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Vom Selbstschutz zum Drogenhandel

PCC: Seit Mai 2006 stehen diese drei Buchstaben in Brasilien für „Chaos und Panik verbreitender Terror“, so der einhellige Tenor in den brasilianischen Medien. Berichten brasilianischer JournalistInnen und zahlreicher ausländischer KorrespondentInnen zufolge verwandelte das Erste Hauptstadtkommando PCC (Primeiro Comando da Capital) São Paulo für ein paar Tage in ein „zweites Bagdad“. Die 1993 in den Gefängnissen von São Paulo entstandene Organisation wurde zum neuen Symbol für die ausufernde Gewalt in den brasilianischen Großstädten. Nachdem Drogenkommandos in Rio de Janeiro über sich selbst verbreiteten, ihre Machtposition sei ähnlich stark wie die der kolumbianischen Kartelle von Kali und Medellin, wird nun die PCC in São Paulo mit der italienischen Mafia verglichen.
In der Tat hatten die kriminellen Aktionen des PCC im Mai ein bisher nie da gewesenes Ausmaß erreicht. Den fast 300 Attentaten auf Shoppingcenter, Banken, Linienbusse und Polizeidienststellen fielen unter anderem 41 Polizisten und Sicherheitskräfte zum Opfer. Die chaotischen Zustände auf den Straßen der 15-Millionen-Metropole nach den verübten Morden und Anschlägen führten zeitweise zum Erliegen des öffentlichen Verkehrs, sodass Millionen von paulistan@s zwei Tage lang nicht ihrer Arbeit nachgehen konnten. Doch was ist das für eine Organisation, die fähig ist, eine derartige Gewaltwelle auszulösen?

Am Anfang stand eine Fußballmannschaft

Die 1993 von Häftlingen gegründete Fußballmannschaft Erstes Hauptstadtkommando wandelte sich unmittelbar nach einem blutigen Zwischenfall auf einem Fußballplatz zu einer Selbstschutzorganisation um, war also nicht von langer Hand geplant.
Am 31. August 1993 trat die Fußballmannschaft, die sich den Namen Erstes Hauptstadtkommando gegeben hatte, im Hochsicherheitsgefängnis Taubaté gegen das Team einer anderen Haftanstalt an. Noch bevor der Schiedsrichter das Spiel anpfeifen konnte, rannte einer der Spieler des PCC, der spätere Mitgründer der Gefängnisfraktion José Márcio Felício, Spitzname „Geleião“, ins andere Spielfeld und ermordete eigenhändig einen Gegenspieler. Es entstand ein Tumult zwischen den beiden Mannschaften, der von den Gefängniswärtern niedergeknüppelt wurde. Daraufhin schlossen die Mannschaftsmitglieder des PCC einen Pakt: Von nun an wollten sie sich gegenseitig vor Übergriffen des Vollzugspersonals schützen.
Das Gefängnismassaker von Carandiru im Oktober 1992, bei dem eine Sondereinheit der Militärpolizei 111 Häftlinge exekutiert hatte, war den Gefangenen noch deutlich gegenwärtig. Auch damals war ein Fußballspiel Auslöser für die Streitigkeiten unter den Gefangenen gewesen. (Siehe auch LN 382)
So sind die tieferen Ursachen für die Gründung des PCC in der Vorgeschichte einer jahrzehntelang andauernden menschenverachtenden und brutalen Gefängnispolitik zu suchen. „Wenn jemand einen Fehler macht, dann soll er eine Chance bekommen, so steht es im Strafvollzugsgesetz. Ihm muss Bildung und bezahlte Arbeit angeboten werden. Es gibt keinen Grund, uns als Monster zu behandeln“, so der heutige PCC-Anführer Williams Herbas Camacho, Spitzname „Marcola“. Auch Staatsanwalt Márcio Christiano, der seit mehreren Jahren gegen das PCC ermittelt, räumt ein: „Es ist unbestreitbar, dass das Gefängnissystem den Nährboden geschaffen hat, auf dem das PCC entstehen konnte.“
Im ersten Artikel des später verfassten Statuts schwören die PCC-Mitglieder sich und ihrer „Partei“ „Loyalität, Respekt und Solidarität“. Dieser Zusammenschluss richtete sich nicht nur gegen routinemäßige Misshandlungen durch Gefängnisaufseher, sondern diente auch als Schutz vor Übergriffen von Mitgefangenen. PCC-Anführer Marcola kann sich noch gut daran erinnern, dass solidarisches Verhalten unter den Gefangenen nicht existierte und sich nur die gewalttätigsten Häftlinge Respekt verschaffen konnten. „Das PCC hat das beendet“, sagte er JournalistInnen. Tatsächlich konnte das PCC den weit verbreiteten Vergewaltigungen von Mitinhaftierten ein Ende bereiten – indem es die Todesstrafe androhte. Seit Übernahme der Befehlsgewalt des PCC in den Haftanstalten gingen auch die Morde unter den Gefangenen zurück. Getötet wurde weiterhin, allerdings ausschließlich auf Anordnung der Organisation. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre stieg die Mordrate jedoch wieder an. Ursache waren neu entstandene Gefängnisfraktionen wie die Satanische Sekte (Seita Satânica) aus dem Jahre 1994 und das Brasilianische Revolutionärskommando zur Kriminalität (Comando Revolucionário Brasileiro da Criminalidade) von 1999, dessen Versuch aber scheiterte, die Vormachtstellung des PCC zu brechen.

Anerkennung, Medikamente und Kokain

Mag sein, dass dieser Hintergrund eine Rolle gespielt hat, die der „Partei“, wie das Erste Hauptstadtkommando auch genannt wird, den starken Zulauf verschaffte. Im Jahre 2003 hatten sich im Bundesstaat São Paulo immerhin 93.000 der insgesamt 102.000 Gefangenen angeschlossen.
Das Hauptmotiv ist jedoch in der enormen Aufwertung zu suchen, die die Inhaftierten durch ihre Zugehörigkeit zum PCC erfahren und sie aus der Masse der Namenlosen heraustreten lässt: Zum ersten Mal seit ihrer Unterbringung erhalten sie wieder eine Identität.
José de Jesus von der Gefängnispastorale kann dies nachvollziehen: „In einer Gesellschaft, in der die Familie dich nicht respektiert, die Polizei dich misshandelt und der Richter dich demütigt, wirkt das PCC faszinierend auf junge Menschen.“
Zudem beschaffte die „Partei“ ihren Mitgliedern alle Dinge des täglichen Bedarfs, die ihnen die Gefängnisleitung widerrechtlich vorenthielt: Toilettenpapier, Zahnbürsten, Medikamente usw. – und darüber hinaus auch Luxusgüter: Marcola ist dafür bekannt, nur Nobelmarken wie Tommy Hilfiger, Armani und Nike zu tragen und seine Pizza in den besten Restaurants der Stadt zu bestellen. Darüber hinaus betrieb das PCC einen schwunghaften Handel mit Marihuana, Kokain und Crack.

Piloten und Soldaten

In dem von Anfang an hierarchisch strukturierten Hauptstadtkommando standen zunächst die Gründer der Organisation wie Geleião an der Spitze. Ihnen nachgeordnet sind die so genannten „Piloten“. Jedes Gefängnis untersteht dem Kommando eines Piloten. Ihm wiederum sind seine „Soldaten“ unterstellt, die zu absolutem Gehorsam verpflichtet sind, wofür sie eine Reihe von Privilegien genießen, wie zum Beispiel saubere Gefängniszellen. Die „Piloten“ entscheiden auch darüber, welchem Taufritual sich Angeworbene unterziehen müssen. Einigen genügt die Anerkennung des 16 Artikel umfassenden Statuts, andere fordern das Trinken von Tierblut. Alle Mitglieder des PCC sind verpflichtet, nach ihrer Freilassung an die „Partei“ einen Teil ihres Einkommens abzuführen. Nichtzahlern droht der Tod.
Das PCC versorgt mittellose Familien der Inhaftierten mit Grundnahrungsmitteln und finanziert die Reisekosten, die den Angehörigen Besuche im Knast ermöglichen. Obwohl das Strafvollzugsgesetz die Unterbringung in einem Gefängnis in Wohnortnähe vorschreibt, sitzt die Mehrheit der aus São Paulo stammenden Häftlinge in Gefängnissen ein, die sich weit ab im Hinterland des Bundesstaates befinden. Ihre Angehörigen müssen deshalb regelmäßig mehrstündige Busfahrten in Kauf nehmen.
Viele Gefangene werden häufig monate- wenn nicht jahrelang in Untersuchungshaft festgehalten und über die Anklagepunkte im Ungewissen gelassen. Nach dem Verbüßen der Haftstrafe erfolgt die Entlassung in die Freiheit nicht automatisch, sondern erst, nachdem über mehrere bürokratische Hürden ein Antrag auf Haftentlassung gestellt wurde. Inhaftierte sind deshalb extrem abhängig von der Unterstützung eines Rechtsbeistandes, dessen Honorar ebenfalls vom PCC übernommen wird.
Marcolas Weg
Der führende Kopf des PCC Marcola kennt die Gefängnisse von São Paulo so gut wie seine eigene Westentasche. Als der ehemalige office-boy mit 18 Jahren in das berüchtigte Gefängnis Carandiru eingeliefert worden war, wird ihm alles beigebracht, was man für eine kriminelle Karriere braucht. Marcola belässt es aber nicht dabei. Er besucht fleißig die Bibliothek und erreicht nach einem Fernkurs den Grundschulabschluss. Marcola ist nach Ansicht des Staatsanwalts Christiano „ein weitsichtig planender Mensch, der fast immer im Hintergrund bleibt, aus dem er die Fäden zieht“. Er selbst streitet seine Rolle ab. „Ich kämpfe nur für meine Rechte (….). Die Presse hat mich zum Anführer gewählt.“
Marcola steht für einen Richtungswechsel in der PCC-Politik. Nachdem die alten Gründer von einer neuen, siebenköpfigen Führungsriege unter Leitung Marcolas abgelöst wurden, hat sich die Organisation aufs Geschäftemachen konzentriert. Heutzutage zwingt das Erste Hauptstadtkommando das Gefängnispersonal und nicht ihre inhaftierten Mitglieder, Geld an die „Partei“ abzuführen. Die anfangs vertretenen Grundprinzipien wie Selbstschutz und Verbesserungen der Haftbedingungen sind ein Relikt aus der Vergangenheit.

Tropische Mafia

Obwohl die Anführer des PCC nach wie vor hinter Gittern sitzen, hat die Organisation in den vergangenen Jahren, überwiegend außerhalb der Gefängnismauern, neue Mitglieder hinzugewonnen – eine halbe Million soll es inzwischen sein. Experten gehen davon aus, dass das lukrative Drogengeschäft in den Favelas überwiegend vom PCC kontrolliert wird, wobei der Deal mit Marihuana, Kokain und Crack ein Umsatzvolumen von rund 600.000 Euro monatlich einbringt. Die kriminellen Machenschaften des PCC beschränken sich jedoch nicht nur auf das Drogengeschäft. Bei den auf freiem Fuß befindlichen Soldaten sind Diebstähle, Bankraub und Schmuggel an der Tagesordnung.
Kleine und mittlere Unternehmer von Supermarktketten, Restaurants und Immobilien benutzt das PCC als Komplizen zur Geldwäsche seiner Gewinne aus illegalen Transaktionen. Die Geschäftsleute, auch „Geschäftsführer“ genannt, führen wiederum einen Betrag an Kontaktpersonen der gehobenen Gesellschaftsschicht der Stadt. Diese ehrbaren BürgerInnen werden nicht zufällig als Paten bezeichnet. Sie unterhalten ausgezeichnete Beziehungen zu ranghohen Eliten der Politik, Justiz und des Finanzwesens. Ebenso wie die sizilianische Mafia Cosa Nostra und die chinesischen Triaden besorgen die Paten den ihnen treu ergebenen Geschäftsführern die besten AnwältInnen, um ihre Haftentlassung zu erwirken, falls etwas schief läuft. Als Gegenleistung verpflichten sich die GeschäftsführerInnen zu bedingungsloser Loyalität. Wer nicht schweigt, wird mit dem Tod bestraft. Bisher konnte keinem Paten eine Verwicklung im Drogengeschäft oder gar eine Zugehörigkeit zum PCC nachgewiesen werden.
Inzwischen beabsichtigt die PCC, bei den bevorstehenden Landtagswahlen in São Paulo einen ihrer Männer kandidieren zu lassen. In Anbetracht der zahlreichen auf freiem Fuß lebenden Mitglieder scheint dies kein unmögliches Unterfangen zu sein, zumal Untersuchungshäftlinge, die immerhin 30% der Gefangenen ausmachen, Wahlrecht besitzen.

Leugnung und Repression

Was tun die verantwortlichen PolitikerInnen in São Paulo angesichts dieser Herausforderung? Bis Anfang 2001 behauptete das Sekretariat für Gefängnisangelegenheiten – auf Anweisung des damaligen Gouverneurs Mário Covas – das Erste Hauptstadtkommando sei eine reine Erfindung der Presse. Als die Gefängnisfraktion am 18. Februar 2001 in 22 Haftanstalten eine Großrebellion organisierte, konnte ihre Existenz jedoch nicht mehr geleugnet werden. Die Regierung erließ mehrere Maßnahmen, in deren Mittelpunkt ein neues Sicherheitsverwahrsystem steht. Wer verdächtig ist zum PCC zu gehören, kann seitdem in Isolationshaft genommen werden. Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Unterbringung, da die Gefängniszellen „Tresoren ähneln in die lediglich ein paar Luftlöcher hineingelassen wurden“. Laut Gesetz dürfen die Gefangenen dort bis zu zwei Jahre verwahrt werden. Wenn sie herauskommen, leiden sie unter erheblichen physischen und psychischen Schäden, wie die Gefängnispastorale von São Paulo zu berichten weiß.
Der Beschluss, Marcola und andere PCC-Mitglieder in ein solches Sicherheitsverwahrsystem aufzunehmen, löste Gefängnisrevolten und anschließende Gewalttaten aus. Auf die kriminellen Aktionen der Gefängnisfraktion folgten die Gewaltexzesse der staatlichen Sicherheitskräfte. 109 Menschen starben durch Polizeikugeln, unter ihnen zahlreiche Unschuldige. Einer der Angehörigen eines Polizeiopfers sagte: „Du musst den Hass in den Blicken sehen, mit denen die Polizisten uns fixieren, wenn sie durch die Straßen ziehen.“ (siehe LN 384)
Nach Ansicht des Soziologen Inácio Cano, der an der Staatlichen Universität von Rio de Janeiro seit vielen Jahren zu Themen wie Gewalt und öffentlicher Sicherheit forscht, „hat sich in São Paulo eine Tragödie ereignet, die andere Tragödien nach sich zieht. Die Polizei wird brutaler, gleichzeitig verschlechtern sich die Bedingungen in den Gefängnissen, wodurch die Häftlinge und ihre Fraktionen zu noch schärferen Maßnahmen greifen werden.“

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