Film | Nummer 423/424 - Sept./Okt. 2009

Wehrhaftes Dorf

Der Dokumentarfilm Auf halbem Weg zum Himmel erzählt die Geschichte des Guatemaltekischen Dorfes La Aurora und dessen Kampf gegen das Staatsverbrechen

Raphael Schapira

Eine beispielhafte Szene für die heutige Situation in Guatemala: Die Kamera filmt aus dem Auto heraus die nächtlichen Straßen der Stadt. Kaum ein Mensch ist unterwegs, nur eine Sexarbeiterin zeigt sich kurz in einem Hauseingang. Plötzlich überholt ein Pick-up der Polizei das Filmteam und bleibt an der Ampel direkt neben dem Auto stehen. Es scheint, als zögere der Kameramann einen Moment weiterzufilmen, denn die Polizisten blicken nun direkt in die Kamera. Schließlich fahren die Polizisten weiter, der brenzlige Moment ist überstanden. Aber war er wirklich so gefährlich, oder hat sich die gesellschaftliche Situation in Guatemala in den letzten Jahren verändert? Das Erstlingswerk von Andrea Lammers und Ulrich Miller gibt eine ambivalente Antwort. Zum einen erzählt es von der hoffnungsvollen Geschichte eines zehn Jahre dauernden erfolgreichen gerichtlichen Prozesses, den die BewohnerInnen La Auroras gegen Militärs führten, berichtet aber andererseits auch über die fortbestehenden Traumata und festgefahrenen Strukturen durch 36 Jahre Bürgerkrieg.
Einige Jahre vor dem offiziellen Ende des Bürgerkriegs 1996 kehren viele Flüchtlinge aus dem Nachbarland Mexiko nach Guatemala zurück. Im nördlichen Tiefland von Guatemala hat es eine Gruppe von 200 Maya-Familien mit Hilfe eines staatlichen Kredits geschafft, einem Großgrundbesitzer die Finca Xamán abzukaufen. Auf diesem Land entsteht das Dorf La Aurora 8 de Octubre, das Militärpatroullien offiziell nicht betreten dürfen. Bei den Vorbereitungen der Festlichkeiten zum Jahrestag der Dorfgründung kommt es zu einem schrecklichen Zwischenfall. Eine bewaffnete Einheit der Armee betritt das Dorf und provoziert die BewohnerInnen. Stunden später liegen elf Gemeindemitglieder erschossen am Boden, über dreißig von ihnen sind schwer verletzt. Wie üblich wird von staatlicher Seite aus versucht, das Verbrechen zu vertuschen. Doch die Betroffenen haben im Exil gelernt, sich gegen den Staat zur Wehr zu setzen. Sie schreiben Anzeigen, erzwingen Autopsien und üben öffentlichen Druck aus, der zur Eröffnung eines Verfahrens vor einem Zivilgericht führt. Der zehnjährige Prozess wird zu einem Wendepunkt in der Geschichte Guatemalas. Aufgrund der Hartnäckigkeit der Betroffenen werden erstmals in der Geschichte des Landes Militärs wegen außergerichtlichen Hinrichtungen verurteilt. Aber die reaktionären Kräfte sind weiterhin stark in Guatemala. Ein engagierter Staatsanwalt sieht sich gezwungen ins Exil zu gehen und auch die Ankläger riskieren bei diesem Prozess ihr Leben. Trotzdem halten sie durch und erreichen in einer Revision des ersten Urteils die Erhöhung des Strafmaßes für die verantwortlichen Soldaten von vier auf vierzig Jahre.
Es ist den FilmemacherInnen anzurechnen, dass sie jeglichen Ethno-Kitsch und die Idealisierung der ProtagonistInnen vermeiden und sich abseits vom westlichen Mainstream-Narrativ „gute IndianerInnen gegen den bösen Staat“ bewegen. Allerdings ist die Darstellung fast zu neutral, wodurch der Eindruck entsteht, dass der Genozid, der sich hauptsächlich gegen die Maya-Bevölkerung richtete, jede Bevölkerungsgruppe hätte treffen können. Teilweise fällt es schwer, dem Prozessverlauf zu folgen, den die Regisseure mit Hilfe von Archivmaterial aus unterschiedlichen Quellen und Interviews rekonstruieren.
Insgesamt ist der Film jedoch sehr sehenswert und spannend, denn er erzählt, vor dem Hintergrund der staatlichen Transformation Guatemalas von der Militärdiktatur zur Demokratie, vom Leben in La Aurora und den Ängsten, welche die Auseinandersetzung mit der von Gewalt gezeichneten eigenen Geschichte bringt.

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