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Die Stadt versinkt im Soja-Meer

Ailén saust mit ihrem Plastikauto auf dem Vorplatz herum, als wollte sie jemanden überholen. Nach ein paar Sekunden hält sie an, beugt sich über den Lenker und grinst. Jahrelang konnte die Fünfjährige nicht draußen spielen, sondern lag mit Atembeschwerden im Bett. „Besonders schlimm war es“, erinnert sich Mutter Viviana Peralta, „wenn der Nachbar sein Feld auf der anderen Straßenseite besprühte.“ So schlimm, dass Ailén zuweilen fast das Bewusstsein verlor und reglos auf der Brust ihrer Mutter lag.
Der Nachbar ist Gensoja-Bauer und hat sein Feld in San Jorge, im Zentrum der argentinischen Soja-Produktion – nur zehn Meter vom Haus der Peraltas entfernt. Regelmäßig ließ er Agrarchemikalien per Sprühmaschine oder Flugzeug auf dem Acker ausbringen. Viviana Peralta spürte es daran, dass sich ihre Lippen lähmten und sie kaum noch sprechen konnte. Sie schloss dann Fenster und Türen und hoffte, das Gefühl würde wieder vorbeigehen. Doch die Hustenanfälle ihrer Tochter wurden immer schlimmer. Schließlich fuhr sie mit Ailén zu einem Immunologen nach Rosario, und der bestätigte ihren Verdacht: Ihre Probleme waren die Folge der Chemikalien des Bauern, des Gensoja-Anbaus.
Gensoja ist in Argentinien, was Kupfer in Chile oder Erdöl in Nigeria ist: ein riesiges Geschäft. Über die Hälfte der Exporteinnahmen stammen aus dem Sojaverkauf. Ein Großteil der Ernte landet in den Futtertrögen chinesischer und europäischer Mastbetriebe – auch in Deutschland. Gensoja war in Argentinien, dem weltweit drittgrößten Sojaproduzenten hinter den USA und Brasilien, von Anfang an kein Nahrungsmittel. Es war Kapital. Kapital, das heute über die Hälfte des bewirtschafteten Bodens des Landes einnimmt.
Dabei spielte Soja bis vor 16 Jahren kaum eine Rolle. Angebaut wurden Weizen, Mais oder Sonnenblumen. Erst ab 1996, also im selben Jahr, in dem gentechnisch verändertes Soja auch in den USA auf den Markt kam, begannen sich argentinische Bäuerinnen und Bauern für die Nutzpflanze zu interessieren.
Auslöser war, wie in Nordamerika, der US-Chemiekonzern Monsanto. Er brachte nicht nur gentechnisch veränderte Organismen (GVO) an den Rio de la Plata, sondern reiste gleich mit einer ganzen Ideologie an. Sein Gensoja verkaufte Monsanto nur zusammen mit dem Glyphosat der Marke Roundup – einem seit Mitte der 70er Jahre eingesetzten Herbizid zur Unkrautbekämpfung.
Gleichzeitig kamen neue Technologien auf den Markt, mit denen noch schneller mehr gesät, geerntet und letztlich mehr verdient werden sollte – ähnlich wie bereits während der „grünen Revolution“ in den 70er Jahren. Monsanto wandte sich sowohl an die Produzent_innen als auch an die Agrarstudent_innen des Landes. Diesen wurde in eigenfinanzierten Laboratorien und Studien beigebracht, dass Glyphosat keinerlei negative Folgen habe, im Gegenteil: Es erhöhe die Ernte. Schließlich war die von den Chemiker_innen in St. Louis entworfene Gensojabohne resistent gegen das Glyphosat. Und so machte Monsanto aus der einstigen Getreidekammer der Welt Argentininen ein Versuchslabor für Gensoja. Die Konsequenzen dieses Produktionsmodells werden knapp zwei Dekaden danach sichtbar.
Infolge der Verharmlosung des Herbizids Glyphosat benutzten es die Bäuerinnen und Bauern wie Wasser – und rutschten dabei in einen Teufelskreis. Denn das Unkraut wurde im Laufe der Jahre immer resistenter gegen Roundup. Es entstanden sogenannte supermalesas (Super-Unkräuter), worauf die Bäuerinnen und Bauern entweder die Dosis erhöhten oder das Glyphosat mit anderen, noch stärkeren Agrarchemikalien mischten. Die giftigsten dieser Chemie-Cocktails waren eine Mischung aus Glyphosat, Paraquat, Endosulfan oder der Essigsäure 2,4D.
In Europa sind diese Produkte mit Ausnahme von Glyphosat verboten. Produziert werden sie aber (außer von Monsanto in den USA) auch in hiesigen Laboratorien: in jenen von Syngenta aus Basel, der BASF aus Ludwigshafen am Rhein oder von Bayer aus Leverkusen.
Doch damit nicht genug: 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure, wie 2,4D mit ganzem Namen heißt, war in leicht modifizierter Form Bestandteil des Entlaubungsgifts Agent Orange, das die US-Armee während des Vietnamkriegs über den Wäldern versprühte. So sahen die Scharfschütz_innen besser wo sich ihre Gegner_innen versteckten. Hersteller von Agent Orange: Monsanto.
Der Krieg in Vietnam ist offiziell seit knapp 40 Jahren zu Ende. Doch die Folgen von Agent Orange sind bis heute spürbar: verseuchte Böden, erhöhte Krebsraten und Kinder, die mit Missbildungen zur Welt kommen. Es sind die gleichen Merkmale, die heute bei Menschen beobachtet werden, die in der Nähe von Agrarflächen mit GVO wohnen – auch in San Jorge. Die Stadt mit 25.000 Einwohner_innen wirkt wie eine von Menschen bewohnte Insel inmitten eines horizontlosen Genpflanzen-Meers.
Nahe des Zentrums, mitten in einem Wohnquartier, werden an diesem Montagvormittag Traktoranhänger mit Soja gefüllt. Ein älterer Mann stempelt gerade Lieferscheine und blickt erstaunt auf, als er hört, dass ein Journalist aus Europa da sei. Er kommt aus dem Büro und flüstert, als er die Tür der Lagerhalle neben den Silos aufstößt: „Aber nur für ein paar Minuten.“ Der Mann weiß, dass er nicht mit dem Journalisten sprechen sollte, scheint jedoch hin und her gerissen zwischen den Interessen seines Brötchengebers und jenen seiner kranken Nachbar_innen. „Normalerweise ist der Schuppen voll mit Samen und Chemikalien“, sagt er und deutet auf die leere Fläche in der Mitte. Zwei Straßenhunde sind in die Halle geschlichen und verrichten ihr Geschäft an einem Wulst aus leeren Säcken, Plastikplanen und Staub. Es riecht wie im Chemiezimmer, das die_der Lehrer_in in der Pause zu lüften versuchte. Beim Eingang stapeln sich leere Kanister mit verschiedenen Markierungen, auch solche mit der Aufschrift 2,4D. Auf deren Etikette steht die empfohlene Dosis pro Hektar– nebst Soja und Weizen auch für Kartoffeln, Reis und Zuckerrohr.
Welche Schäden verursachen diese Chemikalien? Der Mann zögert zunächst und antwortet dann: „Der Produzent sagt, sie richten keine Schäden an.“ Die Kanister seien mit roten, gelben und grünen Streifen gekennzeichnet, sodass man immer genau wisse, welche Produkte gefährlich sind und welche weniger.
Es war diese Kennzeichnung, die den Agraringenieur Claudio Lowy vor einem Jahr in einen mehrtägigen Hungerstreik vor dem Landwirtschaftsministerium in Buenos Aires treten ließ. Er warnte, dass die enthaltenen Produkte wesentlich giftiger seien, als auf der Etikette behauptet wird.
„Hier im Dorf“, sagt der Mann und schiebt die Tür der Lagerhalle wieder zu, wisse man schon, dass die Chemikalien schädlich sind. „Aber wenn du zwischen einem Job wählen kannst, der dir monatlich 2.500 Pesos bringt oder einem mit Chemikalien, bei dem sie dir das Doppelte zahlen – welchen wählst du?“
Während Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner Soja als Teil ihrer Wachstumspolitik verteidigt, kämpfen die Betroffenen auf einsamem Posten. So auch Roberto Rios, der zwischen 2001 und 2009 Tag für Tag Glyphosat, 2,4D und andere Agrarchemikalien ausbrachte. Mit Rucksackkanistern oder Sprühmaschinen zog der 35-Jährige über die Felder seines Arbeitsgebers – ohne Handschuhe, Anzug oder Schutzmasken. „Uns wurde weder gesagt, dass wir uns schützen müssen, noch dass die Mittel gesundheitliche Schäden verursachen“, sagt Roberto. Zwei Jahre lang schläft er zusammen mit anderen Mitarbeiter_innen in derselben Lagerhalle, wo er tagsüber die Cocktails mischt. Es habe sich nicht gelohnt, sagt Roberto, über Nacht nach Hause zu fahren. „Und die Firma stellte uns keine andere Übernachtungsmöglichkeit zur Verfügung.“
Der dreifache Vater lebt seit seiner Jugend von der Landwirtschaft und maß den immer stärker werdenden Kopfschmerzen und Muskelkrämpfen während der Arbeit keine Bedeutung bei. Als er aber immer weniger essen und eines Tages nicht mehr gehen konnte, ging er zum Arzt. Roberto musste sich an Speiseröhre und Niere operien lassen, zudem wurde ihm die Galle entfernt. „Was ich genau habe, können die Ärzte nicht sagen.“ Was sie Roberto aber sagten, ist, dass er keinen Kontakt mehr mit Agrarchemikalien haben dürfe. Das sagte auch die Ärztin von Ailéns Mutter.
Viviana Peralta hatte sich inzwischen an den Bürgermeister von San Jorge gewandt, der nur mit den Schultern gezuckt haben soll. Ihr wurden Autos, Hotelaufenthalte, Medikamente und sogar ein Haus in der Stadt angeboten – was sie alles abgelehnt hat. „Ich wohne hier und zahle Steuern“, sagte sie dem Bürgermeister. „Ich möchte mit dem entsprechenden Respekt behandelt werden.“
Doch wer in Argentinien negativ über den Sojaanbau spricht, muss mit Konsequenzen rechnen. Mitglieder der Betroffenenvereinigung Pueblo Fumigado (vom Verb fumigar – mit etwas besprühen), die von verstecktem Genozid spricht, wurden schon Fensterscheiben eingeschlagen und Autos angezündet. Erst vor ein paar Wochen wurde dem Direktor eines lokalen Radiosenders per Telefon mit Prügel gedroht, wenn er die kritische Berichterstattung zum Gensoja nicht einstelle.
Ähnliches ist dem Embryonenforscher Andrés Carrasco von der Universität Buenos Aires widerfahren. Dieser hatte vor drei Jahren bestätigt, dass Glyphosat schon bei geringer Anwendung zu Missbildungen bei Embryonen führen kann – worauf Politiker_innen zusammen mit der Agrarindustrie eine wochenlange Kampagne gegen ihn und seine Resultate führten.
Neu ist diese Form der Zensur nicht: Im ganzen Land wird versucht, das Thema unter dem Deckel zu halten – von Ärzt_innen, Chemiker_innen, Firmen, Politiker_innen und nicht zuletzt den Medien. Zu viele Interessensgruppen sind in den letzten Jahren vom Geschäft mit dem grünen Gold abhängig geworden.
Und dennoch zeigen die jahrelangen lokalen Proteste und Studien unabhängiger Forscher_innen langsam Wirkung. So wurden Ende August in Córdoba erstmals in Lateinamerika ein Sojaproduzent und ein Pilot, der die Agrarchemikalien ausbrachte, zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe verurteilt, weil sie gesundheitliche Schäden billigend in Kauf genommen hatten. Nur einen Monat später forderten rund 10.000 Demonstrant_innen vor den Toren der Monsanto-Geschäftsstelle in Córdoba den Abzug der Firma aus dem Land. Sie waren Teil eines internationalen Protests gegen die Praktiken des US-Chemiemultis.
Viviana Peralta ihrerseits erwirkte mit Hilfe einer jungen Anwältin 2009 einen Gerichtsentscheid, der damals bereits landesweit für Aufsehen sorgte. So muss eine Bäuerin oder ein Bauer beim Besprühen ihrer_seiner Sojafelder einen Mindestabstand zu bewohntem Gebiet einhalten – 800 Meter wenn sie_er mit der Maschine sprüht, 1500 Meter wenn die Applikation aus dem Flugzeug erfolgt. Für Viviana Peralta kommt dieser Entscheid zu spät. Sie und ihre Familie können zwar wieder freier atmen, aber ihre Ärztin hat ihr davon abgeraten, weitere Kinder zu bekommen. Zu sehr habe sich das Glyphosat bereits in ihrem Körper abgelagert.

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