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DAS SUBVERSIVE LACHEN

Zweimal wurde Roque Dalton von den Regierungen El Salvadors zum Tode verurteilt. Das erste Mal rettete ihn der Sturz des Diktators Lemus, das zweite Mal ein Erdbeben, das die Gefängnismauer zum Einsturz brachte. Nur seinen Kampfgenossen entkam er nicht. Unter dem Vorwurf für die CIA spioniert zu haben, töteten ihn zwei Kommandanten des Revolutionären Volksheeres am 10. Mai 1975, nur wenige Tage vor seinem vierzigsten Geburtstag. Roque Daltons Versuch, den „Gegensatz zwischen Dichtung und Leben zu überwinden“, wie Horacio Castellanos Moya in dem wunderbaren Buch Erschießen wir die Nacht! schreibt, hätte nicht tragischer enden können: Der engagierte kommunistische Schriftsteller, der das Schreiben und seine Familie aufgab, um sich dem revolutionären Kampf in seinem Heimatland El Salvador anzuschließen, wird von den eigenen Kampfgefährten hingerichtet.
In ihrem gleichnamigen Dokumentarfilm erkundet die Filmemacherin Tina Leisch das Leben des Schriftstellers und Revolutionärs und präsentiert die Erinnerungen von ehemaligen Kampfgefährt*innen, Freund*innen und Familienangehörigen – in El Salvador, aber auch in einigen Stationen seines langen Exils wie Prag oder Havanna. Alle lesen sie aus den Gedichten Roque Daltons – eine wunderbare Hommage an den wichtigsten Dichter El Salvadors. Ein Dichter, der sich mit beißendem Spott allen Konventionen entzog und dem sämtliche Dogmen zuwider waren.
Vor allem aber bietet das Buch 33 Gedichte von Roque Dalton, im spanischen Original und in der hervorragenden deutschen Übersetzung von Erich Hackl und Tina Leisch. Diese kleine Auswahl aus Daltons Werk ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, einen der großen Poeten Lateinamerikas kennenzulernen.
„Die Toten werden jeden Tag unbelehrbarer“, schrieb er in dem Gedicht „Die Ruhe des Kriegers“: „Heute werden sie schnell ironisch/ stellen Fragen./ Mir scheint sie merken/ dass sie jedes Mal mehr in der Überzahl sind!“ Auf die brutale Unterdrückung durch die Militärdiktaturen in El Salvador antwortet er mit Spott und feiner Ironie. Dalton war, wie Castellanos Moya schreibt, unfähig, „sich das Lachen zu verbeißen“. Egal, was passierte. Und egal, mit wem er es gerade zu tun hatte. Im Leben wie in seiner Dichtung. Doch so wie er für die Herrschenden nur Verachtung empfand, begegnete er den einfachen Menschen stets mit großer Sympathie. Denjenigen, wie er in seinem berühmten „Liebesgedicht“ schrieb, „die jeden Dreck machen, jeden Dreck verkaufen, jeden Dreck fressen,/ die als erste das Messer ziehen,/ die Traurigsten aller Traurigen,/ meine Landsleute,/ meine Brüder.“

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