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Die einsame Moderne

Aus europäischer Sicht begegnet man Kolumbien oft mit Vorurteilen. Drogen und Gewalt bestimmen das Bild eines Landes, das einst als Wiege der von Spanien unabhängigen lateinamerikanischen Kultur galt. Tatsächlich aber änderte sich an den ursprünglichen Herrschaftsstrukturen in dem südamerikanischen Land auch nach der Unabhängigkeit wenig. Die Macht der römischen Kirche war bis in unser Jahrhundert fast ungebrochen, und so fanden progressive Ideen neben den gottgewollten nur selten Eingang in den kulturellen Diskurs des Landes.
Eduardo Gómez, Lyriker, Essayist, Theaterkritiker und Vorsitzender der Goethegesellschaft Kolumbiens befaßt sich mit der jüngeren Kulturgeschichte Kolumbiens. Er studierte sechs Jahre an der Universität Leipzig, assistierte am Berliner Ensemble und arbeitete nach Reisen durch Ost- und Westeuropa in der Redaktion der von Camilo Torres gegründeten Zeitung Frente Unido. Neben der wissenschaftlichen und journalistischen Tätigkeit gibt Gómez heute die Literaturzeitschrift Texto y Contexto heraus. Das vollständige Interview ist auf der Internetseite der LN recherchierbar.

Das moderne Kolumbien kann nur auf eine sehr junge Geschichte zurückblicken. Alberto Lleras Camargo, ein Mann der „neuen herrschenden Elite“ kommentierte die Wahl des ersten liberalen Präsidenten Rafael Oloya Herrera 1930 in seinen Memoiren mit den Worten: „Es war keine Wahl gewonnen, sondern es ging eine Welt zuende. Die Priester beobachteten in ihren Kirchspielen ein erschrecktes Schweigen. Das Mittelalter war soeben gestorben.“ Das fortschrittliche Kolumbien befand sich aber von Anfang an in der Defensive. Nach relativ kurzer Herrschaft der Konservativen putschte sich mit Hilfe des Großbürgertums 1953 schließlich der Militär Rojas-Pinilla an die Macht. Bestand zu diesem Zeitpunkt noch die Chance, eine freie kulturelle Entwicklung wieder herzustellen und weiter zu entwickeln?

Auf jeden Fall. Ich gehöre der Generation der 50er Jahre an. In dieser Dekade hatten wir große Hoffnung auf eine neue Welt, in einem universellen Sinn. Die kubanische Revolution am Ende der 50er Jahre bestätigte uns in dieser Ansicht ebenso wie die chinesische Revolution. Die Sowjetunion hatte schon zuvor in den 40er Jahren einen großen Einfluß auf unsere kulturelle Entwicklung. Viele Intellektuelle orientierten sich damals dahingehend. Das waren nicht nur orthodoxe Linke, was ich für sehr positiv erachte, sondern sie formierten sich in einer allgemeinen linken Bewegung.

Wie spiegelte sich diese Entwicklung in der Kunst und Literatur ihres Landes wieder?

In den 50er Jahren entstand die Zeitschrift Míto, die sich an europäischen Formaten orientierte. Durch sie wurden viele Autoren, unter ihnen Jean-Paul Satre, bekannt. Vor allem Brecht erlangte in Kolumbien durch Míto Bekanntheit. Aber auch jungen kolumbianischen Autoren und Dichtern diente die Zeitschrift als Plattform. Zugleich nahm auch die moderne Kunstkritik ihren Anfang. Das hat vieles verändert. Eine wichtige Rolle nahmen zudem die großen europäische Buchhandlungen ein. Das deutsche Verlagshaus Buchholz nahm unter ihnen eine führende Position ein. Über sie konnte man die europäische Literatur bestellen. Mit Buchholz konnte eigentlich nur noch die kolumbianische Zentralbuchhandlung konkurrieren. Zur gleichen Zeit entstand die erste moderne Malereigalerie. Im Kampf gegen das diktatorische System nahm derweil auf politischer Ebene die Studentenbewegung eine äußerst wichtige Rolle ein. Mit ihr verbreitete sich auch die marxistische Literatur, die preiswert und in hoher Auflage publiziert wurde, vor allem in den urbanen Zentren des Landes.

Fand also trotz der Militärregierung eine relativ freie kulturelle Entwicklung statt?

Diese Militärregierung war nicht so restriktiv, wie man vielleicht vermutet. Rojas-Pinilla war von der Großbourgeoisie unterstützt worden, weil sie die vorherigen Regierungen für die Destabilisierung des Landes verantwortlich machten. Unter ihnen entstand, abgesehen von den Jahren der liberalen Regierungen López-Pumarejos [1934-1938/1942-1945, Anm. d.Red.], auch die Guerilla. Die Großbourgeoisie hat verstanden, daß, wenn Rojas-Pinilla die Macht nicht übernommen hätte, eine revolutionäre Situation sehr wahrscheinlich geworden wäre. Sein Putsch wurde also als eine Befreiung von der konservativen Regierung Laureano Gómez (1949-1953) erachtet.
Am Anfang der Regierung Rojas-Pinilla war eine relativ freie kulturelle Entwicklung gewährleistet. Als er jedoch verstärkt seinem Vorbild Perón nacheiferte, sich einen vergleichbaren Populismus zu eigen machte und nach einer weiteren Amtszeit strebte, wandten sich seine vormaligen Unterstützer von ihm ab und putschten nun gegen denjenigen, den sie wenige Jahre zuvor durch einen Staatsstreich an die Macht gebracht hatten. Dadurch entstand eine Junta mehrerer Generäle. Die Wahlen gewann die Nationale Front (Frente Nacionál), ein Sammelbecken der Oligarchie. Die Nationale Front hielt sich 30 Jahre an der Macht, und in dieser Zeit war oppositionelle Politik kaum möglich.

In dieser Zeit verzeichnete die Guerilla, deren Anfänge ja bereits in die vorherige Dekade zurückzuverfolgen sind, massiven Zulauf. Nach über 40 Jahren hat es jedoch den Anschein, daß das ethische Dogma des Guerillakampfes von Ernesto Guevara bei der kolumbianischen Guerilla an Bedeutung verloren hat, die Grenzen zwischen reaktiver und als politisches Mittel akzeptierter Gewalt scheinen verwischt. Wie wird dem Problem der Gewalt in der Literatur begegnet?

Die strukturelle Problematik dieser Gesellschaft ist zu elementar, als daß sie in der Kunst umfassend reflektiert werden könnte. Die Schriftsteller und Intellektuellen tun sich in Kolumbien sehr schwer, das Thema zu behandeln, auch im Hinblick auf die Ursachen, wie wirtschaftliche und soziale Marginalisierung breiter Bevölkerungsschichten, Analphabetismus und Arbeitslosigkeit. Teile der intellektuellen Schicht betrachten die nationalen Probleme auch heute noch von einem europäischen Standpunkt, andere agieren fernab der gesellschaftlichen Realität. Sie analysieren die Situation nicht und setzen sich mit den gesellschaftlichen Problemen erst gar nicht auseinander. Auf beiden Seiten gibt es eine deutliche Entfernung vom Kampf der Guerilla und dem der Arbeiter. Es gibt einige wenige Versuche einer Annäherung zwischen dem Kampf der einfachen Leute und der universellen Kultur. Diese Versuche sind bisher allerdings von mäßigem Erfolgt gekrönt. Die universelle Kultur ist noch immer einer Elite vorbehalten.

Probleme im künstlerischen Umgang mit gesellschaftlicher Gewalt stellen sich in Kolumbien jedoch nicht nur in der Gegenwart. Auf welche Art wurde die koloniale und postkoloniale Gewalt aufgegriffen, die in der Literatur Lateinamerikas generell einen hohen Stellenwert einnimmt?

Diese im kollektiven Gedächtnis manifestierte Problematik thematisiert sich hin und wieder knapp in literarischen Werken. Es ist nicht so, daß Gewalt überhaupt nicht aufgegriffen wird. Jedoch wird meist ein entstelltes Bild gezeichnet, oder es wird rein schöpferisch mit dem Thema umgegangen.
Im Grunde genommen ist all dies jedoch zu wenig. Der relative Wohlstand bei den Intellektuellen in den Städten verhindert, daß sie diese als grob, gefährlich und bedrohend empfundene Annäherung mit dem Volk haben können. Bei den Essayisten wird die gesellschaftliche Gewalt noch am ehesten hinterfragt. Auf dem Gebiet der Philosophie beachtet man es jedoch kaum. Lediglich die marxistischen Strömungen haben das analytische Werkzeug. Allerdings sind sie in ihrer Herangehensweise oft sehr einseitig und auf den politischen Aspekt beschränkt. Die weiteren philosophischen Tendenzen beschränken sich entweder auf rein intellektuelle Diskurse oder sind von sehr konservativem Ideen geprägt, so daß sie für einen kritischen Umgang mit gesellschaftlicher Aktualität nicht geeignet sind.

Ist neben dem Problem der intellektuellen Divergenz nicht auch eine Traumatisierung der kolumbianischen Gesellschaft für die mangelhafte Gewaltreflexion verantwortlich? Ist es denkbar, daß sich die kolumbianische Gesellschaft, sofern man in ihrem Land von einer homogenen Gesellschaft sprechen kann, nach Jahrzehnten des Bürgerkrieges gar nicht mehr mit dem Problem auseinandersetzten will?

Große Teile der Bevölkerung erkennen dieses Problem in der Tat nicht. Oft geschieht dies auch vorsätzlich und ist in politischem Opportunismus begründet. Man hat nicht verstanden, daß Kultur und gesellschaftliche Entwicklung nicht zu trennen sind, und so wächst die Gefahr, daß wir am Ende alle verlieren. Als Individuum kann man in dieser Situation nur wenig ausrichten. Es gibt zwar die Möglichkeit, an der Universität gesellschaftskritisches Denken zu fördern, allerdings fehlt eine Manifestierung dessen auf breiter gesellschaftlicher Ebene.
Vielleicht liegt das auch daran, daß es keine lebendige marxistische Partei gibt, durch die eine progressive Arbeiterbewegung gefördert wird. Die Kommunistische Partei ist auch heute noch von stalinistischen Tendenzen dominiert und formiert sich aus Leuten, die – zumindest mental – alte sind. Sie sind sehr dogmatisch. In den 30er, 40er und bis in die 50er Jahre hinein waren in der KP viele Intellektuelle aktiv. Auch Gaetán Durán, der Gründer von Míto war in der KP organisiert. Viele andere sympathisierten mit der kommunistischen Bewegung. Die KP hat alle diese Intellektuellen verloren, weil sie überaus dogmatisch und bürokratisch war. Somit fiel das einzige Sammelbecken für progressive Gruppen und Individuen aus. Und, wie gesagt, als Einzelner kann man nur wenig ausrichten und setzt sich ohne eine starke Kraft im Rücken einer erheblichen Gefahr aus. Viele kritische Journalisten wurden ermordet. Viele mußten emigrieren. Alle sind gefährdet. Manche Künstler sind in dieser Situation sehr standhaft geblieben, obgleich sie jahrelang Morddrohungen erhalten. Eine avantgardistische Kultur ist heutzutage beinahe heroisch geworden.

Welche Rolle können die Intellektuellen in einer solchen Situation denn überhaupt einnehmen?

Natürlich könnten sie eine große Rolle spielen, in der gesellschaftlichen Realität ist das aus den beschriebenen Gründen heraus jedoch sehr kompliziert. In manchen Werken, wie Der Oberst hat niemanden, der ihm schreibt von Gabriél García Márquez, ist die Gewalt präsent, allerdings lediglich in einer indirekten psychologischen Form. Sie wird nicht direkt benannt, sondern vielmehr in Alltagssituationen eingebunden. Márquez setzt dies sehr intelligent und in zahlreichen Nuancen um. Es gibt noch einige andere Werke, in denen die Gewalt durch individuelle Schicksale in einer indirekten Form dargestellt wird. Es wäre interessant, wenn dies auch politische Tendenzen annehmen würde. In der Malerei gibt es einige Bilder, so zum Beispiel „La Violencia“ von Obregón, in denen das Thema aufgegriffen wird. Meist ist die Kunst jedoch sehr abstrakt und subjektiv. Subjektivismus ist auch ein Problem der Lyrik. Generell ist die Kunst aber sehr abhängig von Publizität und somit von den Medien.

Und die Medien befinden sich in den Händen der Oligarchie…

Ja, die Zeitungen sind finanziell von der oligarchisch kontrollierten Wirtschaft abgängig. Natürlich versuchen einige, allen voran die Tageszeitung El Espectador eine gewisse Unabhängigkeit zu bewahren. Dies ist inzwischen zu einem täglich neu beginnenden Kampf mit vielen Gefahren ausgeartet. Gerade die Zeitungen befinden sich in Kolumbien in den Händen weniger Familien. Die Medien standen der Armee größtenteils sehr unkritisch gegenüber. Leitartikel und Kommentare waren mehr oder weniger ein Forum für die Armee. Seit zwei Jahren hat sich diese Situation aber geändert. Der Wechsel setzte mit der Niederlage ein, die die Guerilla der Armee zugefügt hat.

Interview: Harald Neuber

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