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Die Schule der Mörder

Enrique, Magdalena, Pedro. Auf den Kreuzen stehen die Namen der Opfer. Zehntausende DemonstrantInnen werden sie vom 19. bis zum 21. November vor dem US-amerikanischen Militärcamp Fort Benning in Columbus, Georgia, in die Höhe halten. Sie fordern die Schließung der „School of the Americas (SOA)“. Lateinamerikanische Militärs, die später zu Diktatoren, Folterern und Mördern wurden, sind hier ausgebildet worden.

Patriotische Stadt
Bill hält nicht viel von den Protesten. Wie die meisten der knapp 200.000 Einwohner von Columbus. Er ist stolz auf seine Heimatstadt. Schließlich wurde hier das Geheimrezept von Coca-Cola erfunden. Und hier ist das Militär zu Hause. Der 58-jährige sitzt in einer Ecke des Fastfood-Restaurants, schlürft die braune Limonade und zeigt auf das Plastikschild über ihm: God bless our troops! „Hier in Columbus sind wir Patrioten!“ murmelt er in seinen Vollbart. Die Kleinstadt ist quasi die Versorgungsmeile des drittgrößten Militärausbildungslagers der Welt. Nachtbars reihen sich an der Straße zu Fort Benning aneinander.
Nur einmal im Jahr wird der Protest gegen die militärische Dauerpräsenz laut. Dann sind ausnahmsweise alle Hotels ausgebucht. MenschenrechtsaktivistInnen aus aller Welt kommen jeden November in die Stadt südlich von Atlanta, um gegen ein „Symbol US-hegemonialer Macht“ zu protestieren.

Lexikon des Terrors
In Fort Benning steht das rosafarbene Gebäude der „School of the Americas (SOA)“. Seit 1946 wurden an dieser Schule mit US-Steuergeldern – zunächst in Panama und seit 1984 in Georgia – knapp 60.000 Soldaten und Offiziere aus Mittel- und Südamerika ausgebildet. Die Absolventenliste liest sich wie ein Lexikon des Terrors. Darunter befinden sich die argentinischen Diktatoren Leopoldo Galtieri und Roberto Viola, mitverantwortlich für das Verschwinden von rund 30.000 Menschen. Und Roberto D’Aubuisson, Anführer von El Salvadors Todesschwadronen.Der bolivianische Diktator Hugo Banzer Suarez hat es sogar bis in die Hall of Fame der Schule gebracht. Zehn der zwölf Offiziere, die für das Massaker an 900 Zivilisten im salvadorianischen Dorf El Mozote verantwortlich waren, haben einen Kurs der SOA besucht. Ebenso zwei der drei Offiziere, die an der Ermordung von Oscar Romero beteiligt waren. Und in Chile befehligten SOA-Schüler Pinochets Geheimpolizei DINA.
Rund 500 Schwerverbrecher sind nach Angaben der Menschenrechtsbewegung „SOA Watch“ aus der Schule hervorgegangen. 500 von 60.000 Studenten – das seien doch nur „a few bad apples“ – „ein paar schlechte Äpfel“ argumentiert die Akademie.
Nach offiziellen Angaben sollten die Soldaten und Offiziere den Umgang mit US-amerikanischen Waffen und den Respekt für US-amerikanische Werte erlernen. Im Dezember 2000 war damit zunächst Schluss. Lehrbücher der SOA waren an die Öffentlichkeit gelangt, in denen die Anwendung von „Schwarzen Listen, Spionage in Gewerkschaften und Studentenvereinigungen, von Isolationshaft, Hypnose und elektrischen Verhörhilfen“ empfohlen wurde. Die Proteste von Menschenrechtsorganisationen führten schließlich dazu, dass der Kongress für die Schließung der SOA stimmte. Doch nicht einmal einen Monat nach der Schließung öffnete die Akademie im Januar 2001 erneut ihre Pforten. Unter anderem Namen. Mit denselben Inhalten. Mit denselben Ausbildern. „Western Hemisphere Institute for Security Cooperation (WHINSEC)“ steht jetzt auf dem Schild am Eingang. Und das Militär übt sich in Menschenrechtserziehung.
Transparenz, Vertrauen und Offenheit: Das ist die neue Strategie des WHINSEC gegen jegliche Kritik. Jeder, der sich informieren oder an einem Kurs teilnehmen möchte, ist herzlich willkommen. „Wir haben nichts zu verbergen“, lacht WHINSEC-Pressesprecher Lee Rials. Er erzählt gerne von seiner Zeit als Soldat in West-Berlin und holt bereitwillig ein Werbevideo aus der Schreibtischschublade. Zu emotionsbeladener Latinomusik sind darin mehr lachende Kinder als Gewehre zu sehen. Der Off-Text spricht von der Verteidigung der Menschenrechte. Für die Zukunft der Kinder. Eigentlich war der Film dazu gedacht, die Kritik von Menschenrechtsorganisationen über die Ausbildung von Folterern und Diktatoren auszuräumen. Doch die Bilder von glücklichen Soldaten in indigenen Gemeinden waren dann doch zuviel des Guten. „Wir sind hier schließlich keine Kinderkrippe“, sagt Rials und schaltet den Fernseher aus. Das gut 15minütige Video wurde niemals veröffentlicht.
„Die Behauptung, dass wir hier Leute zum Töten ausbilden, ist nicht ganz korrekt“, sagt Pressesprecher Rials. „Wir haben zum Beispiel auch medizinische Kurse. Dort lernen sie, wie man Kinder auf die Welt holt. Natürlich gibt es auch militärische Lehrgänge. Aber es geht mehr darum, wie das Militär professionell und im Sinne seiner Verfassung arbeiten soll. Dennoch können wir keine Verantwortung dafür übernehmen, was einige später in ihren Ländern mit diesem Wissen machen.“ Glaubt man dem Pressesprecher, sollen die Studenten in den USA Toleranz und Respekt erlernen. „Militärs aus verschiedenen Länder müssen hier miteinander auskommen. So lernen sie, dass die Leute im Nachbarland auch nur Menschen sind. Und wir sehen es als unsere Aufgabe, diese Freundschaften zu entwickeln“, so Rials. Auf dem Stundenplan stehen deshalb neben Kursen in Aufstands- und Terrorismusbekämpfung auch Ausflüge in die Museen der Altstadt von Columbus. Und in das Werk von Coca-Cola.

Crossing the Line
Freundschaften unter lateinamerikanischen Militärs für mehr Demokratie und Wahrung der Menschenrechte. Darüber kann Reverend Roy Bourgeois nur den Kopf schütteln. „Wie lehrt man Demokratie in einer undemokratischen Einrichtung?“ Der Vietnam-Veteran und Gründer von „SOA Watch“ organisiert seit 1990 den Widerstand gegen die „Schule der Mörder“, wie er sie nennt. Bourgeois wohnt in einem kleinen Ein-Zimmer-Apartment, keine zehn Meter vom Eingang des riesigen Fort Benning entfernt. Den Feind stets im Blickfeld. Sein Wohnzimmer ist gefüllt mit sauber geordneten Akten voll Zeitschriften, Artikeln, Fotos, handgeschriebenen Notizen.
Der Protest gegen die „School of the Americas“ ist sein Lebensinhalt. Roy Bourgeois hat deshalb insgesamt über vier Jahre in US-amerikanischen Gefängnissen gesessen. Wie mehr als 170 andere, die es gewagt hatten, die weiße Begrenzungslinie von Fort Benning während des alljährlich stattfindenden Marsches zu überqueren. „Wir werden zurückkommen. Jedes Jahr. Bis diese Schule endgültig geschlossen wird“, sagt Bourgeois sicher. „Denn die Foltermethoden, die im Irak von US-AmerikanerInnen angewendet wurden, sie sind kein Einzelfall, sondern Methode. Es gibt eine direkte Verbindung von Folter und US-Außenpolitik, wie zum Beispiel im Fall von El Salvador oder Argentinien.“
Für WHINSEC-Pressesprecher Rials stehen die Proteste gegen seine Institution stellvertretend für eine Ablehnung der US-Außenpolitik. „Die brauchen ein Symbol und wir müssen dafür herhalten, obwohl wir nur ein kleines Rad im Getriebe sind.“
Man könne die Schule nicht für ihre Absolventen verantwortlich machen, so der offizielle Standpunkt des WHINSEC. „Galtieri hat 1949 als Leutnant einen Ingenieurkurs in der SOA belegt. Was hat das damit zu tun, was er 1981/82 in Argentinien getan hat?“ gibt Pressesprecher Rials zu bedenken. Und folgt man seiner Argumentation, dann wäre die Situation der Menschenrechte in Lateinamerika ohne SOA/WHINSEC sogar noch um einiges schlimmer: „Wir versuchen, unseren Studenten den Respekt vor der Zivilbevölkerung beizubringen. Ich denke schon, dass wir dadurch einen positiven Einfluss auf das Militär ausüben können.“ Mindestens acht Stunden Menschenrechtserziehung sind Pflicht für jeden WHINSEC-Neuankömmling. Inhalte: Demokratische Werte, die Genfer Menschenrechtskonvention und ein „Verhaltenskodex für Soldaten“. Soweit die offizielle Seite. Wer mehr erfahren will, braucht im Hörsaal nur ein wenig zwischen den Zeilen zu lesen.
Die 14 Studenten an diesem Donnerstag sehen noch ein wenig mitgenommen aus. Erst am Tag zuvor sind sie aus Chile, Argentinien, Honduras, El Salvador und Guatemala angereist. Der Pflichtkurs in Sachen Menschenrechte wird stets zu Beginn eines Lehrganges abgehalten. Kaum haben die Militärstudenten richtig verstanden, wo sie sich befinden, ist er auch schon zu Ende. Viel wird davon nicht hängen bleiben. „Das hier sitze ich nur ab“, kommentiert ein 32-jähriger aus Honduras. „Danach wird es interessant.“ Zwei Wochen lang werden sie in Fort Benning trainiert, „ländliche Konflikte“ zu lösen.

Militär der Menschenrechte
Einen Vorgeschmack darauf bekommt man bereits im Menschenrechtskurs. Anhand der Genfer Menschenrechtskonvention wird erklärt, wie mit Gefangenen umzugehen ist. In erster Linie geht es dabei nicht darum, welche Pflichten die Soldaten haben, sondern welche Rechte sie bei einer Festnahme haben. „Ist ja schön und gut, das alles hier“, meldet sich gelangweilt ein junger Offizier aus El Salvador zu Wort. „Aber wenn ich vor denen stehe, dann überlege ich mir nicht, ob ich Artikel 1 oder Artikel 2 der Genfer Menschenrechtskonvention anwenden soll.“ Ein Mitstudent möchte besonders witzig sein und antwortet ihm: „Ist ganz einfach, wenn du eine weiße Fahne siehst, dann schießt du nicht!“ Brüllendes Gelächter.
Ausgiebig wird über den Unterschied zwischen Terroristen, Guerilla-Kämpfern und gewöhnlichen Verbrechern diskutiert. Auch die Kategorie „subversiv“ ist immer noch aktuell. „Subversiv kann schon jemand mit einem Stift in der Hand sein“, erläutert ein argentinischer Teilnehmer in der Kaffeepause. Vieles erinnert noch an die alten Zeiten der „School of the Americas“ und der Doktrin der Nationalen Sicherheit. Doch einiges hat sich geändert seit dem Zusammenbruch des alten Feindbildes „Kommunismus“ und seit dem 11. September 2001. „In den 70er Jahren reichte es in Lateinamerika schon aus, in Besitz eines verbotenen Buches zu sein, um politische Gefangenschaft und Verschwinden zu riskieren“, beschreibt Menschenrechtsaktivist Bourgeois. „Heute wird dagegen versucht, politisch motivierte Handlungen als kriminelle Verbrechen oder terroristische Anschläge darzustellen. Und das Militär muss dementsprechend für Ruhe und Ordnung sorgen.“

Venezuela sendet keine Schüler mehr
Bourgeois gibt nicht auf. Er versucht weiter, Einfluss auf den Kongress zu nehmen. Doch seit Beginn des Kampfes gegen den Terrorismus hat er dort wenige Verbündete. „SOA Watch“ versuche daher verstärkt, direkten Einfluss auf die Regierungen in Lateinamerika zu nehmen. In Venezuela hatte die Menschenrechtsorganisation erste Erfolge. Denn zwei Absolventen der School of the Americas waren es, die im April 2002 den Putschversuch gegen Hugo Chávez anführten. „Wir haben Chávez Anfang 2004 in Caracas getroffen. Er versprach uns, keine weiteren Schüler zur SOA zu schicken“, erzählt Bourgeois. Bislang hat der Präsident der bolivarianischen Republik sein Versprechen gehalten. Knapp 1000 Absolventen haben 2004 das WHINSEC verlassen. Die meisten kommen aus Kolumbien, gefolgt von Honduras und Bolivien. Aber kein einziger Venezolaner.

Weitere Infos: www.soaw.org;
www.benning.army.mil/whinsec

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