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Der Schattenboxer

Der Verleger mußte offensichtlich erst überzeugt werden, das Buch von Paco Ignacio Taibo II mit dem Originaltitel De Paso zu drucken. Zwischendurch war Taibo wohl selbst des öfteren unschlüssig, ob er weiter schreiben sollte. Seit 1982 beschäftigte ihn die Figur des San Vicente – ein spanischer Anarchist aus Gijon, der in den 20er Jahren in Mexiko lebte – über den es nur wenige verbürgte Informationen gibt. Ein gefundenes Fressen für einen Schriftsteller, sollte man meinen. Doch wer Taibo kennt, weiß, daß er sich um so mehr auf die wenigen erhältlichen Originaldokumente gestürzt hat, um sich ein möglichst genaues, authentisches Bild von seinem Protagonisten machen zu können. Manchmal verzweifelt er selbst an dem vagen, schemenhaften Eindruck: „Aber dieser Mann hat existiert, oder hat er nicht existiert?“ „Natürlich existierte er.“ „Aber so, wie du es erzählst?“ „Mehr oder weniger, mehr oder weniger tatsachengetreu. Einzelheiten.“ „Einzelheiten, die sich tatsächlich zugetragen haben?“ „Also, wirst du es veröffentlichen oder nicht? Was zum Teufel hat es für eine Bedeutung, ob es genau so existiert hat, ob der Anzug diese Farbe hatte oder eine andere?“ „Aber hat er existiert?“ „Natürlich.“ „Also doch.“.
So nähert sich Taibo in 55 kleinen Kapiteln aus unterschiedlichen Blickwinkeln der Hauptfigur, die der gleichen Geburtsstadt entstammt wie er selbst. Der Autor – selbst in den 70er Jahren als Organisator einer unabhängigen Gewerkschaftsbewegung in Mexiko unterwegs – zeichnet so das Leben des Anarchisten und Gewerkschaftsorganisators San Vicente im Mexiko der frühen 20er Jahre nach. Ob er dieses Verfahren, Hans Magnus Enzensbergers „Der kurze Sommer der Anarchie“ entlehnte, in dem dieser das Leben des spanischen Anarchisten Durruti nachzeichnete, sei dahingestellt. Möglicherweise ist es der Gegenstand selbst, hier Durruti, da San Vicente, der dem Autor das Verfahren aufgezwungen hat.

“Entschuldigung, bin ich mit der Familie San Vicente verbunden?“

Ausgerüstet mit einer Knarre und einem Werkzeugkasten treibt sich San Vicente im nachrevolutionären Mexiko bei den Arbeitern in der Erdölindustrie, beim Schiffbau aber auch in der Textilindustrie und bei den Straßenbahnfahrern herum. Er agitiert als Mitglied der anarchosyndikalistischen CGT (Confederación General de Trabajadores) sowohl durch seine Mitarbeit bei verschiedenen Arbeiterzeitungen als auch durch direkte Aktionen. Letztere sind augenscheinlich–oder besser gesagt laut Taibo’s Schilderungen–seine Stärke. Der Autor deutet die Schwierigkeiten der Achtundsechziger-Generation in Mexiko an, bei der Suche nach einer eigenen Geschichte zu selten auf Gesichter und Namen zu stoßen, auf die man sich guten Gewissens berufen könnte, „rote(n) Großväterchen, an die wir uns halten konnten.“ Wird hier einer herbeigeschrieben?
San Vicente, der Aktivist auf Durchreise, kann schon deswegen nicht viel falsch machen, muß keine allzu großen Niederlagen einstecken, weil er sich immer nur kurzzeitig irgendwo aufhält. Nach dem Aufbau einer Zeitung, nach wichtigen Gesprächen oder nach einer gelungenen Aktion verläßt er das Terrain– neuen Taten zugewandt. So bleibt von ihm stets mehr ein Schatten denn ein Schimmer zurück: „Ich kann mir San Vicente nicht lächelnd vorstellen. Es ist so, als würde ich ihn in einem gigantischen Bahnhof voller Leute aus den Augen verlieren.“
Über die didaktische Intention hinaus schafft es Taibo mit diesem Roman erneut, die LeserInnenschaft in seinen Bann zu ziehen. Schnell–und wie man es aus seinen Krimis her kennt –spannend geschrieben, mit zahlreichen Anarcho-Sprüchen und gelungenen Seitenhieben auf die konkurrierenden Leninisten und Stalinisten, ist das Buch ein Muß für die Fans mexikanischer Literatur.
Noch rasanter geht es in dem Kriminalroman Olga forever zu. Olga, superschnell, 23, kurvt auf ihrer Vespa durch Mexiko-Stadt, zunächst auf der Suche nach einer guten Story. Sie ist zuerst einmal Journalistin und nebenbei auch noch eine erstklassige Detektivin. Olga recherchiert im ersten Fall den Tod von fünf Personen, die im Großen Kanal gefunden wurden: „Diese Scheißregierung, sie bringt nicht nur die Leute um, sondern versaut auch noch das Trinkwasser.“
Unterbrochen höchstens mal durch ihren nervigen kleinen Cousin Toñín macht sich Olga ziemlich straight und systematisch auf die Suche. So nebenbei gerät der Krimi auch noch zu einem Loblied auf den Journalismus: „Er ist die letzte verdammte Schranke, die unseren Absturz in die Barbarei verhindert. Ohne Journalismus, ohne Informationsverbreitung würden wir alle die Hand heben, wenn Big Brother es verlangt. Er ist die Stimme der Stummen und das Zusatzgehör, das Gott den Tauben gegeben hat. Es ist der einzige Scheißjob, der sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch lohnt.“ Man hat den Eindruck, Taibo schreibt sich da etwas von der Seele.
Olga, superschlau, kommt dabei schnell voran, sie veröffentlicht täglich ihren jeweiligen Kenntnisstand in der Tageszeitung „La Capital“ und treibt somit die Geschehnisse direkt und indirekt voran. Zu guter Letzt verzweifelt sie nicht nur an den dubiosen Machenschaften von Polizei und Drogenhändlern sondern auch am alltäglichen machismo: „Worauf der Typ einen weiteren banana split bestellte und mir antwortete: ,Wen zum Teufel interessiert das denn? Gehen wir in ein Motel, wenn du dein Eis fertig hast?’ Es war schon lange her, daß ich jemandem mit einer solchen Lust in die Eier getreten hatte.“
Im zweiten Fall geht es Olgachen um die Aufdeckung der Machenschaften zwischen Regierung und katholischer Kirche. Mehrere Leute kommen ums Leben, alle verwandt miteinander und mit grüner Druckerfarbe an den Händen. Olga’s Opa Inocenio schnarcht zwar laut ist aber im entscheidenden Augenblick eine wichtige Stütze, auch wenn er Olgas Biervorräte stark dezimiert. Der Opa steht für die Ideale der Revolution, insbesondere für die Trennung von Kirche und Staat. Er wittert ständig die Gefahr der Wiederannäherung –sollte er recht behalten?
Olga und ihr Opa kämpfen schließlich gemeinsam gegen die Pfaffen, gegen Wahlfälschung und gegen Vaterlandsverrat, gegen Klerus, Glauben und Aberglauben. Taibo tobt sich tierisch aus, es scheint ihm ein weiteres Herzensanliegen zu sein.
Ebenso versucht er mit beiden Storys augenscheinlich eine Liebeserklärung, eine Reminiszenz an die Hyper-Metropole Mexiko-Stadt. Dabei gelingt es ihm, eine so schräge, siffige und schäbige Stadt zu präsentieren mit einer Sprache, die greller und provokativer kaum sein kann. Ein verschlagener, pöbelhafter Taibo, der mit diesem Doppelkrimi offensichtlich mehreren Klischees widersprechen wollte, was ihm voll gelungen ist.

Paco Ignacio Taibo II: „Auf Durchreise“. Aus dem Spanischen übersetzt von Horst Rosenberger, Edition Nautilus, Hamburg 1997, 138 Seiten, 24.80 DM.
Paco Ignacio Taibo II: „Olga forever“. Aus dem Spanischen übersetzt von Horst Rosenberger, Edition Nautilus, Hamburg 1998, 182 Seiten, 29.80 DM.

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