«

»

Artikel drucken

Roadmovie mit Naturkundeunterricht

Ein Mädchen reitet durch eine karge Berglandschaft. Sie ist auf dem Weg zu ihrer Schule, einer Landschule in der Nähe von Los Condores, einem isolierten Städtchen am Rande der Sierra de Córdoba, im tiefsten Hinterland Argentiniens. Die wundervolle Aussicht entschädigt für die Kälte und den Wind in den Bergen.
In der Schule bleibt Lila die ganze Woche. Die Schulwege nach Hause sind zu lang für die Kinder in dieser dünn besiedelten Region, um sie jeden Tag zu gehen. So schlafen die Kinder in Gemeinschaftsräumen unter der Obhut zweier Lehrerinnen.
Insbesondere zu der Naturkundelehrerin Jimena hat Lila ein gutes Verhältnis, sie ist ihre wichtigste Bezugsperson. Doch in deren Biologieunterricht kann sich das Mädchen nicht konzentrieren. Ihre Gedanken schweifen ab. In der Nacht unternimmt das pubertierende Mädchen einen Ausbruchsversuch mit ihrem Pferd. Doch Jimena kann sie gerade noch davon abhalten, mitten im Sturm loszuziehen.
Lila will weg von der Schule, um ihren Vater zu suchen. Alles, was sie von ihm weiß ist, dass er vor zwölf Jahren in Los Condores Antennen installiert hat. Sie will ihn kennenlernen. Ihre Mutter kann diesen Wunsch nicht verstehen. Sie ist verbittert über den Mann, der ihr ein Kind gemacht und sie dann im Stich gelassen hat. Sie möchte die Episode einfach nur vergessen.
Doch für Lila ist es ein existenzielles Bedürfnis, zu erfahren, wer ihr Vater ist. Sie ist bereit, dafür einiges zu riskieren und gerät so in Schwierigkeiten. Nach einem weiteren Ausbruchsversuch wird sie von der Schule suspendiert.
Die Naturkundelehrerin Jimena soll Lila eigentlich nur nach Hause fahren. Doch die Zwölfjährige mit ihrem starken Willen überzeugt Jimena, ihr bei der Suche nach dem Vater zu helfen. Bald ist auch Jimena in großen Schwierigkeiten, doch sie bleibt bei ihrem Schützling. Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach dem namenlosen Antenneninstallateur, irgendwo im Hinterland der argentinischen Provinz Córdoba. Nebenbei erhält Lila dabei im Auto einige Privatstunden in Naturkunde.
Der Debütfilm Ciencias Naturales (Naturkunde) von Matias Lucchesi ist vor allem eine Hommage an die wilde Landschaft der Sierra de Córdoba. In einem Interview erklärte er, dass er unbedingt einen Film über diese abgelegene Region machen wollte, die er in seiner Kindheit bei Ausflügen mit seiner Großmutter kennengelernt hatte. Er selbst wuchs in der Großstadt Córdoba auf. Dass wenige hundert Kilometer entfernt noch so scheinbar archaische Regionen existierten, in denen die Kinder mit dem Pferd zur Schule ritten, faszinierte ihn.
Die Landschaftsbilder, die Aufnahmen von verlassenen Straßen, die Portraits kleiner Dörfchen, in denen sich Pampahase und Mähnenwolf gute Nacht sagen, spielen die Hauptrolle im Film. Die Suche Jimenas und Lilas dient vor allem als Vorwand, die verschiedenen Dörfer abzuklappern und abgelegene Straßen abzufahren.
Doch die Geschichte wirkt nicht konstruiert. Sie ist recht einfach, doch auch sie hat ihre Irrungen und Windungen und vermag das Interesse der Zuschauer_innen aufrecht zu erhalten. Man schaut sich den Film nicht nur wegen der Landschaftsbilder an. Paula Galinelli Hertzog spielt die bockig-pubertierende Lila sehr überzeugend und trägt damit maßgeblich zu diesem gelungenen Film bei.
Das Thema selbst – Kinder, die erfahren wollen, wer ihre Eltern sind – ist in Argentinien politisch sehr bedeutsam: Schließlich suchen zahlreiche Menschen ihre Eltern, die die Militärdiktatur hat verschwinden lassen. Hier wird dieses Thema von der unpolitischen Seite aufgegriffen. Der Film erzählt einfach, was es für ein Kind bedeutet, aufzuwachsen, ohne zu wissen, wer der Vater ist. Dieses Thema bildet sicher für viele Zuschauer_innen einen impliziten Kontext, der aber nicht explizit gemacht wird. Im Zentrum der Geschichte steht ein Roadmovie durch argentinisches Hinterland.
Die Sierra de Córdoba liegt mitten im südamerikanischen Kontinent, weit weg von der Küste. Dennoch kann einem bei manchen Einstellungen von Ciencias Naturales seekrank werden. Man merkt eben doch, dass kein riesiges Budget für den Film zur Verfügung stand und alles einfach mit einer Steadycam abgedreht wurde. Dadurch rütteln auch einige Totalaufnahmen ohne Kamerabewegung doch erheblich, insbesondere, wenn der Wind in der Sierra stark weht. Doch trotz der offensichtlich geringen Mittel für den Film ist die Kameraarbeit gelungen und bietet wunderschöne Naturaufnahmen. Abgesehen von einigen kleineren technischen Verfehlungen bietet der Film ein schönes und nicht zu langes Kinoerlebnis, das einen in die entlegenen Teile Argentiniens, weit weg von Buenos Aires, entführt.

Ciencias Naturales // Matías Lucchesi // Argentinien 2014 // 77 min // Berlinale Generation // empfohlen ab zehn Jahren

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/roadmovie-mit-naturkundeunterricht/