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Der Haken am O

Neuerdings bist Du in den Schulen in und um Buenos Aires unterwegs. Wie sieht das Projekt aus, indem du dich engagierst?
Das Ziel ist die Reintegration von Travestis, Trans-Personen und Transsexuellen in die Bildungsinstitutionen. Das Projekt ist sehr ambitioniert und in Zusammenarbeit mit den Ministerien für Bildung und Arbeit entwickelt worden. Eines der langfristigen Ziele ist beispielsweise, dass es endlich eine erste Generation von Trans-Personen gibt, die an den Universitäten studiert. Im Moment ist das noch die absolute Ausnahme.

Was passiert denn im Regelfall?
Die große Mehrheit bricht die Schule ab. Die meisten, weil ihnen gar keine andere Möglichkeit bleibt oder weil die Einrichtungen schlichtweg nicht eingestellt sind auf Leute wie sie. Viele wissen noch nicht mal, dass es seit diesem Jahr erstmals die Möglichkeit zur Wiedereinschulung für sie gibt. Und die Wiedereingliederung bezieht sich ja nicht nur auf das Schulsystem, sondern auf die Gesellschaft an sich, aus der sie extrem ausgeschlossen sind.

Wie äußert sich dieser Ausschluss?
Gerade auf dem Land ist die Existenz der Trans-Frauen nach wie vor von einem Leben auf der Straße und in der Prostitution bestimmt. Und das von klein auf. Die meisten beginnen mit zehn oder elf Jahren. Deswegen ist es so wichtig, die LehrerInnen in den Schulen fortzubilden, wie man mit so einem jungen Menschen umgehen kann, der bereits spürt, dass er anders ist. Damit dieses Kind wiederum mit seiner Wesensart umzugehen lernt, ohne die Schule zu schmeißen, ausgeschlossen oder diskriminiert zu sein. Und ohne zu leiden. Denn das ist es, was uns allen passiert.

Wie war es bei dir? Wann wurde aus Julio
Julia?
Als ich die Schule abgeschlossen habe, war ich für lange Zeit irgendwas dazwischen, etwas Merkwürdig-Androgynes. Ich war „Juli“. Als ich angefangen habe als Schauspielerin zu arbeiten, habe ich ganz klar gemerkt, dass ich endlich ich selbst sein musste, ohne ständige Ausflüchte und Zwischenzustände. Aber das war ein Prozess. Als meine Eltern starben, habe ich gesagt: „Ok, das war‘s!“ Ich habe jetzt lange genug Röcke mit Hosen darunter getragen. Wozu die Hose? Aber das war auch das einzige, was sich geändert hat. Meine Operation steht erst noch an. Die Leute, die mich seit Jahren kennen, sagen mir immer, dass ich mich im Grunde nie verändert habe. Das einzige, was sich an mir verändert hat, ist der kleine Haken oben am O in meinem Namen, der nach unten gerutscht und zum A geworden ist: von Julio zu Julia.

Gerade Buenos Aires entwickelt sich ja im Moment zum Vorzeige-Schauplatz für Transgender-Belange in Lateinamerika. Welchen Einfluss haben die aktuellen Gesetzesvorschläge zur Gender-Identität, das neu gegründete Trans-Forum Destravarte oder dein Integrations-Projekt in den Schulen auf die Situation der Trans-Personen?
Der ganze Diskurs über gesellschaftliche Akzeptanz und das liberale, offene Denken bedeutet keinesfalls, dass die Gesellschaft bereit für uns ist, wie oft behauptet wird. Das ist eine Lüge, zumindest in Lateinamerika. Es fehlt an Empathie. Niemand denkt daran, dass er später mal eine Trans-Tochter haben könnte. Und wenn es den Leuten dann „passiert“, schlagen sie die Köpfe gegen die Wand, leiden, machen jede nur erdenkliche Therapie. Bis ihnen irgendwann auffällt, dass es ihr Kind ist, um das es geht und dass sie es akzeptieren und lieben sollten, wie es ist. Die wirkliche Akzeptanz fänget erst dann an, wenn anerkannt wird, dass wir eine der Möglichkeiten sind, die das Leben bereithält, dass wir nicht unsichtbar sind, dass wir nun mal existieren. Diese Art der Akzeptanz fängt im wahrsten Sinne des Wortes beim Einzelnen an, da würde ich die „Gesellschaft“ erstmal außen vor lassen.

Die Kunst, die Sozialwissenschaft, sogar die Massenmedien scheinen sich derzeit intensiv mit dem Thema zu beschäftigen. Wie beurteilst du die Arbeiten von Nicht-Trans-Leuten über euch?
Schwierig. Hier in Argentinien und besonders in Buenos Aires kannst du seit einigen Jahren ein Phänomen beobachten, das exemplarisch für die Konsumgesellschaft steht, in der ein Trend den nächsten ablöst: Wir Travestis sind gerade Mode! Das hat verschiedene Folgen, übrigens auch positive, aber die meisten sind eindeutig schädlich. Jedes neue, argentinische Fernsehformat braucht im Moment zum Beispiel eine Art „Quoten-Transe“. Warum? Um sich zu amüsieren, sich lustig zu machen, sich daran aufzugeilen. Gezeigt wird damit lediglich die bizarre, dunkle, schlechteste Seite von uns. Ein angesehener Journalist hat kürzlich „einen Tag als Travesti“ dokumentiert, als Frau verkleidet und mit versteckter Kamera. Als wäre Geschlecht eine Verkleidung. Um ein weiteres lokales Beispiel zu nennen: neun von zehn Nachrichten über uns berichten ausschließlich über die Travestis im Wald von Palermo, die vor laufender Kamera, halbnackt, ihre Tarife nennen und Drogen nehmen. Manchmal wirkt es fast wie eine große, mediale Kampagne, um unser Geschlecht zu diffamieren. Sie lässt leider keinen Raum, um auch die andere Seite zu zeigen.

Was die Konsumenten dann wiederum mit der Realität gleichsetzen?
Ich sage ja nicht, dass die Prostitution nicht einen wesentlichen Teil der Realität der meisten Trans-Frauen bestimmt. Aber genau gegen diesen Automatismus sollten wir vorgehen. Warum heißt trans sein automatisch, zur Prostitution verdammt zu sein? Ich habe daher zwei Ziele: einerseits denen, die auf den Strich gehen, Alternativen aufzuzeigen und sie zu unterstützen. Und auf der anderen Seite die Geschichte jeder einzelnen zu betrachten und zu differenzieren. Denn es gibt nicht die Travesti, sondern tausende von Einzelgeschichten.

Kasten zur Person:
Julia Amore ist vielseitig: Als ausgebildete Schauspielerin und Kabarettistin ist sie regelmäßig auf Buenos Aires‘ Theaterbühnen zu sehen. Als Journalistin schreibt sie für die renommierte Tageszeitung Pagina 12 über Transgender-Themen und die argentinische Doppelmoral. 2007 gründete sie zusammen mit Marlene Wayar, Nati Menstrual und Susy Shock El Teje, die erste lateinamerikanische Zeitung von und für Trans-Personen. Darin beschreibt sie in ihrer Kolumne den nervenaufreibenden Weg zur geschlechtsangleichenden Operation, der sie durch die argentinische Bürokratie der Gerichte und Krankenhäuser, aber auch durch persönliche Zweifel und Konflikte führt. Ihre Position ist ungewöhnlich: als Schauspielerin und Journalistin gilt sie in der breiten Öffentlichkeit als vergleichsweise etabliert und anerkannt. Dass sie dabei nach wie vor eine der wichtigsten Identifikationsfiguren innerhalb der Trans-Community von Buenos Aires darstellt, verdankt sie vor allem ihrem jahrelangen Kampf als Trans-Aktivistin.

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