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Der Weg entsteht beim Gehen

Erst nachdem der mexikanische Krimischriftsteller ein Buch über Che Guevaras Zeit im Kongo geschrieben hatte (“Das Jahr, in dem wir nirgendwo waren, LN Nr. 269), wagte er sich an eine Gesamtbiographie heran. “Es ging darum, ein Geschichtsbuch mit der Gewissenhaftigkeit eines Historikers zu schreiben, aber mit einer Technik, die ermöglicht, das Buch zu lesen, als wäre es ein Roman”. Dadurch, daß Taibo vorwiegend aus der Sichtweise von Augenzeugen erzählt sowie lange Passagen von Che Guevaras eigenen Aufzeichnungen einarbeitet, kann so etwas wie eine weihevolle Distanz erst gar nicht entstehen.

Aufschlußreiches aus der “Frühphase”

Gerade dadurch, daß Ernesto Guevaras “Frühphase” – der Zeit, als er als abenteuerlustiger, politisch noch recht unbedarfter Medizinstudent durch den Kontinent trampte – viel Raum eingeräumt wird, entsteht zunächst das Bild einer Person mit enormer, aber keineswegs zielgerichteter Energie: Einer, der sein Medizinstudium nur halbherzig betreibt, aber leidenschaftlich gern liest. Einer, der es mit der Hygiene nicht so genau nimmt und sich trotz seines Asthmas enorme körperliche Strapazen zumutet. Einer, dem Geld nichts bedeutet, Freiheit dafür umso mehr.
Auch die Beschreibung der Exilkubaner, die Ernesto in Mexiko-Stadt kennenlernt, läßt nicht per se auf künftige Revolutionäre schließen: Während aus Ches Tagebuch zitiert wird, es sei “ein politisches Ereignis, Fidel Castro kennengelernt zu haben”, führt Taibo dessen Bruder Raúl als jemanden ein, “der von der Vorstellung besessen ist, Torero zu werden”. Seine Ironie und die Vorliebe für skurrile Details inmitten “historisch relevanter” Ereignisse machen Taibos Buch nicht nur politisch und psychologisch aufschlußreich, sondern auch unterhaltsam. Dies gilt besonders für die Episoden über Ches Reisen durch Lateinamerika sowie die ersten Jahre nach der Revolution. Dagegen ordnen sich die langen Kapitel aus der Zeit der Guerilla auf Kuba beziehungsweise später im Kongo und in Bolivien dem Rhythmus der alltäglichen Strapazen und Schlagabtäusche unter. Das ist streckenweise sehr ermüdend. Gleichzeitig bewirkt die Zähigkeit dieser Passagen, daß eine Verherrlichung des Guerilladaseins vermieden wird. Taibo wendet sich gegen die “von einigen Chronisten falsch behandelte Mythologie der Invasion”. Seiner Meinung nach ist die eigentliche Leistung nicht “in den kleineren militärischen Heldentaten Ches zu suchen, sondern im gewaltigen 47tägigen Marsch unter unmenschlichen Bedingungen, in der Hartnäckigkeit und Umsicht eines Che, der (…) eine glänzende Fähigkeit zur Durchführung von Ausweichmanövern an den Tag legt, die seinem kämpferischen Charakter ganz fremd sind.” Besonders beeindruckt Taibo, daß Comandante Che offenbar in entscheidenden Momenten auch in der Lage war, vom klassischen Heldengehabe Abstand zu nehmen. So zitiert er die Aussage des argentinischen Journalisten Rodolfo Walsh: “Ich kann mich an keinen Anführer einer Armee, keinen General und keinen Helden erinnern, der sich selbst bei zwei Gelegenheiten als Flüchtenden beschrieben hat.”

Teilen bis zum letzten Bonbon

So versiert Che Guevara als Comandante eines Guerilla-Fokus dargestellt wird, so deutlich ist die Kritik daran, daß dieser den Stellenwert subversiver Tätigkeiten in den Städten unterschätzt habe. Das gilt sowohl für den Kampf gegen die Batista-Diktatur als auch für Ches spätere Bereitschaft, in Bolivien auch ohne ausreichende Unterstützung linker Parteien und Gruppierungen zu den Waffen zu greifen. Wenn man das Projekt in Bolivien aus historischer Perspektive betrachtet, erscheint Ches aktionistische Ungeduld fatal. Wenn man, wie Taibo dessen persönliche Erfahrungen chronologisch nachvollzieht, wird die innere Logik sichtbar: Che steckte der gescheiterte Guerillakrieg im Kongo in den Knochen, die frustrierenden Querelen zwischen ihm und den lokalen Guerillaführern, die zu einer monatelangen Selbstblockade geführt hatten.
Eine Fülle von Beispielen illustrieren Che Guevaras politische Integrität, seinen kompromißlosen Egalitarismus und die gigantischen Anforderungen, die er nicht nur an sich, sondern auch an seine revolutionären WeggefährtInnen stellte. Schmunzelnd und beeindruckt zugleich gab Taibo bei seiner Buchlesung die Geschichte zum besten, wie Che nach einem langen Marsch sogar sein letztes Bonbon entzweigehackt und mit den anderen Guerilleros geteilt habe. Che als asketischer linker Säulenheiliger? Che als moralisches Über-Ich? Davor rettet ihn die Tatsache, daß Taibo mit liebevoller Akribie auch seine kleinen Laster und Inkonsequenzen kolportiert. Beispielsweise Ches Versuch, seine Ärzte, die dem Asthmakranken nur eine Zigarre pro Tag erlaubt hatten, mit einer ein Meter langen Havanna auszutricksen. Immer wieder blitzt sie auf, diese für Che offenbar typische Mischung aus Verschlossenheit und sarkastischem Humor, unverwüstlichem Optimismus und naiver Unbefangenheit körperlichen Gefahren gegenüber.
Was Ches Beziehungen zu Frauen angeht, mokiert Taibo sich darüber, daß diese bisher in der Literatur mit einer Vorsicht behandelt worden seien, die an “viktorianischen Puritanismus” grenzen. In seinem Buch erscheint der post mortem zum schönsten linken Popstar avancierte Che nicht gerade als romantischer Held, geschweige denn als “hombre nuevo”. Ches erste Ehe zu der Peruanerin Hilda Galdea lavierte laut Taibos Darstellung zwischen pragmatischer Zweckbeziehung unter politischen Gleichgesinnten und dem zerquälten Versuch, daraus eine Liebesgeschichte zu machen. Die langjährige Ehe zu der kubanischen Guerillera Aleida March scheint dagegen weitaus harmonischer gewesen zu sein. Über die “außergewöhnlich bescheidene” Aleida, die sich bis heute weigert, Interviews zu geben, taucht laut Taibo in den “Hunderten von Büchern über die kubanische Revolution” kein einziger biographischer Hinweis auf. So ist nur bekannt, daß sie nach außen hin die Aktivitäten ihres Gatten immer loyal mit getragen hat – inklusive dessen “schlechter Gewohnheit, sich außerhalb von Kuba zu befinden, wenn seine Kinder geboren werden”.

Der “hombre nuevo” als abwesender Vater

Che Guevaras ideologische Orientierungssuche versucht der Biograph mit kritischer Sympathie nachzuvollziehen. So hätte dieser erst im Laufe des revolutionären Prozesses, als er bereits Verantwortung trug, konkretere politische und ökonomische Vorstellungen entwickelt. Anschaulich schildert Taibo das produktive Chaos in Ches Industrieministerium: Während er einerseits als Direktor der Zentralbank fungierte und sich mit ungeheurem Tatendrang an Programme zur Importsubstitution machte, nahm er nebenbei noch Nachhilfestunden in Mathematik. So skurril der anfängliche Dilettantismus der jungen Revolutionäre wirkt, so beeindruckend ihre enorme Lernfähigkeit. Während das Buch darlegt, wie Ches Kritik an der Sowjetökonomie immer lauter wurde – wobei er interessanterweise noch zentralistischere Positionen vertrat – kritisiert Taibo Guevaras unkritische und unwissende Haltung in Bezug auf die politischen Deformierungen des realexistierenden Sozialismus: “Er war ein Gefangener des Neandertal-Marxismus.” Auch wenn Che sich gegen die zunehmende Bürokratisierung gewandt habe und “hinter den Kulissen als ‘Linksabweichler’ bezeichnet” worden sei, wären es paradoxerweise Che und Raúl gewesen, die den Lehrbuchmarxisten die Tür zum revolutionären Raum geöffnet” hätten. Ches Verachtung der Macht und die Tatsache, daß er in die Probleme der Industrie vertieft gewesen sei, hätten dazu geführt, daß er kaum bemerkt habe, in welchem Maße “das Sektierertum und der Autoritarismus” allmählich die Debatte innerhalb der Führungsriege beherrschten. Ab einem gewissen Zeitpunkt habe Che jedoch gespürt, “daß man zu den angeblichen Häresien des Marxismus zurückkehren und sie vorurteilslos untersuchen muß.” Gleichzeitig widerspricht Taibos Biographie energisch den Mutmaßungen, Ches Abschied aus Kuba sei Ergebnis eines Zerwürfnisses mit Fidel Castro oder gewesen – oder Ausdruck der Sehnsucht, als Guerillero den Märtyrertod zu sterben. “Che war absolut nicht suizidgefährdet.” Bei der Ungeduld, mit der er sich in die Guerillaexperimente im Kongo und in Bolivien stürzte, läßt Taibo die Frage offen, welchen Anteil dabei Ches Glaube an die Erfolgsaussichten dieser Revolutionsprojekte hatte – und welchen Anteil das, was er in einem Brief an seine Eltern als “Abenteuerlust” und “Begierde, geschichtliche Höhepunkte zu erleben”, bezeichnete.

Neanderthaler-Marxismus und Machtverachtung

Taibo ist es gelungen, den Helden ein Stück vom Sockel zu holen, ohne ihn zu demontieren. Dadurch, daß seine Biographie weniger aus der historisch-analytischer Rückschau, sondern aus damaliger Perspektive argumentiert, entsteht ein äußerst lebendiges Bild. Und gleichzeitig so etwas wie eine schriftstellerische Reflexion über den Satz “El camino se hace andando” – “Der Weg entsteht beim Gehen”. Trotz aller spöttischen Distanz zum Che-Kult kommt Taibo zu dem Schluß: “Im Zeitalter des Schiffbruchs ist er unser weltlicher Heiliger. Fast 30 Jahre nach seinem Tod geht sein Bild quer durch alle Generationen, sein Mythos tummelt sich mitten in den Größenwahndelirien des Neoliberalismus: rücksichtslos, spöttisch, hartnäckig, moralisch hartnäckig und unvergeßlich.”

Paco Ignacio Taibo II: Che – Die Biographie des Ernesto Guevara, Edition Nautlius, 1997, 697 Seiten, 69,80 DM (ca. 35 Euro).

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