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Der Leuchtende Pfad als schimärenhafte Gruselnummer

Es war einmal in Lateinamerika, in einem namenlosen Land am Fuße der Anden. Ein Reich der Finsternis und des Schreckens, beherrscht von sinistren Präsidentenberatern, die bevorzugt Empfänge in asiatischen Botschaften frequentieren. Ein Land, terrorisiert von einer ominösen Guerilla, die Hunde an Laternenpfählen aufknüpft und Kinder als Selbstmordattentäter und Lockvögel für Anschläge auf Generäle oder Blutbäder auf den Straßen missbraucht. Die halbwüchsigen Handlanger des Terrors sterben jedes Mal mit dem Namen ihres Herrn und Meisters auf ihren Lippen: „Viva Presidente Ezequiel!“
Und nach jedem Anschlag ballert jemand von den Hügeln aus, die die Hauptstadt umzingeln, ein Stalin-Orgel-artiges Feuerwerk ab. Helfershelfer huschen durch die Nacht, um Plakate zu kleistern, auf denen das übermenschlich große Augenpaar ihres Führers prangt: „Miles de ojos!“ – „Tausend Augen!“. Wer ist er, dieser „Presidente Ezequiel“, dieser selbst ernannte Messias mit dem allgegenwärtigen und alles durchdringenden Blick, von dem sonst keine Fotografien existieren? Versteckt sich hinter dem Pseudonym, wie manche vermuten, ein ehemaliger Universitätsdozent namens Rivas, der vor zehn Jahren abtauchte?
All diese Fragen prasseln auf Agustín ein, einen aufrechten Polizeikommissar, dessen Abteilung von dem finsteren Präsidentenberater mit dem Fall betraut wird. Gemeinsam mit seinem Team versucht Agustín, Ezequiels Identität zu lüften und seiner habhaft zu werden. Beim Anblick der Propagandaplakate des „Presidente“ beschleicht Agustín ein Gefühl des Dejá-vu: Hat er diese Augen nicht schon einmal gesehen, vor Jahren, als er noch auf einem Grenzposten im Andenhochland Dienst schob? Oder mehr noch: War Agustín nicht selbst derjenige, der damals einen Mann, der mit unvollständigen Papieren vorbeifuhr, freundlich zu sich in die Dienststube bat und anschließend ein Polaroid-Passfoto von ihm erstellte?

Diffuse und allgegenwärtige Bedrohung

Die US-amerikanisch-spanische Produktion The Dancer upstairs, die in Deutschland unter dem Titel Der Obrist und die Tänzerin ins Kino kommt, wimmelt vor Anspielungen auf Peru in den Zeiten des blutigen Krieges zwischen der Guerilla Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) und der peruanischen Staatsmacht.
Anspielungen insbesondere an die Zeit Anfang der Neunziger, als Finstermänner wie Vladimiro Montesinos, Berater des damaligen Präsidenten Fujimori, Jagd auf den Sendero-Führer Abímael Guzmán, genannt „Presidente Gonzalo“, machten. Streckenweise folgt der Film des US-Schauspielers John Malkovich, der nach einer Romanvorlage und einem Drehbuch des britischen Journalisten Nicholas Shakespeare entstand, den damaligen Ereignissen bis ins Detail:
So erbeuten die Film-Polizisten Videokassetten, die den gestrengen Ezequiel beim Tanzen zeigen. Und schließlich, nach akribischer Fahndungsarbeit, bei der im wahrsten Sinne des Wortes im Müll gewühlt wurde, wird der Gesuchte in einem Gebäude lokalisiert, in dessen Paterre sich eine Tanzschule befindet. Diese wiederum wird im Film von Yolanda betrieben, einer zartgliedrigen und feingeistigen Tänzerin. Eine ihrer Schülerinnen ist ausgerechnet Laura, Agustíns heranwachsende Tochter.
Der Verwicklungen nicht genug, fühlt sich der wackere Polizist, der mit einer püppchenhaften Oberschichtstussi unglücklich verheiratet ist, zu Yolanda hingezogen. Yolanda und Agustíns Liebe beginnt als schüchtern-zärtliches Tete-à-tete, das schon bald ins Sperrfeuer des schmutzigen Krieges gerät. Das Geknalle der Feuerwerkskörper am nächtlichen Himmel, die plötzlichen Stromausfälle, die bei Yolanda Panik hervorrufen, evozieren ein Gefühl der Bedrohung, das so diffus wie allgegenwärtig ist.
In einer Sequenz des Films taucht eine Videokassette mit Constantin Costa-Gavras’ Etat de siège (Der unsichtbare Aufstand) aus dem Jahre 1972 auf, einem Film über die Tupamaros in Uruguay, der mittlerweile als Klassiker des aufklärerischen Politkinos gilt.
Eine etwas merkwürdige Hommage, könnten die Konzepte von Costa-Gavras und Malkovich doch kaum weiter auseinander liegen. John Malkovich selbst hat in einem Interview erklärt, dass für ihn „die persönlichen Geschichten und Hintergründe der Protagonisten weitaus interessanter“ seien als die „historischen Details“. Vielleicht hat es sich Malkovich als jemand, der nicht gerade Kenner der Materie ist, einfach nicht zugetraut, mehr in die Tiefe zu gehen. Nichtsdestotrotz hätte er es tun müssen, damit sein Film mehr würde als eine düstere Story, in der ein einsamer Held gegen die Kräfte des Bösen kämpft.

Kaltschnäuzige Oberflächlichkeit

Ein Indikator dafür, mit welch kaltschnäuziger Oberflächlichkeit vorgegangen wurde, ist die Tatsache, dass der Film auf Englisch gedreht wurde. Dies ist zwar mittlerweile bei vielen internationalen Produktionen üblich. Erstaunlich ist allerdings, dass der Film sogar in Spanien im englischen Original mit spanischen Untertiteln in die Kinos kam. Da konnte man dann hören, wie die Schauspieler in mehr oder weniger akzentstarkem Englisch parlieren – ein peinliches Unterfangen, dass jegliche Illusion von Lokalkolorit und atmosphärischer Stimmigkeit zunichte macht. Geradezu grauenvoll naiv ist die Szene, wo eine der blondierten Freundinnen von Agustíns Ehefrau diesem angesichts der Attentate die Frage stellt: „Is there a revolution going on?“.
Nimmt man den Film einfach als Thriller und Liebesmelodram, so stellt Malkovichs Erstlingswerk eine handwerklich akzeptable Leistung dar, angefangen bei der atmosphärischen Geschlossenheit bis hin zur Besetzung der Rollen: Der Spanier Javier Bardem, derzeit einer der besten Schauspieler, gibt eine glaubwürdige Vorstellung als „good cop“ in Gewissensnöten. Die Italienerin Laura Morante als Yolanda, der gebürtige Argentinier Juan Diego Botto als Agustíns Polizeikollege Sucre – sie alle spielen ihre Rollen gut. Gleichzeitig wird man die ganze Zeit das Gefühl nicht los, dass sowohl die Atmosphäre als auch die Charaktere in einem erzählerischen Niemandsland, einer opak schimmernden Blase angesiedelt sind. Dieses Gefühl rührt daher, dass zwar diverse Indizien darauf hinweisen, dass es sich bei besagtem Land in Lateinamerika um Peru handelt. Es fallen sogar vereinzelt Namen von Städten oder Orten, wie etwa der der Andenstadt Ayacucho, dem Ort, wo Sendero Luminoso entstand. Gleichzeitig flüchtet sich der Film immer ins Diffuse, wenn es um die gesellschaftlichen Hintergründe geht. Zwar lässt der Film keinen Zweifel daran, dass das politische System des besagten Landes durch und durch von Korruption zerfressen ist. Doch gibt er keinen einzigen Hinweis darauf, warum sich der Widerstand gegen dieses Regime ausgerechnet in einer Guerilla artikuliert, die mit solch atavistischer Grausamkeit vorgeht. Wer sich auch nur ein bisschen mit Lateinamerika beschäftigt, weiß, dass die totalitäre Ideologie und die grausamen Praktiken von Sendero Luminoso nur vor dem kulturellen und politischen Hintergrund Perus zu verstehen sind. Ein Film, der diesen konkreten Bezug verwischt, bringt nicht nur sich selbst um die erzählerische Kraft, die aus einem authentischen Hintergrund erwächst.

Mantel der Desinformation

Er breitet auch den Mantel der Desinformation, der operettenhaften Fixierung auf gruselige Schauwerte über einen ganzen Kontinent, der fürwahr auch andere, wesentlich humanere Befreiungsbewegungen hervorgebracht hat.
Der Verzicht darauf, etwas mehr Sorgfalt auf das Ambiente zu legen, wirkt sich aber auch negativ auf die Psychologie der Charaktere aus. So bleibt dubios, warum gerade eine so sensible und fragile Person wie Yolanda, die sich vor Dunkelheit (!) fürchtet, zur Anhängerin der brutalen Heilslehre des Leuchtenden Pfades wurde. Fälle wie diese gab es tatsächlich, allen voran Maritza Garrido Lecca, die junge Ballerina aus gutbürgerlichem Hause, die den wirklichen Abímael Guzmán in ihrer Tanzschule versteckte. Es wäre interessant gewesen, der Anziehungskraft Senderos gerade bei solchen Personen nachzuspüren. Der Film Der Obrist und die Tänzerin trägt dazu rein gar nichts bei. In ihm sieht man zum Schluss nur eine hysterisch Verblendete, die „Viva Presidente Ezequiel“ kreischt.

Der Obrist und die Tänzerin (The Dancer upstairs),
Regie: John Malkovich; Drehbuch: Nicholas Shakespeare; USA/ Spanien 2001; Farbe, 124 Minuten.

Kasten:

Die Suche nach Glück in einer „Scheißzeit“

Der argentinische Film Ein Glückstag

Vor einem Jahr lief der Film Un día de suerte ím Original auf der Berlinale und ist jetzt in synchronisierter Fassung in den Kinos angelaufen. Sandra Gugliottas Film ist das skizzenhafte Porträt einer jungen Generation in Argentinien, die nichts anderes kennt, als sich irgendwie durchzulavieren. „Was für eine Scheißzeit“, meint in einer Szene Walter, ein sympathischer Kleindealer, der zwar in die quirlige Elsa verliebt ist, aber keine Ahnung hat, wie er sie halten soll. Denn Elsa zieht es mit aller Macht nach Italien. Dort lebt Cándido, in den sie sich nach einem stürmischen One-Night-Stand in Buenos Aires unsterblich verliebt hat.
Dokumentarische Aufnahmen von cacerolazos (Kochtopfkonzerte) und Straßen voller brennender Autoreifen flackern von der ersten Minute an über die Leinwand. Der politische Hintergrund Argentiniens ist in dem Film ständig spürbar, auch wenn Elsa und ihre Freunde und Freundinnen nicht gerade die ProtagonistInnen des Protests sind. Sie nehmen die gesellschaftlichen Veränderungen eher am Rande wahr, während Elsas Opa, der ursprünglich aus Italien eingewandert war, aktiv an den Demonstrationen teilnimmt.

(siehe LN 332, Februar 2002)
Un día de suerte; Regie: Sandra Gugliotta; Argentinien 2001

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