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Die Karnevalisierung des Schreibens

El mago de Viena ist alles in einem: Essay und Chronik, Autobiographie und literarische Kritik, Fabulieren und Anekdote. Indem er die verschiedenen Genres in einem einzigen Werk vermischt, vollzieht der mexikanische Autor eine Karnevalisierung des Schreibens frei nach den Theorien Michail M. Bachtins.
Der Titel des Buches, zu deutsch „Der Zauberer von Wien“, spielt nicht etwa auf Sigmund Freud an, sondern vielmehr auf einen mexikanischen Scharlatan, den Protagonisten eines gleichnamigen Romans innerhalb des Buches. Über wenige Seiten hinweg skizziert Pitol knapp die Handlung dieses Romans, eines „perfekten Modells“ der ‚Light-Literatur’, um ihn dann im weiteren Verlauf des Buches nicht wieder zu erwähnen. Er benutzt den Roman vielmehr als Vorwand, um einige Überlegungen über diese Art Literatur anzustellen, in der nur absolut gute oder absolut schlechte Charaktere existieren. In ihr sei alles schwarz oder weiß, es gebe keinen Platz für Abstufungen und sie bediene sich der LeserInnen nur, um sich „zu vergnügen, die Zeit totzuschlagen; niemals, um mit der Welt in Dialog zu treten, weder mit den anderen noch mit sich selbst“.

Autobiographische Fiktion

„Eine Autobiographie ist eine von vielen möglichen Fiktionen“, behauptet der Erzähler in Enrique Vila-Matas’ Roman París no se acaba nunca. Wie soll man die Vergangenheit objektiv ans Licht bringen, wenn dieser Akt doch an die Launen der Erinnerung gebunden ist? In El mago de Viena stellt sich Pitol dieser schwierigen Aufgabe. Das Ergebnis ist eine ‚Autobiographie’, die eine Verlängerung seiner Fiktionen zu sein scheint.
Pitols durch seine Leidenschaft geleitete Erinnerung registriert in seiner ‚Autobiographie’ – wie auch in seinen Romanen – besonders die exzentrischen Charaktere und die parodistischen und grotesken Situationen. So berichtet er in El mago de Viena beispielsweise über das merkwürdige Zusammentreffen mit seinem als reichen Turkmenen verkleideten „heimlichen Zwillingsbruder“, dem spanischen Autor Enrique Vila-Matas, in Aschgabad, Turkmenistan. Oder er erinnert sich an den angeblich hoch angesehenen Sänger der italienischen Oper, der zu jeder Tag- und Nachtzeit singt und jeden, der seinen Weg kreuzt, mit seinem schrecklichen Gesang quält. Er entsinnt sich der Konferenz über das Werk El Periquillo Sarniento, die er an einer sowjetischen Universität gehalten hat und in der ihm die aufgeregten ZuhörerInnen „eine Frucht von der Größe einer Papaya ins Gesicht warfen, die nach Pulque schmeckte“.
Und er berichtet über ein Abendessen in einem Restaurant mit einer Engländerin, der Ehegattin eines Freundes, die über ihren abwesenden Mann herzieht, dabei brüllend das Essen aus ihrem Mund spuckt, mit einem Schlag die Teller und Gläser vom Tisch haut, um endlich unter Lachsalven, Wimmern und Geheul das Lokal zu verlassen. Diese „unerträgliche Frau“ diente ihm später als Inspiration für eine Figur in seinem Roman Juegos florales.
Die Autobiographie eines Schriftstellers beinhaltet immer auch diejenigen AutorInnen, aus deren Lektüre sich sein eigenes Leben und Werk nährten. Für Sergio Pitol waren dies unter anderem Tschechow, Gogol, Shakespeare, Henry James, Joseph Conrad, Jorge Luis Borges, Enrique Vila-Matas, Witold Gombrowicz, Walter Benjamin, Gao Xingjian und Darío Jaramillo. Doch erzählt der mexikanische Autor in El mago de Viena nicht nur davon, wie ihn einige dieser Schriftsteller in seinem Schreiben beeinflusst haben, sondern realisiert darüber hinaus eine jeglicher akademischer Steifheit entledigte literarische Kritik; eine Kritik, die zum Lesen anderer AutorInnen einlädt, da sie mit einer Leidenschaft geschrieben ist, die ansteckt.
Obwohl nicht frei von Wiederholungen, ist El mago de Viena kristallklare, fließende Prosa – und das rührt nicht von einer etwaigen Einfachheit der Sprache her, sondern von der sorgfältigen Wortwahl und der Klarheit Sergio Pitols, die aus diesem großartigen Werk heraussticht.

Übersetzung: Inga Opitz

Sergio Pitol: El mago de Viena. Editorial Pre-textos, España 2005, 271 Seiten, 18 Euro.

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