Mexiko | Nummer 406 - April 2008

„Die Frage der Revolution, wurde 1968 nicht gestellt!”

Interview mit dem mexikanischen Historiker und Aktivisten Fritz Glockner

2008 ist die Erinnerung an die Studierendenbewegung von 1968 auf dem besten Weg, Teil der Staatsräson zu werden. Zugleich herrscht nach wie vor Straffreiheit für die Verbrechen dieser Zeit. Rechte und Linke sehen in der gewaltigen Niederschlagung der Bewegung am 2.Oktober 1968 in Tlatelolco, Mexiko-Stadt, heute oft einen Wendepunkt in der jüngsten Geschichte Mexikos. Ein Gespräch mit Fritz Glockner über das heute hegemoniale Geschichtsbild von 1968, seine Effekte und seine blinden Flecken.

Anne Becker

n deinem Buch Memoria Roja (Rotes Gedächtnis) schreibst Du an einer Stelle: „Zu 68 zurückkehren. Wie viele Male? Bis wann? Aus welchen neuen Perspektiven?“ Was ist für dich als Historiker und Aktivist die Bedeutung von 68 heute und warum und wie sollte man heute zu 1968 „zurückkehren“?
Ich glaube, dass es immer wichtig ist, zu 68 zurückzukehren. 68 zu denken und ins Gedächtnis zu rufen, sollte eine kritische Losung sein, aber keine mediale und wahltaktische, zu der sie im Wahlkampf 2000 verkommen ist. Es war der Präsidentschaftskandidat der Rechten, Vicente Fox, der damals seine Ansprache in der ersten Fernsehdebatte mit einem Diskurs eröffnete, in dem er die 68er anerkannte, den Kampf von Rosario Ibarra [eine der sichtbarsten AktivistInnen der Angehörigenbewegung der Verhaftet-Verschwundenen in Mexiko, Anm. d. Red.] würdigte, und anfing, von den Verbrechen des so genannten Schmutzigen Krieges zu sprechen. Es war erniedrigend zu beobachten, wie die Rechte die Losungen und Symbole der Linken raubte und die Linke regungslos blieb.

Ist die Studierendenbewegung von 68 Teil des Staatsdiskurses geworden?
40 Jahre nach 1968 laufen wir Gefahr, dass der Staat und seine organischen Pseudointellektuellen sowie die großen Fernsehkanäle wie Televisa einen historischen Markstein in einen billigen Diskurs der mexikanischen Rechten und in ein Fernsehprodukt verwandeln.
Zugleich ist die Zahl der Toten des 2. Oktober 1968 weiterhin unaufgeklärt und der damalige Innenminister Luis Echeverría wurde 2007 von der Verantwortung für das Massaker freigesprochen. Wie wichtig ist das Thema Gerechtigkeit in der Debatte um 68 heute?
Ich bin überzeugt davon, dass die Gesellschaft ihr historisches Urteil über die Mörder und Unterdrücker gefällt hat. Die Menschen haben nicht vergessen. Sehr wenige Personen würden heutzutage das Massaker, die Repression und die Verhaftungen rechtfertigen. Trotzdem glaube ich auch, dass heute eine Haltung der kollektiven Resignation vorherrscht, was das Thema Gerechtigkeit angeht. Als der Oberste Gerichtshof 2007 Luis Echeverría von der Anklage auf Völkermord und von Verantwortung an dem Massaker freisprach, gab es keine Demonstrationen, keinen kollektiven Aufschrei. Auf den Protestveranstaltungen sind wir immer die selben, es sind nichts als isolierte Schreie der Veteranen. Mir kommt es so vor, als bestehe die Jugend heute nicht auf die Forderung nach Gerechtigkeit. Zugleich scheint sie mir aber interessiert daran zu wissen, was passiert ist.

In der Wissenschaft wird die Studierendenbewegung und die blutige Niederschlagung am 2. Oktober 1968 oft als das Megaereignis in der Geschichte des PRI-Staates bezeichnet, das ein vorher und nachher markiert. Was halten Sie von dieser Interpretation?
Ich habe mich immer geweigert, 68 als einen Wendepunkt zu betrachten. Meine 68er Freunde, die sich oft als der Nabel der Geschichte vorkommen, attackieren mich dafür. Ich will 68 nicht klein reden. Doch 68 als den Wendepunkt und die Stunde Null des Aufbegehrens gegen den Autoritarismus des PRI-Regimes zu begreifen, heißt zu vergessen, dass es eine Eisenbahnerbewegung 1958 geben musste, damit ein 68 möglich war. Und um ein 58 zu ermöglichen, musste es 1948 einen Lehrerstreik gegeben haben. 68 ist wichtig, weil es sich sicherlich um eine breit verankerte studentische Bewegung handelte, welche die Strukturen der Macht erschüttert hat. So wie dies die Protestbewegungen 1948 und 1958 zu ihrer Zeit auch taten.

Was ist der Unterschied zwischen den Protestbewegungen vor 68 und der Studierendenbewegung?
Der liegt vor allem darin, dass 68 ein größeres historisches Echo hatte und es deshalb zu dem besagten Wendepunkt hochstilisiert wurde. Diese Interpretation ist Ausdruck einer typischen Fixiertheit auf die Hauptstadt. Wir sind ein verdammt zentralistisches Land. 123 Tage Studierendenprotest 1968 in der Hauptstadt – und die ehemaligen Protagonisten wollen das Subjekt und Motor der mexikanischen Geschichte sein. Nicht zuletzt die Tatsache, dass auch in Universitäten der Provinz gestreikt wurde, fällt so unter den Tisch.

Du schreibst, dass diese ewige Rückkehr zu 1968 auch dazu beigetragen hat, dass andere Geschichten des Widerstands im Dunkeln bleiben. An welche denkst du da?
Außer an die Lehrer- und Eisenbahnerbewegungen, denke ich dabei auch an die bewaffnete Agrarbewegung von Rúben Jaramillo, die 1943 im Bundesstaat Morelos entstand. Ich denke hier auch an die verschiedenen anderen bewaffneten Gruppen, die sich Ende der 50er und vor allem in den 60er Jahren gründeten, wie etwa die Populare Guerillagruppe GPG in Chihuahua, die 1965 die Militärkaserne in Ciudad Madera überfiel, aber auch an bestimmte studentische Gruppen, die anfingen über einen bewaffneten Kampf nachzudenken, sowie an die Guerilla von Genaro Vázquez und Lucio Cabañas im Bundesstaat Guerrero. Das sind nicht nur verschüttete Geschichten, sondern zum Teil auch parallele Geschichten zu der 68er-Bewegung.

Warum parallel?
Wir sind nicht ein Mexiko, wir sind viele Mexikos. Der Stadtbewohner interessiert sich nur selten dafür, was auf dem Land passiert. Ende der 50er Jahre und in den 60er Jahren interessierte es die Studierenden nicht, ob die Eisenbahner streikten oder nicht, genauso wie es auch die Eisenbahner nicht interessierte, ob die Studierenden streikten oder nicht. Die mexikanische Gesellschaft ist sehr segmentiert entlang sozialer Klassen und „Kasten“. Wenn es darum geht, Gerechtigkeit oder Gesetzesherrschaft einzufordern, dann machen die Leute nur mit, wenn es sich um ihre eigene Berufsgruppe, um ihre Clique oder Familie handelt. Aufgrund dieser Logik blieb die Eisenbahnerbewegung isoliert, genauso wie die der Lehrer. Die Studierendenbewegung hatte ein bisschen breiteren Charakter, weil die Eltern schließlich in Unterstützung der Jugendlichen handelten. Aber es gab keine realen Verbindungen zur Gewerkschaftsbewegung, die allerdings auch über die CTM [mexikanischer Gewerkschaftsverband, Anm. d.R.] und verschiedene Organismen der sozialen Kontrolle in die korporativen Strukturen des Staates eingebunden war. Auf diese Weise konnte der Staat am 2.Oktober 1968 die Studierenden niederknüppeln, ohne dass die Arbeiter auf die Straße gingen, um die Studierenden zu verteidigen. Auf diese Weise konnte die Regierung 30.000 Soldaten nach Guerrero schicken, um eine kleine Gruppe von bewaffneten Bauern unter der Führung von Lucio Cabañas zu jagen, ohne dass Studierenden oder Arbeiter protestierten.

Aber Guerilla und Studierendenbewegung haben sich doch gegenseitig wahrgenommen….
Ja, das stimmt. Sicherlich haben Lucio Cabañas und Genaro Vázquez und die radikale Jugend von damals sehr aufmerksam die Studierendenproteste in der Hauptstadt verfolgt. Aber sie kritisierten die „kleinbürgerliche“ und „chaotische“ Haltung der Studierenden, denn sie waren sehr radikal und zielten auf den Sturz der Regierung. Und die Studierenden sahen in ihnen verrückte Bauern, die nicht ganz dicht waren, zu den Waffen zu greifen. Alle jene 68er, die später begannen, unabhängige Gewerkschaften zu organisieren, standen der Guerilla enorm kritisch und ablehnend gegenüber. Die Stadtguerilleros waren in den Augen der 68er kranke, verrückte Leute. Die 68er waren auch zu Recht kritisch. Denn wenn die Studierenden in Fabriken versuchten, die Bildung unabhängiger Gewerkschaften zu organisieren und dann die Guerillagruppen kamen, um ihre Zeitung Madera zu verteilen, war das der perfekte Anlass für die Polizei, in die Fabriken anzurücken und die Studierenden zu vermöbeln – die Guerilleros hatten sich längst wieder aus dem Staub gemacht.

Welche Rolle spielte die brutale Repression der Studierendenbewegung für die Entstehung der urbanen Guerillas Anfang der 1970er?
Nur minimal. Es gab Jugendliche, die sich nach dem Massaker von Tlatelolco radikalisierten, aber das waren wenige. Die radikalen Jugendlichen waren schon vor 68 radikalisiert. Die Anführer der urbanen Guerillas sind in der großen Überzahl weder ehemalige Führungsfiguren noch Aktivisten der 68er Bewegung. Im Gegenteil, die Repression der Studierendenbewegung hat nicht zu einer breiten Radikalisierung geführt, sondern als eine Art Impfstoff gegen die Radikalisierung und gegen die Entstehung von Guerillas gewirkt. Stattdessen gab es in den 70ern einen Boom der unabhängigen Gewerkschaften. Viele Ex-68er sind auch in die Wissenschaft gegangen oder haben woanders Zuschlupf gefunden, aber nicht bei den Waffen.

Die Meinungen bezüglich des politischen und ideologischen Charakters der Studierendenbewegung gehen auseinander. Carlos Monsiváis hat sie die erste Massenbewegung mit demokratischer Orientierung genannt, andere Veteranen sprechen ihr libertär-revolutionären Charakter zu…
Die 68er Studierendenbewegung hat die Frage der Revolution nicht gestellt, genauso wenig wie die des Sozialismus oder des Sturzes der Regierung von Díaz Ordaz. Der Forderungskatalog der Studierenden bestand aus Minimalforderungen. Die weit gehendste Forderung war die Abschaffung des Straftatbestandes der berühmten „kriminellen Vereinigung“. Ansonsten lauteten die Forderungen, dass lediglich ein beschissener Polizeichef zurücktreten und die Verletzten eine Wiedergutmachung erhalten sollten. Historisch am bedeutsamsten war vielleicht die Schaffung eines Bewusstseins darüber, dass es in Mexiko politische Gefangenen gibt – denn die Regierung stritt dies ab. Das Konzept des politischen Gefangenen und die Forderung nach seiner Freilassung ist 68 maßgeblich geprägt worden.

Wie kann man die Bewegung dann begreifen?
Es handelte sich um studentische Solidarität angesichts eines Aktes der Ungerechtigkeit, um das chaotische Aufbegehren der 60er Jahre-Jugend aufgrund einer repressiven Tradition, die bis in die Familien reichte. Es ging um eine Hippie-Haltung, um bunte Kleidung, lange Haare, Gras rauchen, um Rockmusik hören, weil das zu Hause verboten war. Die 68er-Bewegung kann man nicht auf ihre sozialen und politischen Forderungen reduzieren, weil diese dazu noch dümmlich und minimalistisch waren. Es war eher eine große bunte fiesta, ein Protest gegen den Konservatismus der mexikanischen Gesellschaft. Deswegen sage ich auch, dass es nur wenige 68er waren, die aus der Repression der Studierendenbewegung den Schluss zogen, dass der einzige Weg die Strukturen des politischen Systems zur transformieren, der bewaffnete Kampf war, weil die 68er nie vorhatten, diese Strukturen radikal zu transformieren.
Im 2007 eingeweihten 68er-Museum der UNAM in Tlatelolco gibt es ein Eingangsstatement, in dem die Studierendenbewegung in einem Kampf für Demokratie und Menschenrechte verortet wird…
Das ist der letzte Blödsinn. Heute wird der 68er Bewegung zugeschrieben der Motor der Demokratisierung dieses Landes gewesen zu sein. Daraus wird wiederum geschlossen, sie hätte damals schon für die Sache der Demokratie gekämpft. Die Ex-68er sehen sich heute als die Erfinder der Demokratisierung, die Urheber der politischen Reform von 1978 [die Reform beinhaltete die Zulassung der linken Opposition zu den Wahlen und eine Amnestie für politische Gefangene; Anm. d. Red.]. Auf welchen Oppositionskandidaten hätten sie 1968 für die Wahlen 1970 setzten können? Die 68er forderten nicht Demokratie. Das ist eine Überdimensionierung der Bewegung. Im Mexiko von 68 existierte noch nicht die Euphorie über die Möglichkeit einer starken Opposition.

Aber Demokratie meint ja auch nicht nur freie Wahlen…
Aber sie forderten auch keine demokratischen Wahlen in den Gewerkschaften. Sie forderten noch nicht einmal eine Universitätsreform, die es erlaubt hätte, dass die Studierenden ihren Rektor wählen, so wie das die Studierenden 1961 in Puebla erfolgreich durchsetzen konnten. 1968 existierte in Mexiko nicht einmal der Begriff „Menschenrechte“. 68 ist nicht der Wunderbrunnen, aus dem alles entspringt: die Menschenrechte, die Mobilisierung der Zivilgesellschaft, die Pressefreiheit…

Wie würdest du dann die historische Bedeutung der Studierendenbewegung beschreiben, wenn das alles nicht ihr Beitrag war?
Die Sache ist, dass es nicht ihr Beweggrund war. Aber sicherlich hat die Studierendenbewegung auch einen Teil zur Demokratisierung und zur politischen Öffnung beigetragen, so wie das auch die Guerilla, die unabhängige Gewerkschaftsbewegung und die Bewusstseinsbildung vieler gesellschaftlicher Sektoren getan hat. Die Geschichte ist kein linearer Strohhalm, sie ist ein Kreislaufsystem mit vielen Venen und Arterien. Und 68 ist darin auch nicht das Herz dieses Systems.

Kasten
Fritz Glockner
Fritz Glockner Corte, geboren 1962 in Puebla, ist schon seines Alters wegen kein Alt-68er. Sein Vater schloss sich der Guerilla Nationale Befreiungsfront (FLN) an und kam bei einer bewaffneten Auseinandersetzung in den 1970ern ums Leben. Seit zwei Jahrzehnten forscht der Historiker und Schriftsteller Fritz Glockner zur Geschichte der bewaffneten Bewegung in Mexiko. Er hat mehrere Romane und historische Studien veröffentlicht. 2007 erschien Memoria Roja. Historia de la guerilla en México (1943-1968). Derzeit schreibt er an einem Fortsetzungsband.

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