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Die Erinnerung der Geschichtslosen

„Bibica, wenn man stirbt erinnert sich niemand mehr an einen.“ Die Mutter des kleinen Jorginho ist schockiert von dessen düsteren Gedanken. „Niemand erinnert sich an Marquinho“, gibt Jorginho das Schicksal seines kleinen Bruders zu Bedenken, der bei einem Unfall verstarb. Natürlich erinnere sie sich noch an Marquinho!, erwidert die verunsicherte Mutter. „Aber… wenn wir sterben, ich, du, Zunga, wer erinnert sich dann an Marquinho? Und wer wird sich an uns erinnern, Bibica? Wer?“
Der Junge spricht eine unangenehme Wahrheit an, denn tatsächlich kann sich Bibica nicht mehr an das Gesicht ihres Sohnes erinnern, die Frucht einer „Dummheit“, einer kurzen Affäre mit dem portugiesischen Ladenbesitzer, bei dem sie leider so oft anschreiben lässt. Das muss sie, damit sie die Seife kaufen kann, mit der sie die Kleider fremder Menschen wäscht, um ihre Familie durchzubringen. An Marquinhos Geschrei kann sie sich erinnern, an den Geruch seines Urins, an seine Spielsachen, seine Lumpen, doch nicht mehr an sein Gesicht, wie Bibica bewusst wird. Schnell beginnt sie wieder zu waschen, doppelt so viel Wäsche wie früher, um nicht an den Schmerz denken zu müssen, der ihr Leben erfüllt.
Die Welt von Bibica, Zunga, Marquinho, Jorginho und den anderen Romanfiguren ist die Gasse von Senhor Zé Pinto in Cataguases, einer Kleinstadt im südbrasilianischen Bundesstaat Minas Gerais. Das Tuten der Textilfabrik bestimmt den Rhythmus des Städtchens, während der Rio Pomba langsam dahingleitet wie eh und je. In der Gasse ist aber Zé Pinto der absolute Herr über die Ansammlung eines Dutzend kleiner, enger und verdreckter Wohnungen, in denen ein paar Menschen ihr Dasein fristen.
Die Jungen und Mädchen, die bei Zé Pinto wohnen, gehen in die Fabrik zum arbeiten. Dort ist alles voller Lärm und Dreck und die Mädchen werden von den Vorarbeitern belästigt. Auf dem Weg zur Arbeit träumen sie von einer großartigen Zukunft, von einem Prinzen, der sie heiratet und aus dem Elend befreit oder davon, nach São Paulo oder Rio zu gehen, um das große Glück zu machen. Die meisten bleiben immer Arbeiter_innen oder gehen durch den Alkohol oder als Kleinkriminelle vor die Hunde. Manche Mädchen gehen auch auf „die Insel“, wo sie als Prostituierte arbeiten, bis kein Mann sie mehr will, um dann für den Rest ihres Lebens Wäsche zu waschen. So wie Bibica. Andere gehen in die Großstadt und man hört nie wieder von ihnen. Sie verschwinden im Vergessen, so wie auch diejenigen, die in Cataguases bleiben. Von der Gesellschaft als Abschaum abgestempelt, fristen sie ihr Dasein, es ist weniger ein Leben, als eine Vorläufige Hölle, wie der Titel des Romanzyklus lautet.
In seinen fünf Romanen will Luiz Ruffato die Geschichte der brasilianischen Arbeiterschaft, der Unterschicht, bewahren und erzählen. Wenn Menschen einfach vergessen werden, werden sie ihres letzten Restes Würde beraubt, scheint der Leitgedanke Ruffatos zu sein. Indem er, zwar nur fiktional, aber dafür um so glaubwürdiger, ihre Erinnerungen und Geschichten aufschreibt, gibt Ruffato literarisch diesen Vergessenen der brasilianischen Gesellschaft einen Teil ihrer Würde zurück. Er stellt sie wieder als Subjekte her, die nicht nur der Müll der Gesellschaft sind, sondern Menschen, mit Gefühlen, Gedanken und Träumen. Im ersten Teil des Zyklus, auf Deutsch unter dem Titel Mama, es geht mir gut erschienen (siehe LN 471/472), beschrieb Ruffato, wie italienische Migrant_innen versuchten, sich als Pachtbauern und -bäuerinnen durchzuschlagen, eine neue Existenz für sich und ihre Kinder aufzubauen – doch letztlich scheiterten: Die gepachteten Farmen sind aller verlassen, niemand erinnert sich mehr an die Familien.
Der zweite Teil, Feindliche Welt, spielt eine halbe Generation später, ungefähr Ende der 60er ,Anfang der 70er Jahre. Die Protagonist_innen sind alle bereits in Cataguases aufgewachsen. Es ist ein hartes Leben, freudlos, voller Enttäuschungen. Es sind vor allem die Frauen, die die Familien zusammen halten, denn die Männer sind schnell weg. Jene bekommen jedoch dafür keine Achtung, im Gegenteil. Die größten Verletzungen kommen von denen, die sich in einer ähnlich miserablen Situation befinden: Vom schlagenden Mann, der lieblosen Schwester, den vernachlässigten Kindern. Und immer wieder von Zé Pinto, dem skrupellosen Hausbesitzer, der sich selbst unter Entbehrungen aus dem Dreck hochgearbeitet hat, aber nun keine Gnade mehr kennt, wenn die Miete ausbleibt.
Mit viel Empathie für seine Figuren erzählt Ruffato die Geschichte der Gasse von Zé Pinto und seiner Bewohner_innen. Immer aus radikal subjektiver Perspektive erzählt, bildet sich nur langsam das Mosaik, das schließlich ein Bild der Gasse und ihrer Bewohner_innen bildet. Auch die echten Drecksäcke kommen zu Wort mit ihrer Geschichte, ihren Erinnerungen und so wird verständlicher, warum sie sich und anderen so viel Leid zufügen.
Die Erzählung setzt sich aus Fragmenten zusammen, direkte Rede und Gedankengänge werden atemlos aneinandergefügt und reißen die Leser_innen mit. Schnell gewöhnt man sich daran, den stream of conciousness der verschiedenen Protagonist_innen nachzulesen. Anders als beim Namensgeber dieser Technik, James Joyce, besteht der Gedanken- und Bewusstseinsstrom nicht nur aus ganzen Sätzen, nein, viel glaubwürdiger enden die Sätze manchmal im Nichts oder werden von Stoßgebeten an die Jungfrau Maria unterbrochen.
Dies mag anstrengend zu lesen erscheinen, ist es aber nicht. Dafür sorgt ein interessanter Rhythmus, der im Wechsel sehr dichte Gedankenflüsse mit ruhigeren Passagen kombiniert, welche eher Beschreibungen oder Dialoge beinhalten. Eine kluge Abwechslung der Schriftarten erleichtert das Lesen des anspruchsvollen Texts zusätzlich. Es handelt sich um große Literatur, die dennoch sehr mitreißend zu lesen ist.
Dies ist auch der hervorragenden Übersetzung von Michael Kegler geschuldet. Man muss dem Übersetzer dankbar sein, dass er nicht zwanghaft versucht, alles einzudeutschen und daher die brasilianische Sprachqualität auch im Deutschen bewahrt. Man kann sich bereits auf die noch folgenden Übersetzungen des Romanzyklus freuen.
Bis dahin empfiehlt sich zunächst dieses literarische Denkmal der brasilianischen Unterschicht zu lesen, das nun auf Deutsch vorliegt. Andere Denkmäler gibt es für die Protagonist_innen nicht – nichtmal ihr Wohnumfeld hat Bestand. Am Ende wollen die Erb_Innen von Zé Pinto die Gasse abreißen und sehnen sich den Tod des greisen Onkels förmlich herbei. Zu dieser Zeit lebt keine der Romanfiguren mehr in der Gasse. Nur noch Bibica, mit Demenz geschlagen, fristet einsam in einen Altersheim für Arme ihre letzten Tage. Und auch ihre Erinnerung an den Sohn Jorginho, den sie irgendwann nach São Paulo geschickt hat, trübt sich. Am Ende verschwimmt ihr Sohn Jorge mit dem Heiligen Georg, São Jorge, dem Drachentöter, der das Böse der Welt besiegt. Vergeblich wartet sie auf ihn und die Erlösung aus dieser Feindlichen Welt.

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