«

»

Artikel drucken

Die Angst im Nacken

Langsam setzt das Flugzeug zum Landeanflug auf den Flughafen von Montevideo an. Der Río de la Plata liegt dunkel da, die Straßen der Stadt sind leer. Die Bilder, mit denen María Teresa Curzio ihren Dokumentarfilm beginnen lässt, könnten auch die letzten Eindrücke von María Emilia Islas Gatti de Zaffaroni von ihrer Geburtsstadt gewesen sein, bevor sie an einen bis heute unbekannten Ort transportiert und dort ermordet wurde. Aber sicher ist das nicht; dokumentiert ist nur, dass die damals 23-Jährige am 27.09.1976 in Buenos Aires zusammen mit ihrem Ehemann und deren 18 Monate altem Kind festgenommen wurde und in die berüchtigte Foltergarage Automotores Orletti gebracht wurde. Möglicherweise wurde sie dann mit dem Flugzeug nach Montevideo gebracht. Danach verliert sich ihre Geschichte, wie die der über 200 Verschwundenen aus der Zeit der uruguayischen Militärdiktatur (1973 bis 1985).
Die Regisseurin María Teresa Curzio lässt in ihrem Film verschiedene Personen, deren Lebenswege von der Diktatur stark beeinflusst wurden, sehr persönlich über die damalige Zeit berichten. So schildert die Mutter von María Emilia Islas die Suche nach ihrem Enkelkind Mariana Zaffaroni, das nach der Ermordung der Eltern entführt worden war. Es dauerte 16 Jahre, bis sie sie in der Familie eines Mitglieds des argentinischen Geheimdienstes SIDE in Buenos Aires fand. Aber auch nachdem die Enkelin ihre wahre Identität erfahren hatte, entschied sie sich, unter ihrem Namen Danila Romina Furci, weiterhin bei ihrer Adoptivfamilie zu bleiben. Sehr berührend erzählt die Großmutter, María Esther Gatti, die Geschichte der Suche nach ihrer Enkelin und es lässt sich die Kraft und Liebe dieser Frau spüren, die in ihrem Kampf um Gerechtigkeit und Aufklärung nie aufgegeben hat. In einem Moment durchbricht sie die für Dokumentarfilme typische Interviewsituation. Während sie direkt in die Kamera blickt, aber weiter mit der Interviewerin spricht, wird deutlich, dass sie sich eigentlich an die Enkelin richtet. Leider sind solche Momente viel zu selten und es überwiegen die Standardinterviewsituation derTalking Heads.
„Ich war mir den Film selbst schuldig und ich wollte Dinge hochbringen, die vorher unausgesprochen geblieben sind“, so Maria Teresa Curzio. Diesem Unausgesprochenen versucht der Film nahezukommen, um seine Bestandteile zu ergründen. Ein Teil davon ist für eine ihrer ProtagonistInnen die Angst, die den Uruguayern immer noch im Nacken sitzt, hervorgerufen durch den damaligen Staatsterrorismus und die Macht der Militärs. Diese sind nach wie vor durch ein Gesetz von 1986, das so genannte Amnestiegesetz, vor Strafverfolgung für während der Militärdiktatur begangene Menschenrechtsverletzungen geschützt. Bereits 1989 gab es den Versuch, durch einen Volksentscheid dieses Gesetz zu annullieren. Damals gelang es den Militärs, ein Klima der Angst vor einer Neuauflage der Diktatur zu schaffen, so dass keine ausreichende Mehrheit für die Abschaffung des Gesetzes zustande kam (siehe auch LN 348). Am 27. Oktober wird nicht nur der neue Präsident gewählt, sondern auch erneut über die Annullierung des Amnestiegesetzes abgestimmt. Dann wird sich zeigen, ob die Uruguayer ihre Demokratie inzwischen als stark genug ansehen und für die Annullierung stimmen werden – oder ob das Schweigen der Militärs weiter bestehen kann.

Vacuum // Regie: Maria Teresa Curzio // Dokumentarfilm // Uruguay/Deutschland 2008 // 90 Minuten // OmU // www.vacuumlapelicula.blogspot.com // Verleih: Hanfgarn & Ufer // www.hu-film.de

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/die-angst-im-nacken/