alegre soll zu einer vierspurigen Entlastungsstraße ausgebaut werden. Die Maßnahme ist Teil der Baumaßnahmen für die WM. Wer in den Häusern dort wohnt, wird „umgesiedelt“. Dies betrifft rund 1.520 Familien. Das Testimonio erfolgte im Juli 2013.

„Mein Haus steht zwischen zweien, die schon weg sind. Und was passiert? Als sie die wegmachten, mit ihren Maschinen, da senkte sich mein Dach. Heute, bei Regen, da bleib‘ ich lieber draußen als da drinnen. Seit Monaten warte ich, dass mir irgendwer was sagt. Jedesmal, wenn du auf‘s Amt gehst, redest du mit fünf Leuten, jeder sagt dir was anderes. Das ist so eine Mißachtung von uns, die wir da schon so lange leben! Und wer sagt mir, wann ich raus muss? Zuerst verlieren sie das Papier, und dann weiß keiner, in welcher Abteilung genau sie gerade sind. Seit vier Monaten arbeiten sie an einem Entwurf.
Niemand respektiert uns Bewohner, das ist die Wahrheit. Da gibt es Ratten, Abwässer dringen in meine Zimmer ein. Ich habe kein Wohnzimmer mehr, keine Küche. Mein Haus ist ein Saustall!“
// coletivo catarse. Gekürzte Übersetzung: Felipe Bley Folly und Christian Russau

Testimonio 3:

Einfach das Haus abgerissen
Francisca de Pinho Melo, comunidade Restinga, im Stadtteil Recreio dos
Bandeirantes, Rio de Janeiro: musste einer Busspur weichen

Francisca de Pinho Melo, 46 Jahre, lebte und arbeitete in der comunidade Restinga. 2010 wurden dort 153 Familien geräumt. Ohne vorherige Ankündigung kamen die Bulldozer, und Beamte der Stadtbehörde und rissen die Häuser und Geschäfte der Familien ein. Die Behörde argumentierte, dass dort die Avenida das Américas für die Schnellbuslinie BRT Transoeste erweitert werden müsse. Das Testimonio erfolgte am 17. Dezember 2010.

„Ich sah, wie die Maschine mein Tor zertrümmerte. Ich wollte da reingehen, aber ein junger Mann hielt mich zurück. Ich versuchte nochmal, aber er ließ mich nicht. Ich wollte da rein, um mich vor die Tür zu stellen und zu sehen, ob ich sie nicht stoppen könnte. So naiv war ich…
Ganz spontan griff ich nach der Vorhängekette, um abzuschließen, ich dachte, vielleicht hören sie auf und reden mit mir und den anderen Bewohnern. Vielleicht so den Abriss zu stoppen… von unseren Häusern, den Geschäften, von all dem. Aber meine Schwester und meine Tochter schrien, ich solle da weggehen. Und dann kamen sie und fingen an, alles abzureissen. Da wußte ich nicht mehr, was tun? Meine Tochter hielt mich zurück. Ich wollte ins Haus, die Tür hinter mir abschließen und dort alleine bleiben. Als ich die Verzweiflung meiner Tochter und meiner Schwester sah, gab ich auf. Ich bin dann nur kurz rein, hab‘ ein paar Unterlagen geholt und wir gingen zum Haus meines Bruders. Ich stand unter Schock. Warum nehmen sie den Leuten ihr Haus weg, für das sie so lange sich aufgeopfert hatten? Seit sechs, sieben Jahren hatten wir die Schreinerei. Ich, meine Schwester, meine Tochter und noch einige weitere Verwandte arbeiteten dort. Unser Einkommen war gut, wir kamen über die Runden. Aber nachdem das mit dem Abriss geschehen war, haben wir drei Monate gar nichts mehr verdient. Wir wohnten dann zur Miete. Das Schwierigste, das sind die Kinder. Es ist schwer, dein Kind zu sehen, wie es dich um etwas bittet. Meine Freunde, Verwandten, Nachbarn spendeten uns eine Tür, eine Veranda – und nun verkaufe ich da was zum Essen, Sandwiches, Erfrischungsgetränke. Ich arbeite jetzt 18 Stunden am Tag. Ich habe alles verloren, mein Haus, meine Arbeit, die Einkommensquelle meiner Familie.“
// A Pública. Gekürzte Übersetzung: Christian Russau

Testimonio 4:

„Hier vertreibt mich niemand!“
Dona Alzenir, Comunidade João XXIII, Fortaleza: soll der neuen Tram weichen

Die alte Bahnlinie Parangaba – Mucuripe verbindet den Stadtrand mit dem Hafen von Fortaleza. Seit Jahren verkehrt einmal täglich ein Güterzug auf der etwa 15 Kilometer langen Strecke, die dabei 22 comunidades durchkreuzt. Eng an den Gleisen wohnen seit Jahrzehnten mehrere tausend Menschen. Nun soll für die WM dort eine neue Tramlinie gebaut werden (siehe LN 441). Schätzungen zufolge sind bis zu 15.000 Menschen von Räumung bedroht. Doch Widerstand regt sich. Die Anwohner_innen haben eine Kampagne unter dem Slogan „Von hier gehe ich nicht weg! Hier vertreibt mich niemand!“ gestartet. Elf Monate vor Beginn der Spiele ist der Bau zu einem Drittel fertig. Einige Räumungen fanden bereits statt, doch der Widerstand der Bevölkerung hat Landes- und Stadtregierung entzweit, wer für die Räumungen zuständig sein muss. Und die Bewohner_innen setzen sich noch immer zur Wehr. Anfang September hat die Staatsanwaltschaft vor Gericht Einspruch gegen die Räumungspläne der Regierung erhoben.

„Ich lebe hier seit Februar 1975. Hier gab es nichts. Nur Gestrüpp, Mücken und der vorbeifahrende Zug ab und an. Hier kam nicht mal ein Leiterwagen vorbei, nur herumstreunende Tiere.
Ich bin seit damals hier und hier gehe ich nicht weg. Ich habe das Land gekauft.
Ich habe das Dokument, das zeigt, wie lang, wie breit das Grundstück ist, wer der Nachbar rechts, wer der von links ist, wer der da hinten ist. Alles auf Papier.
Wir haben bezahlt und dafür das Dokument erhalten. Mit all unserer Schufterei haben wir das Haus hier gebaut. Da gab es kein Bad, kein gar nichts. Und jetzt kommen da diese Firmen her, wie so aus dem Nichts. Bringen die Apparate zum Filme und Messen mit.
Sie sagen, das sei Anweisung der Regierung, das müssten wir befolgen. Das haben wir auch, ohne zu wissen, worum es überhaupt geht. Sie kamen alle auf einmal, an einem Samstag. Da brachten sie diese Maschine und fragten nach meinen Papieren. Dann notierten sie alles und filmten hier rum.
Ich will hier nicht weg. Mir gefällt es hier. Als ich hier ankam, und es hier nichts gab, schon da gefiel mir das. Und jetzt haben wir hier alles.
Wer hier zuerst war, das waren wir.“

// comunidades do trilho. Gekürzte Übersetzung: Felipe Bley Folly und Christian Russau

Testimonio 5:

Weg wegen Flughafenausbau
Gunther Oscar Banach und Roseli Aparecida Reinaldi, Vila Nova Costeira, São José dos Pinhais, Curitiba: sind der dritten Landepiste des Flughafens im Weg

Vor mehr als 20 Jahren erhielten Gunther Oscar Banach und Roseli Aparecida Reinaldi von den örtlichen Behörden das Wohnrecht. Nun sollen die Anwohner_innen dem Bau der dritten Landebahn des Flughafens Afonso Pena des WM-Austragungsort Curitiba weichen. In dem Haus des Ehepaars wohnen zusammen zehn Personen. Sie wissen nicht, wann sie geräumt werden und nicht wohin. Das Testimonio erfolgte im Mai 2013.

Gunther: „Wir erfahren nichts Genaues. Wir wissen nicht, ob wir umgesiedelt werden, und wenn ja, wohin? Wohin werden sie uns verfrachten? Die Flugaufsicht Infraero sagte, da muss eine Straße weg. Aber schaut man sich das genauer an, dann muss da ein ganzer Stadtteil weg.“
Roseli: „Ich halte hier in meinen Händen das Dokument vom damaligen Bürgermeister, das uns den Grundbesitz hier bestätigt. Er gab uns das, unterzeichnet, 1992. Seither sind wir hier und nun mit all diesem Irrsinn der dritten Flugpiste, wissen wir nicht, wohin, was geschehen wird, ob sie uns in Geld auszahlen? Oder einen anderen Ort geben? Woanders was bezahlen, nur damit wir dort ein Loch vorfinden, nein, das geht nicht!“
Gunther: „All das hier haben wir gemacht. Sogar die Bürgersteigkante. Und den Asphalt selbst. Die Leitungsrohre. Die Behörden haben hier gar nichts gemacht. Wenn sie uns vertreiben, dann müssen sie uns entschädigen.“
// Comitê Popular da Copa Curitiba. Gekürzte Übersetzung: Felipe Bley Folly und Christian Russau

Testimonio 6:

„Wir wollen unsere Würde“
André, 31 Jahre, Favela da Paz, in der Nähe des WM-Stadions im Stadtteil Itaquera, Ostzone von São Paulo: soll sein Haus verlassen

André wohnt seit 1996 in der Favela da Paz im Stadtteil Itaquera. Seit er herzog, lebt er mit der Angst, aus seinem Haus geräumt zu werden. Denn für die Stadtverwaltung steht sein Haus in einer Risikozone und zudem auf öffentlichem Grund. Seit aber die Fußballweltmeisterschaft immer näher rückt, nimmt der Druck auf die Bewohner_innen zu – denn sie wohnen in direkter Nachbarschaft zum neuen WM-Stadion Itaquerão. Das Testimonio erfolgte im August 2013.

„Seit 1996 wohne ich in der Favela da Paz. Die ersten Familien zogen 1993 dort hin. Gleich danach begannen die ersten Prozesse um Räumung und Rückgabe des Landes an den ursprünglichen Eigentümer, aber die Leute von der Stadt kamen und sagten, die comunidade müsse sich keine Sorgen machen und dass sie einen Wohnplan für uns hätten. Das beruhigte die Leute, aber schläferte sie auch ein. Wir haben uns also erfassen lassen – und hinterher haben wir nie mehr was gehört.
Aber als klar wurde, die WM kommt nach Brasilien und hierher zu uns, da gerieten wir unter Druck. Dann erfuhren wir ganz zufällig, dass unsere Räumung für den 26. April 2013 angesetzt war. Wir haben sofort eine einstweilige Verfügung eingereicht, und die Staatsanwaltschaft wies auch darauf hin, dass es so nicht ginge, weil es eine Vereinbarung mit der Wohnungsbehörde gab, dass es Räumungen nur geben dürfe, wenn auch Alternativen da wären. Wir haben dann selbst den Alternativplan für die Favela da Paz erarbeitet. Das Gelände ist groß und daneben gibt es noch eins, das ist auch von der Stadt, und wir schlugen vor, dahin umzuziehen: so wäre das Problem der Risikozone umgangen worden und das Gelände könnte Anschluss an die Kanalisation, Strom und Verkehrswege erhalten. Der Bürgermeister selbst sagt, er wolle der Bevölkerung von Itaquera eine nette Erbschaft hinterlassen, aber so geht das nicht, uns einfach von hier zu vertreiben. Für mich und meine Kinder ist es wichtig, dass unser Haus dort in der Nähe steht, um in Würde zu leben, mit Lebensqualität, Anschluss an die Kanalisation, an Infrastuktur…
Bis heute haben noch immer keine Antwort erhalten. Der Presse sagen sie, sie hätten ein Projekt, aber niemand sagt, wie, was, wo es gerade steht. Und dann fängt dieses üble Spiel an, immer hängt alles von der anderen Behördenstelle ab, dann vom Bürgermeister, dann von irgendeinem Bauvorhaben, von Finanzmitteln… Was sie für uns tun, ist einzig, dass sie durch dieses Wirrwarr den Räumungsprozess etwas verzögern.
Der Stadteil Itaquera ist sehr beliebt bei Immobilienspekulanten, weil sich wegen des Stadions hier alles verteuert. Vorher lag hier eine Miete bei unter 500 Reais, heute zahlst du im Durchschnitt 850 Reais, und da ist das Hausgeld, die anderen Kosten noch nicht mal mit drin. Und die Stadt bietet Wohnungsgeldhilfe in Höhe von 300 Reais an, das ist lächerlich.
Wir haben eine Stadtteilvereinigung der Anwohner. Die Familien stehen sich nahe, sie fragen einander, sie kümmern sich umeinander. Die Infrastruktur hier ist prekär. Wasser kommt nur nach Mitternacht. Strom ist auch furchtbar, den gibt es nur, weil die Bewohner das selbst installiert haben. Und die da oben? Die lassen sich dauernd neue Ausreden einfallen. Wir bezahlen unsere Rechnungen, das ist nicht das Problem. Aber wir wollen unsere Würde. Wir sagen ganz klar: wir wollen nichts geschenkt, wir sind Arbeiter, wir wohnen da nicht, nur weil wir das so wollen. Unglücklicherweise bietet die Regierung der Bevölkerung gar nichts.
Und mit der WM, da wird es brenzliger. Die Stadt sagte: im Dezember ist der äußerste Termin. Termin für was? Dass sie die Kavallerie rufen? Pfefferspray einsetzen? Werden sie alle vertreiben? Oder werden sie unser Problem mit einem Wohnungsbauprogramm hier in der Nähe lösen?
Ich begreif‘ nicht, wie sie reinen Gewissens das mit 300 Familien machen können. Wir alle schlafen nicht mehr richtig, wir können auch nichts mehr zur Verbesserung unserer Lebensumstände hier vor Ort machen, weil wer setzt hier schon irgendwas instand, wenn es am nächsten Tag heißen kann: ‚Packt eure Sachen auf den Pritschenwagen und fahrt weiß Gott wohin‘. Ich frage mich, wird die Militärpolizei heute kommen, um uns zu enteignen? Das geht allen hier so.”
// Júlio Delmanto. Gekürzte Übersetzung: Christian Russau

Testimonio 7:

beinahe zum dritten Mal im Leben geräumt
Das Haus von Altair Antunes Guimarães, comunidade Vila Autódromo, Stadtteil Jacarepaguá, Rio de Janeiro: sollte dem Olympiapark im Wege stehen

Altair ist 60 Jahre alt und seit 2003 Sprecher von 900 Familien der Vila Autódromo, Rio de Janeiro. Altair wurde bereits 1965 geräumt. 1995 stand dann sein Haus in der Cidade de Deus einer Schnellstraße im Weg. Und die Vila Autódromo sollte wegen Baumaßnahmen für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro zwangsumgesiedelt werden. Das Testimonio von Altair erfolgte im April 2011. Nach jahrelangem Kampf erhielt die Vila Autódromo im August 2013 vom Bürgermeister letztlich das Bleiberecht zugestanden. Widerstand lohnt sich offenbar doch.

„Ich wuchs auf in der comunidade Ilha dos Caiçaras, da an der Lagune Rodrigo de Freitas. 1965 war die Regierung von Carlos Lacerda. Der Vorwand war, dass wir die Lagune verschmutzten. Alles Lüge! Heute ist das der schickste Ort von Rio. Es war Immobilienspekulation. Es war Diktatur. Eine etwas andere Zeit, wo niemand sich beschwerte, aber so wie ich das sehe, war das gar nicht so anders. Weil heute, da hast du mehr Freiheiten, aber du darfst auch nicht schreien. Wenn du schreist, bekommst du sofort Pfefferspray ins Gesicht oder Prügel in dem Stil ‚Halt‘s Maul, dass du es kapierst‘.
Meine Familie wurde in einem Müllwagen geräumt. Als wir ausgeladen wurden, waren wir in einem Stadtteil, den niemand kannte und von dem wir noch nie gehört hatten. Ein Ort ohne Strom, Wasser, Schule, inmitten von Nichts. Da gab es nur Gestrüpp, lehmige Erde und Staub. Das war der Stadtteil Cidade de Deus. Ich fühlte mich verloren, ohne Freunde, ohne Boden, alleine. Ich war ohne Heimat.
Was sie mit mir gemacht hatten, das verstand ich erst 30 Jahre später, als mein Haus der Schnellstraße Linha Amarela, die das Zentrum der Stadt mit der Westzone Rios verbindet, im Wege stand. Die Häuser, in denen wir untergebracht wurden, waren so Maisonette-Häuschen. Die waren nicht nur klein, sondern die wollten uns nur das Skelett des Hauses geben. Nur den Boden und die Wände. Das Oben sollten wir Bewohner alles selber machen. Absurd. Damals fing mein Kampf an. Mein politisches Bewußtsein. Mit Widerstand und vielem Disput mit der Präfektur schafften wir es, dass die alle anfallenden Kosten übernahmen, so wie es sein sollte.
Dann zog ich weg aus der Cidade de Deus. Ich fing ein neues Leben an und entschied mich für die comunidade Vila Autódromo. Das war vor 16 Jahren. Ein ruhiger Ort, sehr grün, meine jetzige Frau ist von dort. Der Gouverneur Brizola vergab 1992 das Nutzungsrecht für 40 Jahre. Dann gab uns der Gouverneur Marcelo Alencar weitere 99 Jahre. Aber der jetzige Bürgermeister Eduardo Paes will die Vila Autódromo räumen. Dauernd läßt er sich was Neues einfallen. Mal sind wir Verschmutzer, Zerstörer, Unruhestifter, Eindringlinge, mal sollen hier die Unterkünfte der Athleten, mal ein Medienzentrum hinkommen, mal sind wir ein Rechenfehler oder wir werden Sicherheitszone der Olympischen Spiele – und jetzt gerade werden wir wieder zum Naturschutzgebiet, was gleichbedeutend ist mit, wir seien Zerstörer. Wir sind umzingelt von Luxus- und Mittelklassehäusern, aber Reiche verschmutzen ja nicht.
Mein Leben ist eine Geschichte von Kampf und Leid, von Streit mit den Regierungen, die dauernd meinen, dass sie die Armen einfach so nehmen und von einem Ort zum anderen schmeißen können.
Ich glaube nicht an das Recht für die Armen, für die Schwarzen und die Prostituierten. In diesem Land hier, da funktioniert das Recht nur für die Reichen.“
// Tatiana Lima, desInformémomos.org. Gekürzte Übersetzung: Christian Russau

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