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Der Aufstieg der kickenden Vögel

Sie hatten ihn herbeigesehnt, diesen Tag im Juni 1994. Mit stolz geschwellter Brust und voller Selbstbewußtsein. Selbst eine Niederlage hätte sie nicht wirklich erschüttern können, die war eingeplant, schließlich mußte die bolivianische Nationalmannschaft zum Eröffnungsspiel der WM 1994 in den USA gegen den Weltmeister antreten, gegen Deutschland. Rund 2500 Kinder und Jugendliche warteten an jenem 17. Juni voller Spannung in der größten lateinamerikanischen Fußballschule auf den Anpfiff. Das Spiel war für alle der vorläufige Höhepunkt der Erfolgsgeschichte von „Tahuichi“.
Fernab von La Paz auf dem andinen Hochplateau, liegt „Tahuichi“, die bolivianische Fußball-Talentschmiede, in Santa Cruz, der 700.000-Einwohnerstadt nahe der brasilianischen Grenze. In der Sprache der Guaraní-Indianer bedeutet „Tahuichi“ schlicht „Großer Vogel“. Für die Mitglieder der Schule aber, Kids zwischen sechs und zwanzig Jahren, bedeutet diese Schule den ersten Schritt auf dem Weg zu Ruhm und Ehre. Und weil es die größte Ehre ist, für das eigene Land Fußball zu spielen, womöglich noch bei einer Fußball-WM, hätte Bolivien aus Sicht der „Tahuichi“-Schüler an jenem Sommertag im Juni gegen Deutschland einfach nur einigermaßen spielen müssen, kämpfen zumindest, zeigen, daß auch die Bolivianer Fußball spielen können.

Der Teufel war zu heiß

Die größten Hoffnungen der Kinder trug der bis heute wohl bekannteste bolivianische Kicker auf seinen schmalen Schultern: Marco Antonio Etcheverry, kurz el diablo, der Teufel, genannt. Dann kam die Schmach: Das 0:1 durch den Deutschen Klinsmann in der 61. Minute, nach einem Fehler von Torwart Trucco, hatte man noch hingenommen. Als der leicht verletzte „Teufel“ dann aber auf das Feld geschickt wurde, um die Kastanien aus dem Feuer zu holen, nahm das Schicksal seinen Lauf. 79. Minute: Etcheverry wird eingewechselt, zwei Ballkontakte, dann ein böses Foul, der Schiedsrichter zögert nicht und zieht die Rote Karte. Nach drei Minuten muß der Bolivianer wieder vom Feld, der kürzeste Auftritt eines Spielers in der gesamten WM-Geschichte und eine bittere Enttäuschung für die Jugendlichen, für die „el diablo“ Vorbild ist. 0:1 verlor Bolivien das Spiel, was nicht so schmerzte, aber der peinliche Auftritt des umjubelten Stars ließ die Schüler „Tahuichis“ an diesem Abend doch sehr schweigsam in die Betten sinken.

Vom Hinterhof in große Stadien

Im Mai 1978 begann die Erfolgsstory der „Großen Vögel“. Hinter dem Haus von Don Ramón Aguilera, einem bolivianischen Fußball-Star der fünfziger Jahre, kickte das „Familienteam“ Aguileras gegen eine andere Jugendmannschaft. Die Begeisterung bei den Eltern war so groß, daß Rolando Aguilera, der Sohn, kurz darauf die Fußball-Akademie gründete. Im Andenken an seinen Vater, der unter dem Spitznamen „Großer Vogel“ bolivianische Fußball-Geschichte geschrieben hatte, nannte er die Schule „Tahuichi“. Der Siegeszug der Tahuichi-Jugend war fortan nicht mehr aufzuhalten. Die Nachwuchskicker gewannen eine Meisterschaft nach der anderen, national wie international. Finanziert wird das ganze Projekt mittlerweile aus Mitteln der Christian Children’s Fund (CCF), einer US-amerikanischen Hilfsorganisation. Ansonsten lebt die Schule von den Einnahmen der Baufirma Rolando Aguileras und von Spenden der reichen Oberschicht von Santa Cruz.
Die Stadt war bis in die fünfziger Jahre vom „anderen“, dem andinen Bolivien abgeschnitten. Dann wurde die erste Straße hinunter in das subtropische Städtchen gebaut. Heute ist Santa Cruz die Boomstadt des Landes, vor allem der Dienstleistungsektor hat sich hier angesiedelt, aber auch die Kokamafia, die Drogenbosse, die ausländischen Investoren, die Reichen der Reichen. Santa Cruz ist die Stadt der Gegensätze, des Scheins, der enormen Widersprüche zwischen Modernisierung und wachsender Armut.
Ein paar Kilometer vom Stadtkern entfernt fängt das Elend an, befestigte Straßen gibt es hier keine mehr, die Strom- und Wasserversorgung reicht auch nicht bis hierher. Die meisten hier sind AnalphabetInnen, Indios aus dem Hochplateau, die in La Paz oder Potosí, in Sucre oder Cochabamba keine Perspektive mehr sahen und nach Santa Cruz gewandert sind, weil sie dort auf den Märkten mehr verkaufen können.

Dribbelnd Bildung eingesogen

Diese soziale Mischung findet sich auch in der Fußballschule „Tahuichi“. Doch hier gibt es keine Hierarchien, vor allem die Ärmsten der Armen werden aufgenommen. Deshalb ist die Fußball-Akadamie mehr als nur eine Schule zum Kicken. Talentspäher streunen durch die Gassen und Elendsviertel der Stadt, beobachten die Kinder. Die talentiertesten werden ausgewählt. Bis zum zwölften Lebensjahr steht der Sport im Hintergrund. Die Kinder werden medizinisch betreut, sie bekommen regelmäßig warme Mahlzeiten, und sie werden von einer eigens von der Universität abgestellten Lehrerin unterrichtet, sogar in Englisch, was an normalen südamerikanischen Schulen selten ist. Erst wenn die Schüler 14 Jahre alt sind, beginnt sich allmählich alles nur noch um den Fußball zu drehen. Das heißt aber nicht, daß nicht auch über andere Themen gesprochen wird. In der Akademie gibt es täglich eine halbstündige Sitzung, in der über allerlei geredet wird: Drogen, Sexualität, Aids, wie werden Kondome benutzt, warum ist Englisch so wichtig?
Doch das Leben in der Schule ist hart, schließlich können am Ende nur die besten darauf hoffen, tatsächlich Karriere zu machen. Nur diejenigen, die mit 14 Jahren den Sprung in die ersten Mannschaften „Tahuichis“ schaffen, können später mit einem Stipendium für das Ausland rechnen und werden weitergereicht an die großen Klubs.
Die Teams von „Tahuichi“ sind längst die besten Botschafter des Landes. Sie reisen zu Turnieren in aller Welt, gewinnen dort Pokale und Trophäen, sie stehen für ein friedliches und menschliches Bolivien und konterkarieren damit das einseitige Klischee vom Bolivien als Drehscheibe des Drogenhandels. 1993 kam „Tahuichi“ sogar unter die fünf Kandidaten für den Friedensnobelpreis. Gewonnen haben sie nicht, aber schon die Auszeichnung, nominiert worden zu sein, hat alle „Tahuichis“ stolz gemacht. Nur dieser dumme Auftritt des diablos hätte nicht sein müssen. Jetzt müssen sich die „Tahuichis“ noch weitere vier Jahre gedulden, bis sie möglicherweise wieder bei einer WM dabei sein können. Frankreich findet ohne die „Großen Vögel“ statt.

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