Film | Nummer 423/424 - Sept./Okt. 2009

Der Charme von Kakteen

Adrián Biniez‘ Überraschungserfolg Gigante auf der letzten Berlinale ist eine kleine, aber feine Komödie, die mit trockenem Humor überzeugt

Thilo F. Papacek

Auf einem grauen Bildschirm sieht man einen menschenleeren Gang eines Supermarktes. Offenbar handelt es sich um das Bild einer Überwachungskamera. Auf dem Boden liegt eine kleine Topfpflanze, ein Kaktus. Nun tritt eine junge Raumpflegerin in den Gang. Zuerst sieht sie die Pflanze gar nicht, sie bückt sich, nimmt den Topf hoch und entdeckt einen Zettel, der daran befestigt ist. Etwas verwirrt sieht sich die Frau um, doch sie entdeckt niemanden.
Ein Kaktus ist keine Rose. Sicherlich gibt es spektakulärere Gewächse, die man jemanden zum Geschenk machen kann, z.B. Blumen, deren Schönheit sofort ins Auge fällt. Doch gerade ein unscheinbarer Kaktus entfaltet bei Gelegenheit seinen ganz besonderen Charme, den ein auffälliger Blumenstrauß niemals entfalten könnte.
So ist es auch mit der uruguayischen Filmproduktion Gigante. Der Film hat keine Unsummen gekostet, es wird keine dramatische und actiongeladene Geschichte erzählt. Dafür wird in leisen, stillen Tönen aus dem Alltag von wenig glamourösen Menschen berichtet; still und leise, aber niemals langatmig oder gar langweilig.
Erzählt wird die Geschichte von Jara, der als Sicherheitsmann bei einem großen Supermarkt in Montevideo angestellt ist. Sein Alltag zeichnet sich vor allem durch Monotonie aus. Morgens erhebt er seinen fülligen Körper aus dem Bett, wäscht sich verschlafen und fährt mit dem Bus zur Arbeit. Dort sitzt er stundenlang im Monitorraum und überwacht die Arbeit der Raumpflegerinnen oder beobachtet, wie sich Angestellte im Lagerraum zum Spaß mit altem Gemüse bewerfen. Dabei löst er Kreuzworträtsel oder macht ein Nickerchen. Nach der Arbeit fährt er in seine Wohnung, in der er mit seiner Schwester und seinem Neffen lebt. Ist er allein und fühlt sich unbeobachtet, summt Jara Heavy Metal Melodien vor sich hin, was sympathisch kindlich wirkt. Weil der Lohn vom Supermarkt nicht reicht, arbeitet er abends noch als Sicherheitsmann in einem Club. Wenigstens hier verbindet sich in seinem recht tristen Alltag das Nützliche mit seiner Leidenschaft, denn es handelt sich um eine Diskothek, die vor allem Heavy Metal und Hardcore spielt, seine Lieblingsmusik. Trägt er nicht die Uniform auf der Arbeit, hat er unweigerlich ein „Biohazard“ T-Shirt an oder das einer anderen Band.
Jara ist ein eher gemütlicher Mensch, der trotz seines imposanten Äußeren – er ist sehr groß und kräftig, eben ein „Gigant“ – nie bedrohlich wirkt. Sein gutmütiges Wesen zeigt sich auch in der Art, wie er seinen Job macht. Sieht er auf dem Monitor wie eine Reinigungskraft etwas Reis oder Polenta klaut, lässt er das einfach durchgehen. Als er allerdings über die Überwachungskamera mitbekommt, wie eine Raumpflegerin einen teuren Walkman auf ihren Reinigungswagen packt, fängt er sie auf dem Weg zur Umkleidekabine ab und redet heimlich mit ihr. Reis und Polenta, das könne er durchgehen lassen, aber ein fehlendes Elektronikgerät würde auffallen und ihn selbst den Job kosten können. Das sieht die Angestellte ein und bringt heimlich das entwendete Gerät zurück. Keiner wird angezeigt, niemand wird gefeuert.
Doch die Monotonie von Jaras Alltag nimmt ein Ende, als er eine neue Raumpflegerin auf dem Monitor sieht. Er verliebt sich in die kleine und zierliche Julia, die auf den ersten Blick so gar nicht zu Jara passt. Doch mit einer wahren Obsession verfolgt er die junge Frau auf den Monitoren. Seine Kollegen bemerken seine unreif wirkende Verliebtheit und beobachten sie amüsiert. Sie können sich nicht vorstellen, dass die schöne Julia mit Jara, den alle nur „Dicker“ nennen, zusammenkommen könnte.
Die Obsession Jaras führt ihn bald aus den Hallen des Supermarktes hinaus. Seine freien Nachmittage verbringt er nun nicht mehr mit seinem Neffen vor der Spielkonsole, sondern damit, Julia auf ihrem Weg durch die Stadt zu verfolgen. Dabei findet er immer mehr über sie heraus: dass sie zum Beispiel Hunde mag, Heavy Metal Musik hört und durchaus an großen und kräftigen Männern interessiert ist. Also passen die beiden doch ganz gut zusammen! Aber Julia ansprechen? Das traut sich Jara nicht.
Ein großer und kräftiger Mann, der eine kleine und hübsche Frau verfolgt – dies wirkt unheimlich und ist es wohl auch. Die ZuschauerInnen erwarten ständig einen Ausbruch Jaras; als dieser schließlich kommt, geht er aber in eine ganz andere Richtung als erwartet. Statt gewalttätig zu nehmen, was er begehrt, macht Jara schüchterne Annäherungsversuche wie ein Schuljunge, der sich nicht traut, die Angebetete anzusprechen. Der Kaktus, den er auf dem Supermarktflur aufstellt, ist sein erster Schritt.
Mit seinem Spielfilmdebüt ist Adrián Biniez ein Überraschungshit gelungen. Der Film erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den Silbernen Bären auf der diesjährigen Berlinale. Unterstützt wird der Film auch durch die gute Leistung von Horacio Camandulle als Jara, der zum ersten Mal vor der Kamera spielte.
Vor allem geben aber die vielen NebendarstellerInnen dem Film die richtige Würze. Ihre zum Teil absurden Dialoge und Überlegungen, womit man sich eben beschäftigt, wenn man einen langweiligen Job hat, bringen Witz in die ansonsten eher ruhige Geschichte. Der trockene und zurückhaltende Humor ist überhaupt das, was Gigante zu einer wahren cineastischen Perle macht. Nie macht sich der Film über die ProtagonistInnen lustig, wenn er ihre schrulligen Seiten darstellt. Durch kleine Einstellungen werde bestimmte Erwartungen beim Publikum aufgebaut, um dann aber in überraschender Art und Weise enttäuscht zu werden. So werden zum Beispiel geschlechtsspezifische Wahrnehmungsarten des Publikums erfrischend und unaufdringlich durchbrochen. Dies sind keine großen Knaller, aber kleine lustige Details.
Bei aller Liebenswürdigkeit ist der Film nicht harmlos. Die inzwischen alltägliche und alles umfassende Überwachung von öffentlichen Räumen wird ebenso thematisiert wie die unsichere Situation von Angestellten, aber auch ihre Solidarität und ihre Arbeitskämpfe. Dies geschieht nicht pompös und mit revolutionärer Pose, sondern eher klein und bescheiden. Der Film hat eben viele kleine Stacheln und nicht eine riesige Lanze. Wie ein kleiner Kaktus entfaltet er seinen spröden Charme erst auf den zweiten Blick.

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