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Risse in der Fassade

Im Wettbewerb der diesjährigen 61. Internationalen Filmfestspiele, die vom 10. bis 20. Februar in Berlin stattfinden, sind als einzige Beiträge aus Lateinamerika gleich zwei argentinische vertreten: Zunächst die mexikanisch-argentinisch-französische Co-Produktion El premio („Der Preis“) von der in Mexiko lebenden, argentinischen Regisseurin Paula Markovitch. Ihr Erstlingswerk handelt davon, wie Kinder ihren Alltag während der letzten Militärdiktatur in Argentinien erlebten. Die siebenjährige Protagonistin muss als Tochter von politischen AktivistInnen stets aufpassen, ihren MitschülerInnen nichts von ihrem Zuhause zu erzählen. Als sie an einem Schreibwettbewerb über die Streitkräfte teilnimmt, und sich in ihrem Beitrag niederschlägt, was sie ihre Mutter zu Hause sagen hört, bringt sie ihre Familie in große Gefahr. El Premio ist bei der Berlinale auch für den besten Erstlingsfilm nominiert.
Außerdem im Wettbewerb läuft Un Mundo Misterioso („Rätselhafte Welt“) von Rodrigo Moreno, eine argentinisch-uruguayisch-deutsche Co-Produktion, in der Ana ihren Freund Boris um eine Auszeit von ihrer Beziehung bittet. Um diese zu überbrücken, kauft sich Boris ein altes rumänisches Auto, fährt kreuz und quer durch die Stadt, trifft alte Freunde, reist nach Uruguay und versucht, Ana zurück zu gewinnen.
Im Panorama feiert neben den in dieser Ausgabe besprochenen Filmen die argentinische Produktion Medianeras („Brandschutzwände“) seine Weltpremiere. Der erste Langfilm von Gustavo Taretto ist eine Reflexion über Einsamkeit, Neurosen, Stress, Reizüberflutung, eben das Leben in einer Millionenstadt wie Buenos Aires. Martín und Mariana wohnen im selben Block, in gegenüberliegenden Häusern, sie laufen fast täglich aneinander vorbei, treffen sich aber nie. Martín hat die letzten zehn Jahre seines Lebens vor dem Computer verbracht und bewegt sich lieber durch die Welt des Internets, als sich hinaus in die Gefahren der Megalopolis zu wagen. Mariana ist nach einer vierjährigen Beziehung gerade wieder in ihre kleine Wohnung von früher zurück gezogen. Beide kämpfen mit ihren Phobien und sehnen sich nach etwas Vertrautheit. Erst als sie sich ein illegal gebautes Fenster in die medianeras, die fensterlosen Außenwände ihrer Wohnhäuser, an die kein weiteres Gebäude angrenzt, einsetzen lassen, erglimmt ein Hoffnungsschimmer auf der gegenüberliegenden Seite. Taretto gelingt, im Stil von Woody Allens New Yorck-Porträts, ein witziger Blick auf die Hauptstadt der Neurosen. Besonders diejenigen, die Buenos Aires kennen, werden schmunzelnd einige treffende Charakterisierungen sowohl der Hauptstadt als auch ihrer BewohnerInnen wieder erkennen.
Das 41. Forum versammelt dieses Jahr unter dem Motto „Risse in der Fassade“ Filme, die um Themen wie Familie, Beziehungen und Identität kreisen, dabei aber gleichzeitig auch gesellschaftlichen Wandel und politische Umbrüche filmisch verarbeiten. Der brasilianische Film Os residentes („Die Bewohner“) von Tiago Mata Machado beispielsweise handelt von den BewohnerInnen eines Abrisshauses, die dort eine temporäre autonome Zone einrichten. Ein sehr gut fotografierter Film, in denen die SchauspielerInnen theaterhaft in Szene gesetzt werden. In lose aneinandergereihten Kapiteln wird über Subversion, politische (bewaffnete) Aktion, freie Liebe oder die Freiheit zu entscheiden reflektiert.
Um eine 36-jährige Frau, die nochmal neu anfangen will, geht es im kolumbianischen Beitrag Karen llora en un bus („Karen weint in einem Bus“) von Gabriel Rojas Vera. Die Protagonistin beschließt, sich von ihrem Mann zu trennen und ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Doch das neue hält einige Hürden bereit: Nachdem sie keine Arbeit findet, beginnt sie im Bus um Geld zu betteln. Tag für Tag fällt ihr diese neue „Aufgabe“ leichter. Schlussendlich schafft sie es, unabhängig zu werden. Der chilenische Forums-Beitrag El mocito („Der kleine Kellner“) setzt sich mit der jüngeren Vergangenheit des Landes auseinander: Lino Vergara, der mit 16 Jahren in einem Folterzentrum des Pinochet-Regimes diente, plagt das schlechte Gewissen. Um es zu erleichtern, stellt er sich der Justiz als Kronzeuge zur Verfügung.
Auch im Forum sind darüber hinaus noch zwei argentinische Filme zu sehen: Ocio von Alejandro Lingenti und Juan Villegas handelt von Andrés, der nach dem Tod seiner Mutter nur noch depressiv und anteilslos in den Tag lebt. Sowohl sein Vater als auch sein Bruder sind ihm fremd. Mit einem Kumpel plant er einen riskanten Coup, um wenigstens seine finanzielle Situation zu verändern.
Marco Berger lotet in seinem ersten Spielfilm Ausente („Abwesend“) die Grenzen von Verfolgung und Bewunderung aus. Der 16-jährige Martín beobachtet obsessiv seinen Schwimmlehrer und erfindet eine Augenverletzung, um von ihm ins Krankenhaus gefahren zu werden. Martín spinnt sein Lügennetz immer weiter und schafft es schließlich, dass sein Lehrer ihn mit zu sich nach Hause nimmt. Mit bedrohlicher Musik untermalt und in homo-erotischen Bildern, lässt Berger seinen Protagonisten die Schlinge immer enger ziehen. Doch die Geschichte von Ausente ist zu konstruiert und überspitzt, die Entwicklungen zu minimal, so dass der Film eher langweilt, anstatt wirklich zu überzeugen.
Für die WeinliebhaberInnen gibt es zu guter Letzt noch eine Reise durch die Anbaugebiete Argentiniens zu entdecken: El camino del vino („Der Weg des Weins“) von Nicolás Carreras, der im Kulinarischen Kino zu sehen sein wird, führt in die Weinregion Mendoza. Der berühmte Sommelier Charlie Artuarola verliert darin, was für ihn am wichtigsten ist: seinen Geschmackssinn.

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