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Die Gottesmörder

„Ein Strudel, der eine ganze Welt, vom unendlich Großen bis zum winzig Kleinen in sich schließt“, sei der Roman Die Elenden, ein „monströses Werk“ gar, in dem es dem Autor letztlich darum gegangen sei, in einer Art visionärer Großtat eine neue Wirklichkeit zu schaffen, die die Geschichte in bessere Wege leiten und die Gesellschaft freier, gerechter und glücklicher machen sollte. Victor Hugo, der Schöpfer dieser Utopie, Dichter, Romancier, Politiker, Maler und Genie, starb 1885, und seither ist das Interesse an seinen von der Romantik geprägten Texten eher im Rückgang begriffen. Trotzdem widmet Vargas Llosa dem von ihm so verschiedenen Autor ein langes Essay, das nicht nur Erzähltechnik und Figurenentwürfe analysiert, sondern auch versucht, dem Überzeitlichen des Werkes auf die Spur zu kommen.

Dichtung und Lüge

Dass Vargas Llosa nicht nur ein erfolgreicher Romanschriftsteller ist, sondern auch mit den Werkzeugen der Literaturkritik umzugehen versteht, weiß man seit der Veröffentlichung seines Buches über García Márquez, Historia de un deicidio (1971). Diesmal gibt ihm der ausufernde Roman Hugos Anlass zu interessanten Überlegungen grundsätzlicher Art: Ist die Literatur ein Mittel gesellschaftlicher Veränderung? Geht es in ihr um die Wiedergabe der Wirklichkeit oder ist sie eine künstlerische Form der Lüge, die letztlich die Kluft zwischen Realität und Wunsch zu überwinden versucht?
Neben der Verhandlung all dieser Fragen findet auch Vargas Llosas persönliche Einschätzung Erwähnung: Gute Literatur weckt beim Leser ein Unbehagen, das aus dem Vergleich der Fiktion mit der Realität resultiert. Aus diesem Grund behinderten totalitäre politische oder religiöse Systeme das literarische Schaffen, weil die „freie Entfaltung von Fiktionen“ den gesellschaftlichen Konformismus ins Wanken brächte und den Menschen die Mängel ihres eigenen Lebens vor Augen führte. Dass Mängel nicht nur in Diktaturen auftreten, mag in diesem Zusammenhang ein Detail sein.

Drang zum Gottesmord

Im letzten Kapitel seines Essays über „die Versuchung des Unmöglichen“ kommt Vargas Llosa auf den „Drang zum Gottesmord“ zu sprechen und meint damit, dass sich Hugo in seinem maßlosen Totalitätsanspruch auf den Platz des Schöpfers dränge, um eine neue Welt zu schaffen. Dadurch wird deutlich, dass es Vargas Llosa letztlich auch um Thesen geht, die sein eigenes Werk bestimmen und die er bereits in Historia de un deicidio entwickelt hat. „Romane schreiben ist eine Rebellion gegen die Wirklichkeit und gegen Gott … Jeder Roman ist ein heimlicher Gottesmord, eine symbolische Vernichtung der Wirklichkeit“, schrieb Vargas Llosa in seinem Buch über García Márquez.
Über Victor Hugo sind bereits so viele Texte verfasst worden, dass Interessierte einen großen Teil ihres Lebens aufwenden müssten, um sie alle lesen zu können. Worin besteht die Originalität des Beitrags von Vargas Llosa? Erstens darin, dass sich hier ein Schriftsteller mit einem ganz anders als er schreibenden Vorgänger beschäftigt. Und zweitens im Umstand, dass sein auf einer Vorlesung beruhendes Essay in Großauflage veröffentlicht und zu einem fast schon unverschämten Preis verkauft wird.

Mario Vargas Llosa: Victor Hugo und die Versuchung des Unmöglichen. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006, 199 Seiten, 22,80 Euro.

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