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Der „unendliche“ Streit um den Meereszugang

Mitte März kam es zu einer ersten Annäherung: die Vizekanzler beider Länder trafen sich, um über bilaterale Angelegenheiten zu diskutieren. Die Politiker sprachen über alles, aber die Frage des Meereszuganges blieb ausgeklammert. In letzter Minute ging Boliviens Vizekanzler Jorge Gumucio dann doch noch auf den historischen Streit ein. Im Anschluss der Gespräche deutete er an, dass Mesa und Lagos eventuell auf einem Treffen Ende Mai im mexikanischen Guadalajara über den Meereszugang diskutieren würden.
Seit Bolivien aus dem Salpeterkrieg (1879-1883) als Verlierer hervorging, seine Küste an Chile verlor und zum Binneland wurde, fordert das Land immer wieder einen „souveränen“ Zugang zum Meer ein. Der ist für Bolivien nicht zuletzt wegen eventueller Erdgasexporte in naher Zukunft wichtig.
Für Chile ist die Angelegenheit klar: Die Grenzen wurden 1904 im Friedenvertrag festgeschrieben. Darum gebe es auch keinerlei rechtliche Grundlage für Boliviens Ansprüche, argumentiert Präsident Lagos. Er reagierte damit auf die jüngsten Bestrebungen der bolivianischen Regierung, ihr Anliegen vermehrt auf internationalen Zusammenkünften vorzubringen.
Im Friedensvertrag von 1904 wurde Bolivien das Recht eingeräumt, möglichst freien Handelsverkehr über chilenisches Territorium und Pazifikhäfen durchzuführen. Explizit genannt werden die Eisenbahnlinien zu den Häfen Antofagasta und Arica. Inzwischen haben diese ihre Bedeutung für den Warenverkehr jedoch praktisch verloren.
Heute setzt Bolivien auf Öffentlichkeit. Im vergangenen Jahr brachte Präsident Carlos Mesa die Forderung nach einem Zugang zum Pazifik bei der UN-Vollversammlung ein und ließ sie beim Vatikan vorstellen. Auch beim Gipfeltreffen der amerikanischen Staatschefs im Januar in Monterrey, Mexiko, schwieg Mesa nicht. Präsident Lagos wich dort jedoch einem direkten Dialog aus.
Dafür mischte sich Venezuelas Staatschef Hugo Chávez ein. Er erklärte, von einem Bad in einem bolivianischen Meer zu träumen und bot Bolivien an, im Fall der Fälle eine Straße zu einem bolivianischen Hafen mit „venezolanischen Asphalt“ zu teeren. Chile lehnte jegliche internationale Einmischung ab und ging sogar soweit, den Botschafter aus Caracas abzuberufen.
Die Perspektiven Chiles und Boliviens könnten unterschiedlicher kaum sein: Für den chilenischen Staat ist bislang die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen Voraussetzung für eine Diskussion über eine Hafennutzung Boliviens. Ausgeschlossen bleibt freilich ein territoriales Zugeständnis an das Nachbarland. Bolivien machte hingegen eine souveräne Lösung des Konfliktes um das Meer zur Bedingung für die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen.
Beide Länder rüsten sich jetzt für die Auseinandersetzung. Anfang Februar stieß Chiles Präsident Lagos eine Öffentlichkeitskampagne an, indem er Vertreter des chilenischen Staates aufforderte, die Position Chiles im Ausland zu erklären. Boliviens Präsident Mesa wiederum ernannte den Ex-Kanzler Carlos Iturralde zum speziellen Meeresbotschafter, der insbesondere in Lateinamerika und der Karibik die nationalistische und stark rückwärtsgewandte bolivianische Position vorstellen soll.
Einen erneuten Krieg zwischen den beiden Ländern halten Fachleute aber für unwahrscheinlich, obwohl in Bolivien während der Unruhen im Oktober 2003 ein sehr aggressiver, nationalistischer Diskurs gegen Chile geführt wurde. Diese bolivianische Initiative wird aber als Ablenkungsmanöver der damaligen Regierung von den innenpolitischen Problemen des Landes gedeutet.

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