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Das Wesentliche

Julios und Emilias Beziehung, beide Studierende der Literatur in Santiago de Chile, beginnt mit einer gemeinsamen Lüge. Die einzige Lüge, die die beiden sich je erzählen würden. Beide behaupten, sie hätten Proust gelesen und schmücken ihre Lüge mit Anekdoten und Hintergrundwissen zu diesem vermeintlich ganz besonderen Lektüreerlebnis aus. Ihre Hauptbeschäftigung besteht darin, sich gegenseitig Literatur vorzulesen. Sie lesen alles, was sie in die Finger bekommen, außer natürlich Proust, und sind dabei außerordentlich glücklich. Doch nachdem sie eine Erzählung von Macedonio Fernandez lesen, verändert sich ihre Beziehung. Das Ende scheint unvermeidlich. Emilia zieht nach Madrid, Julio bleibt in Santiago de Chile.
„Am Ende stirbt Emilia, Julio stirbt nicht. Der Rest ist Literatur,“ so endet der erste Absatz, so wird das Ende von Bonsai vorweggenommen. Die Geschichte jedoch endet nicht. Zambra benötigt nur wenige Worte, um das zu beschreiben, wofür andere hunderte von Seiten aufwenden: die Beständigkeit einer Liebe, die längst zu Ende ist. Vergleichbar mit der Aufzucht eines Bonsais, die Aufmerksamkeit, Pflege und Genauigkeit in Anspruch nimmt, ist jeder Satz hier genau platziert, jedes Wort nimmt eine bestimmte Funktion ein. Das mag artifiziell und minimalistisch klingen, kann aber dem Rausch nichts anhaben, in den die Leser*innen für eine Stunde versetzt werden. Die gelungene Übersetzung Susanne Langes, die unter anderem auch Werke von Rulfo und Lorca ins Deutsche übersetzt hat, trägt nicht zuletzt dazu bei, dass Zambras auf Spanisch bereits 2006 erschienenes Romandebüt trotz typisch chilenischer Konstruktionen und Vokabeln auch in deutscher Sprache lesenswert bleibt.

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