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„Den Bildschirm der Straßen betrachten“

(Foto: Anna Mensch)

Rios Straßenpoeten (Foto: Anna Mensch)

Ein Freitagabend, Rushhour. Zwischen der Avenida Rio Branco und der Metrostation Cinelândia im Zentrum Rio de Janeiros herrscht reges Feierabendtreiben. Männer und Frauen im Business-Dress eilen von ihrer Arbeit nach Hause, das Handy am Ohr, schauen kaum nach links oder rechts. Nur die Bauarbeiten für die Stadtbahn, die bis zur Olympischen Spiele in einem Jahr zirkulieren soll, sind noch in vollem Gange. Man hört Motorengeräusche, Hupen, Stimmengewirr. Inmitten rasender Menschenbeine richten Straßenkinder ihr Lager für die Nacht.
Ein Bild wie dieses bietet sich den Passant*innen am „Time Square“ Rio de Janeiros jeden Abend. Es ist ein Panorama dessen, was die brasilianische Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ausmacht: Konsumrausch und Aufstiegswahn, soziale Ungleichheit und Ausgrenzung. Doch etwas ist heute anders. In der Mitte des Platzes vor dem Rathaus hat sich ein Pulk gebildet. Ein junger Mann steht auf einer Holzkiste und ruft etwas in ein Mikrofon. Eine Demo? Ein Wiederaufflammen der Proteste, die hier 2013 Tausende auf die Straße getrieben haben? Nein – es ist ein Gedicht, das er leidenschaftlich rezitiert. Ich schnappe ein paar Verse auf:

„So sind wir auf den Gassen
wo Hunde die Musik bellen
die uns mit brennenden
Skeletten tanzen lässt.
Ich lade dich ein
deine Komfortzone zu verlassen
und den Bildschirm der Straßen
zu betrachten“

Paulinhos Beitrag Voltando para casa („Auf dem Heimweg”) erntet unter den Zuhörer*innen lautstarken Beifall.
Seit acht Jahren ist der 33-Jährige Teil jener Gruppe, die sich selbst Poetas de rua – „Straßenpoeten” nennt: Eine Clique von zehn bis fünfzehn jungen Leuten zwischen achtzehn und sechsunddreißig Jahren, die fast alle aus Randgebieten der Stadt stammen und sich durch das Schreiben und die Liebe zur Straße verbunden fühlen. Einmal im Monat veranstalten die Straßenpoeten als Kollektiv Ameopoema einen sarau (siehe LN 449), eine öffentliche Poesie-Lesung im Zentrum von Rio. Dazu ist jeder eingeladen, der selbst einen Vers vortragen oder die Performance-ähnlichen Vorträge der Poet*innen miterleben will. Um das kleine Lagerfeuer, das man in dieser brasilianischen Winternacht auf der Mitte des Platzes in einem alten Farbkanister entzündet hat, gesellen sich so auch immer wieder neugierige Passant*innen und Obdachlose. Neben eigenen Texten rezitieren die Poet*innen dabei auch Gedichte von Vorbildern. Dazu gehören brasilianische Klassiker wie Augusto dos Anjos, Lima Barreto und João do Rio, aber auch internationale Rebellen wie Charles Bukowski, Allen Ginsberg und Jack Kerouac.
Für Paulinho, Nelsinho, David und Rômulo ist die Literatur nicht nur ein Hobby, das man am Freitagabend praktiziert. So unglaublich es klingen mag: Die Straßenpoet*innen leben von ihrer Poesie. Wie das funktioniert? „Das Prinzip ist einfach“, erklärt Paulinho, „der Straßenpoet ist unabhängig. Er hat keine Verbindung mit einem großen Verlag, arbeitet mit kleinen Auflagen, mit wenigen Exemplaren, die er täglich selbst herstellt und auf der Straße publiziert“.
Wer im Zentrum Rio de Janeiros Kulturinstitutionen wie das Centro Cultural Banco do Brasil (CCBB) oder das Theatro Municipal frequentiert, dem sind die Poetas de rua nicht fremd. Der Bordstein vor den Eingängen der staatlichen Kulturpaläste ist von Montag bis Sonntag ihr selbstgewählter Arbeitsplatz: Hier bieten sie Ausstellungs- und Konzertbesuchern mit dem Slogan „Mögen Sie Poesie?“ ihre selbstproduzierten Zines an. „Zine“ – das ist eine Abkürzung von „Fanzine“ und bezeichnet fünf- bis sechsseitige Heftchen, die in Inhalt und Format stark variieren, neben Poesie oder Prosa oft auch Zeichnungen enthalten und von jedem Poeten selbst gestaltet werden. Wer an den Arbeiten der jungen Literaten interessiert ist, kann gegen einen selbstgewählten Betrag von „mindestens einem Centavo und höchstens einer Million“, wie der Poet Nelsinho scherzhaft erläutert, ein Exemplar mit nach Hause nehmen. Viele Zines spiegeln den Konflikt mit der Gesellschaft wider, in der die Straßenpoet*innen geboren wurden und in der einige von ihnen bis heute aufgrund ihrer sozialen Herkunft und/oder Hautfarbe diskriminiert werden. Der Ton, mit dem sie auf diese Verhältnisse antworten, ist nicht immer sanft: „Hey Black Block! Klopf klopf – tritt ein, schlag alles kurz und klein“, wie es in Paulinhos Gedicht Pedras Portuguesas („Kopfsteinpflaster“) heißt, ist so durchaus als ernst gemeinte Aufforderung zur Zerstörung des kapitalistischen Systems zu verstehen. Das Gedicht entstand 2013 während der Juni-Demonstrationen, an denen der junge Mann teilnahm.

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Zines, Zines, Zines. Spiegel der Gesellschaft

Wirft man einen Blick auf die Lebensgeschichte, die hinter Gedichtzeilen wie denen von Paulinho steht, wird die Wut verständlich. Geboren in Nova Iguaçu, einer Industriestadt im Norden Rio de Janeiros, macht er früh Erfahrungen von Gewalt und Diskriminierung. Das Viertel, in dem er aufwächst, ist von heftiger Polizeigewalt gegen die schwarze Bevölkerung gezeichnet und wird zur Bühne des größten Blutbades in der Geschichte Rio de Janeiros. An manchen Tagen ist der Schulbesuch dem Jungen unmöglich. Er stellt sich vor, wie es wäre, wo ganz anders zu leben. „In meiner Kindheit ging ich jede Woche in die Kirche“, erzählt er, „doch als ich sah, wie die Kirche den armen Leuten das Geld aus der Tasche zog, verlor ich den Glauben“. In der Ära Lula kam dann die politische Desillusion dazu. Als der Politiker der Arbeiterpartei 2002 zum ersten Mal im Wahlkampf antrat, wählte Paulinho ihn. „Damals war ich noch naiv“, beschreibt er heute, „glaubte daran, dass zum ersten Mal ein echter Vertreter des Volkes an die Macht kommen würde“. Es war das erste und letzte Mal, dass er zur Wahl ging.
Kurze Zeit später veränderte ein Ereignis sein Leben grundlegend: „Ich entdeckte, dass ich am Bahnhof in meiner Heimatstadt einfach über die Mauer springen und den Zug nach Rio nehmen konnte. Das war für mich eine völlig neue Welt! Wo ich aufgewachsen war, gab es nur Armut und Gewalt. In Rio gab es Kultur, Museen, Kinos. “Bald darauf kam er in Kontakt mit anarchistischen Kreisen. „Ich wohnte eine Weile in besetzten Häusern, mit Punks und anderen Linksintellektuellen“. Doch auch dort hielt es ihn nicht. „Ich sah, wie verbohrt diese Leute waren, wie intolerant gegenüber Menschen, die nicht wie sie dachten und sich nicht wie sie verhielten.
Dann lernte er die Straßenpoet*innen kennen: „Ich hatte schon immer gerne geschrieben, deshalb identifizierte ich mich mit den Poeten“. Paulinho begeisterte die Möglichkeit, eigene Zines zu produzieren. „Anfangs dachte ich nicht ans Geldverdienen“, sagt er. „Es ging mir um den Austausch mit anderen Autoren, darum, meine eigenen Gedichte zu zeigen“. Acht Jahre später versucht er, von der Poesie zu leben – und das, obwohl er weder Computer noch Schreibtisch besitzt. Eine Serviette und ein Kugelschreiber oder ein Stück Altpapier reichen ihm, um im Zug oder Bus, auf einer jener endlosen Fahrten im Verkehr der brasilianischen Metropole, oder auf einer Bordsteinkante im Nachtviertel Lapa seine Verse zu notieren. Paulinho hat zahlreiche Zines veröffentlicht und betätigt sich als Mitorganisator der Poesie-Saraus. Vor kurzem hat er erstmals ein dickeres Büchlein hergestellt: „Eine kleine Erzählung für einen großen Überfall“. Eine humorvolle Erzählung über chaotische Straßenpoeten, die in finanzieller Not einen Banküberfall planen – eine selbstironische Art, die eigene Existenz als Straßenpoet zu reflektieren.
Auch für Nelson Neto ist der Kampf gegen die Derivate der kapitalistischen Gesellschaft ein wichtiges Thema. Er, der die Geschichten dieser Stadt besser kennt als jeder Stadtführer, vor allem die seiner schwarzen Vorfahren, möchte sich nicht „versklaven” lassen. Auf ironische, wenn nicht sarkastische Weise, stellt er spießbürgerliche Verhaltensweisen und Ansichten der konsumorientierten brasilianischen Mittelschicht in Frage. So zum Beispiel in dem Gedicht Cidadão exemplar („Vorbildbürger”):

„Ich jage Gefahren für meine instabile Stabilität
begründet in Kontrollapparaten nicht mal so fern
betrachte mich als König der 5 GB, des Touchscreens, der USB-Eingänge
in 12 Ratenzahlungen mit Karte“

Nelsinhos Kunst ist zugleich kreatives Zeugnis einer traumatischen Erfahrung: Überlebender eines Stromschlags zu sein. Der Unfall auf den Gleisen, der ihn mit 18 fast das Leben kostete, spiegelt sich nicht nur in seinen Gedichten wider – er findet seinen Ausdruck auch in abstrakten Gemälden, die an Jackson Pollock erinnern. Der Älteste und zugleich Kleinste der Truppe, der einen Jägerhut über seinen langen Dreads trägt und selten auf Hemd und Jackett verzichtet, bezeichnet sich selbst als Autodidakt: „Ich habe keine akademische Ausbildung, aber ich schreibe und male, seit ich denken kann“.Geboren in der einstigen Kaffee-Hochburg Vassouras, kam David Monsores ursprünglich in die Hauptstadt, um Psychologie zu studieren. „Als ich an der Uni war, habe ich begonnen, mich mehr für Literatur zu interessieren. Ich finde, dass die Literatur besser über die Welt spricht als die Wissenschaft oder Philosophie, weil sie Geschichten erzählt, die sich tatsächlich ereignen”, berichtet er. In seinem Zine Agua Marinha („Meerwasser”) gibt er dem Leser einen Einblick in das traurige Schicksal des Migranten, der Heimat und Frau zurücklässt und vom Land nach Rio de Janeiro zieht. Der Traum vom besseren Leben verwandelt sich im Hexenkessel der kapitalistischen Metropole in ein Gefühl beständiger Bedrohung, in Enttäuschung, Stumpfsinn und Einsamkeit:

„Hier kann man immer beraubt werden
Hier, immer, jeden Tag, in dieser
Stadt, wird jemand an Bord gehen
und wird sagen: – Hier ist es!
Und wird dribbeln, und wird schwitzen
und wird vertrocknen, und wird sterben.”

Obwohl die finanzielle Situation als Straßenpoet manchmal auch existenzielle Ängste in ihm auslöst, möchte David nichts Anderes mehr machen: „Diese Arbeit ist wie Schnaps. Wenn man mal drin ist, ist es schwer, wieder rauszukommen”. Dies liegt vor allem daran, dass ihm das Schreiben ermöglicht, sich selbst zu verwirklichen: „Ich lebe vom Verkauf der Dinge, die ich schreibe, Gedichte, keine Schlagzeilen, Dinge, die ich fühle. Das ist …verdammt geil!“
In einer von Armut und sozialen Spannungen gezeichneten Stadt wie Rio stoßen die Poetas immer wieder auf Unverständnis und Vorurteile seitens Passanten, die das Konzept der Straßenpoesie nicht kennen und verstehen – oder verstehen wollen. Statt sie als legitime Form künstlerischer Produktion und Distribution anzusehen, betrachten sie sie schlicht als Bettelei. „Kunst ist für viele Menschen lediglich das, was in Galerien und großen Kulturzentren ausgestellt wird, was viel Geld kostet und an eine große Infrastruktur gebunden ist“, meint Paulinho dazu. Doch was die Straßenpoeten wollen, ist alles Andere als Almosen: Sie wollen gelesen werden, ihre Literatur unters Volk bringen. „Für uns ist es eine bewusste Entscheidung, unsere Bücher selbst herzustellen und sie den Menschen auf der Straße anzubieten“, erklärt David. „Bevor ich die Straßenpoeten kennenlernte, hatte ich keine Idee, wie ich selbst veröffentlichen konnte, was ich schrieb. Ich hatte jene utopische Vorstellung, die man uns in der Gesellschaft vermittelt: Wenn du Schriftsteller sein willst, schreibst du für einen großen Verlag, der dich bezahlt. Doch in Wirklichkeit muss man bezahlen, damit man veröffentlicht wird. Wer es ernst meint mit dem Schreiben und davon leben will, muss sich eine Alternative überlegen”.
Die Straßenpoesie ist jedoch nicht nur ein ungewöhnlicher Lebensentwurf junger Idealisten. In Zeiten von Fußball-Weltmeisterschaft und Olympischen Spielen hat die Präsenz der Poet*innen auf den Straßen Rio de Janeiros auch politischen Charakter: Sie ist eine Form des Widerstands gegen die repressive Politik des Bürgermeisters Eduardo Paes, der die Stadt seit 2009 einem fundamentalen Transformations- und „Hygienisierungsprozess“ unterwirft. Als Förderer wirtschaftlicher Interessen betreibt Paes eine unternehmerische Stadtpolitik, die mit einer Null-Toleranz-Politik im öffentlichen Raum einhergeht (siehe LN 471/472). Seither können nicht nur Drogenabhängige und Straßenkinder auf legale Weise interniert und fliegende Händler*innen aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden. Auch das Agieren von Künstler*innen auf Straßen und Plätzen sollte bereits gesetzlich verboten werden (siehe LN 473). Obwohl der Gesetzesentwurf aufgrund massiver Proteste nicht durchgesetzt werden konnte, sehen sich die Straßenpoet*innen immer wieder einer Diskriminierung durch öffentliche Sicherheitskräfte ausgesetzt. Was man dagegen tun kann? „Schreiben“, sagt Nelsinho grinsend und wedelt mit seinem Zine in der Hand.

 

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