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Die Klänge der Einsamkeit

Es ist die Macht des Despoten, die der Großgrundbesitzer Don Aparicio in der Erzählung “Diamanten und Feuersteine” verkörpert. Jähzornig und gewaltsam tyrannisiert er allein mit seiner Anwesenheit die Dorfbewohner. „Seinem“ Musiker Mariano begegnet er hingegen mit großer Achtung: „Don Mariano, dich lass´ich in Ruhe, wegen deines Gesangs; auch wegen deiner Arpa“. Er lässt den verschlossenen Schneidergehilfen, der eines Tages im Dorf auftaucht und den alle den „upa“, den Geisteskranken nennen, in seiner Sattelkammer wohnen. Er behandelt ihn gut und nennt ihn sogar Don, weshalb niemand es wagt, dem zugewanderten Außenseiter zu nahe zu treten. Mariano spricht nicht, sein einziger Vertrauter ist ein zahmer Turmfalke, er geht bescheiden, „er bewegte sich als wäre er in Wirklichkeit Niemand“ und an manchen Abenden, wenn ihm danach ist, befiehlt der Patron ihm zu spielen. Dies geschieht vor allem dann, wenn nach Ausschweifungen und Alkoholexzessen die Unruhe Don Aparicios zu groß wird. Mariano spielt die Musik seiner Heimat, die in den Obstdörfern in den tiefen Schluchten der Kordilleren liegt, und seine tiefe Stimme erinnert an ein Naturschauspiel: „Mariano hatte eine tiefe, leise Stimme, wie die eines Singfrosches. Denn im Gras der feuchten, brachliegenden Felder der Ortschaft stimmten die Frösche lange, sanfte Lieder an und ließen den hohen bestirnten Himmel oder die finsteren Sommernächte erzittern.“

Liebreizend und weizenblond

Eines Tages wird die trügerische Ruhe im Dorf durch die Ankunft einer Frau von der Küste gestört. Besessen davon, die liebreizende Frau mit dem weizenblonden Haar für sich allein zu besitzen verausgabt sich Don Aparicio in seinem Werben und vernachlässigt dabei seine langjährige Geliebte, die Mestizin Irma. Mariano lässt sich darauf ein, der Frau zu helfen, und unterstützt sie bei ihrem Vorhaben, durch die Klänge seiner Musik das Herz des Großgrundbesitzers wieder zu gewinnen. Der Patron deutet das als Verrat und gibt Mariano nicht einmal die Chance einer Vergebung.
Der 1911 in einem Andendorf geborene Arguedas erschuf in dieser kleinen Erzählung einen ganz eigenen Kosmos, in dem er die Großartigkeit seines Landes in poetischen Bildern beschreibt, wie dem der „Diamanten und Feuersteine“, Steine, die der Strömung der tiefen Flüsse dabei behilflich waren, riesige Abgründe in die Anden zu schneiden. Als Vertreter des peruanischen Indigenismus wurde er vor allem mit seinem 1958 erschienenen Roman Los ríos profundos/ Die tiefen Flüsse international bekannt. Zusammen mit anderen lateinamerikanischen Schriftstellern seiner Zeit setzte er auf eine eigenständige lateinamerikanische Literatur, die sich nicht mehr nur an europäischen oder nordamerikanischen Vorbildern orientieren sollte und zum Ziel hatte, die eigenen sozio- kulturellen Wirklichkeiten zu erfassen. Arguedas, selbst Anthropologe und des Quechua mächtig, versuchte in seinen Romanen mit literarischen Mitteln der Realität des Zusammenlebens von Indigenas, Mestizen und Weißen im Land näher zu kommen. Im Nachwort vermittelt Mario Vargas Llosa den LeserInnen tiefere Einsichten in die schriftstellerische Wirklichkeit des Autors, der 1967 Selbstmord beging.
Die wunderschön aus dem Spanischen übersetzte Erzählung bietet einen Einblick in das literarische Schaffen Arguedas, der Wohlklang der Sprache ist beeindruckend. Manchmal ist die Geschichte etwas traurig, da viele Momente tiefer Einsamkeit sie begleiten. Schließlich wird diese Einsamkeit aber durch die Gemeinschaft und ihre Zeremonien und vor allem durch die Musikalität der Dorfbewohner aufgefangen, die sich in der Sprache des Autors widerspiegelt.

José María Arguedas, Diamanten und Feuersteine, aus dem Spanischen von Elke Wehr, mit einem Nachwort von Mario Vargas Llosa, Suhrkamp 2002, 11,80 Euro. Die Originalausgabe erschien 1954 unter dem Titel Diamantes y pedernales.

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