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Die Sünde liegt im Skandal

Zum zehnten Jahrestag der sandinistischen Revolution im Jahr 1989 ging die nicaraguanische Schwulen- und Lesbenbewegung erstmals an die Öffentlichkeit. Sandinistische Militante bekannten sich gemeinsam mit InternationalistInnen zu ihrer Homosexualität, indem sie bei den Feierlichkeiten in besonderen T-Shirts mit rosa Dreiecken aufmarschierten. In der Geschichte von Nicaraguas Schwulen und Lesben Bewegung ein herausragender Moment, zumal er gleichzeitig auch eine Forderung nach Anerkennung war gegenüber der sandinistischen Führung
Wie vieles andere in Nicaragua ist auch das Verhältnis zur Sexualität widersprüchlich und ambivalent. Das gilt für Sexualität im Allgemeinen, mehr noch aber für Formen von Sexualität, die von der hegemonialen Norm abweichen. Zwar brachte die sandinistische Revolution in den 1980er Jahren teilweise einen offeneren Umgang mit Frauenrechten und Sexualität, allerdings blieben Homosexualität und Abtreibung von dieser Entwicklung ausgespart. Die sandinistische Regierung hat, anders als die kubanische, Homosexuelle nicht offen verfolgt und eingesperrt. Doch um gesellschaftlicher Diskriminierung und Gewalt zu entgehen war es besser, die eigene Homosexualität nicht offen zu zeigen. Sandinistische Militante hatten zudem parteipolitische Repressalien zu fürchten, wie zum Beispiel die geographische Zwangstrennung, – Partner wurden einfach in verschiedene Teile des Landes geschickt.
Innerhalb der FSLN waren die verschiedensten Auffassungen über Sexualität und Homosexualität zu finden. Aber das Bild eines schwulen Mannes passte nicht in das Idealbild des revolutionären hombre nuevo, des „neuen Menschen“. Homosexualität galt als ein Zeichen „kapitalistischer Dekadenz“ und „kleinbürgerlicher Abweichung“.
So war es denn auch die sandinistische Staatssicherheit, die 1987 den ersten Versuch verhinderte, eine Schwulen- und Lesbenbewegung zu gründen. Führende Persönlichkeiten der Bewegung wurden festgenommen und unter Druck gesetzt. Die damalige Argumentation glich jener, die regelmäßig auf Forderungen der Frauenbewegung entgegnet wurde: Sich für Homosexuellenrechte einzusetzen schade der sandinistischen Einheit und spiele dem Feind in die Hände, insbesondere der katholischen Kirche. Priorität habe die gemeinsame Verteidigung der sandinistischen Revolution. Schließlich wurden die festgenommenen AktivistInnen aufgefordert, über die Vorfälle Stillschweigen zu bewahren – was diese aus Loyalität zur sandinistischen Revolution bis in die 90er Jahre auch taten.

Per Gesetz verboten

Der politische Umschwung 1990 bedeutete das Scheitern der sandinistischen Revolution. Er eröffnete allerdings auch neuen Raum und neue Möglichkeiten, vor allem für soziale Bewegungen, die unter dem sandinistischen Regime stark kooptiert waren. Die Frauenbewegung befreite sich 1991 größtenteils von der FSLN, Schwulen- und Lesben-Kollektive entstanden und Nichtregierungsorganisationen mit enger Verbindung zur Frauenbewegung wurden gegründet.
Die politische Arbeit für einen offenen Umgang mit sexueller Diversität ging Hand in Hand mit der Aufklärung über HIV, AIDS und die Übertragbarkeit von Geschlechtskrankheiten. Ihre Wurzeln hatte diese Arbeit zumindest teilweise im Wirken des Gesundheitsministeriums unter Dora Maria Tellez Ende der 80er Jahre. Im Jahr 1992 jedoch wurden dieser Prozess durch die Verschärfung eines schon bestehenden Paragraphen gegen Homosexualität erheblich gedämpft. Artikel 204 im Strafgesetzbuch stellt, wie sein Vorgänger, Artikel 205, die „skandalöse“ Praxis gleichgeschlechtlicher Beziehungen mit ein bis drei Jahren unter Strafe. Eigentlich sollte dieser Paragraph mit der Gesetzesreform aus dem Strafgesetzbuch verschwinden. Stattdessen wurde er noch verschärft, denn nun drohen dieselben Gefängnisstrafen auch denjenigen, die gleichgeschlechtliche Beziehungen „induzieren, ermutigen, oder propagieren“.
Zwar ist in den letzten 15 Jahren kaum jemand wegen seiner Homosexualität im Knast verschwunden. Aber der Strafrechtsparagraph ist ein erhebliches Hindernis für den offenen Umgang und die freie Lebensgestaltung von Lesben und Schwulen. AktivistInnen und Organisationen in Nicaragua sowie Amnesty International gehen übereinstimmend davon aus, dass die Kriminalisierung von Homosexuellen eine Legitimation der Misshandlungen und Diskriminierungen darstellt, denen Schwule und Lesben ausgesetzt sind, und ihnen jegliche Basis entzieht, ihre Rechte einzufordern oder zu verteidigen. Und genau darum ging es: Homosexualität wurde weit weg von der Öffentlichkeit und zurück in den Schrank befördert.

Zwischen Schweigen und Gewalt

Gewalt gegen Schwule geht vor allem von Männern aus, in vielen Fällen von der Polizei, und richtet sich insbesondere gegen die besonders verletzbare Bevölkerungsgruppe der Transvestiten, die oft als Prostituierte arbeiten. Überhaupt richten sich Übergriffe der Polizei vor allem gegen Schwule aus ärmeren Schichten.
Lesbische Frauen sind weitgehend „unsichtbar“ in der nicaraguanischen Gesellschaft. In Fällen, in denen sie sichtbar wurden, kam es teilweise zu extremer Gewalt gegen sie, bis hin zum Mord. So wurde Ende 1999 eine Frau von dem Exmann ihrer Freundin erschossen und in eine Latrine geworfen. Die Ermordete war zuvor aufgrund einer Anzeige ihres späteren Mörders wegen ihrer Homosexualität ins Gefängnis gekommen, und zusammen in eine Zelle mit Männern gesteckt worden. Nachdem Menschenrechts- und Frauenorganisationen dies erfuhren setzten sie sich für ihre Freilassung ein, die sie nach einigen Monaten auch erreichten. Sie nahm die Beziehung mit ihrer Freundin wieder auf, und musste dafür wenige Zeit später mit ihrem Leben bezahlen. Der Arbeit der Frauenbewegung – in diesem Falle des „Frauennetzwerkes gegen Gewalt“ – ist es zu verdanken, dass der Täter samt Komplizen für seine Tat verurteilt wurde.
Lesbische Frauen sind, vor allem als Teil der Frauenbewegung, besser und länger organisiert als schwule Männer. Diese hingegen sind sichtbarer im städtischen Raum: die Diskotheken und Kneipen der Szene, die trotz des offiziellen Verbotes bestehen, werden vor allem von Männern besucht, während Lesben eher „tolerante“ Heterokneipen vorzuziehen scheinen.
Die meisten Schwulen und Lesben sind gezwungen, ein Doppelleben zu führen. Am Arbeitsplatz offen zum eigenen Schwul- oder Lesbischsein zu stehen ist nur selten möglich. Das Risiko, entlassen zu werden oder täglichem Spott ausgesetzt zu sein, ist hoch.
Doch trotz der Diskriminierung ist die Toleranz in den letzten 15 Jahren innerhalb der Bevölkerung gestiegen. Immer mehr Schwule und Lesben trauen sich, mit ihren Eltern über ihre Sexualität zu sprechen – nicht selten mit dem Resultat einer unausgesprochenen Akzeptanz. Homosexualität scheint in Ordnung zu sein, solange sie nicht an die große Glocke gehängt wird.

Traditionelle Transvestiten

Männliche Homosexualität und Transvestismus haben einen besonderen Platz in der nicaraguanischen Kultur und Geschichte. Traditionell wird in Nicaragua als homosexuell nur derjenige angesehen, der die passive Rolle in der sexuellen Beziehung einnimmt und sich entsprechend mit einer als „weiblich“ wahrgenommenen Rolle identifiziert. Entscheidend ist nicht das Geschlecht des Partners, sondern die sexuelle Rolle. Derjenige, der die aktive Rolle hat, ist in der Selbst- und Außenwahrnehmung heterosexuell. Das bedeutet einerseits, dass homosexuelle Praktiken in Nicaragua, wie auch in anderen lateinamerikanischen Ländern, sehr weit verbreitet sind. Andererseits aber bremst dies erheblich die Möglichkeiten zur gemeinsamen Emanzipation, da eben nur einer von zwei Partnern sich selbst homosexuell definiert und von außen so erkannt und stigmatisiert wird.
Transvestiten spielen bei vielen traditionellen und auch katholischen Volksfesten eine besondere Rolle. Bekannt dafür ist insbesondere der Torovenado, ein Karneval in Monimbó, dem indigenen Stadtteil von Masaya. Schon das Wort – eine Zusammensetzung aus „Stier“ und „Hirsch“ – hat nach dem nicaraguanischen Autor Erik Blandón eine homoerotische Bedeutung, in der auch die „aktive“ und „passive“ Rollenverteilung verbildlicht ist: der Stier als Zeichen der Virilität und der Hirsch als Symbol einer eher passiven Rolle. Der Torovenado ist ein Karneval voller Ironie und Satire, in denen Männer als Frauen gekleidet oder als Tiere verkleidet miteinander tanzen, und wo öffentliche Persönlichkeiten aus der Politik und der Kirche auf die Schippe genommen werden. In den letzten Jahren nehmen immer mehr und immer bewusster Homosexuelle daran Teil, um öffentlich ihren Transvestitismus zu feiern.

Die Macht der Kirchen

Doch es ist kaum damit zu rechnen, dass der Paragraph, der Homosexualität unter Strafe stellt, abgeschafft wird. Dafür sorgt auch die Katholische Kirche. Seit 1990 hat sie einen großen und weiter steigenden Einfluss auf die Politik und Gesetzgebung – mit tragischen Konsequenzen. So wurde im gerade abgeschlossenen Wahlkampf der therapeutische Schwangerschaftsabbruch unter Strafe gestellt – mit sandinistischer Zustimmung (siehe LN 390). Kaum eine politische Partei legt sich in Nicaragua mit der Kirche an.
Für diese sind Homosexuelle im besten Falle “Kranke”, die Hilfe benötigen. Obwohl die Kirche betont, dass sie nicht die Homosexuellen selbst verdamme, sondern nur die Homosexualität, läuft das letztendlich doch auf das selbe hinaus. Homosexuelle werden durch die Kirche nur als Menschen anerkannt, wenn sie bereit sind, sich sexuell zu enthalten.
In den letzten Jahrzehnten wuchs auch der Einfluss evangelischer und vor allem evangelikaler Gruppen in Nicaragua. Über 130 verschiedene protestantische Gemeinden gibt es inzwischen in Nicaragua; Umfragen zufolge identifiziert sich etwa 20 Prozent der Bevölkerung als evangelisch.
Historisch gesehen sind Protestanten und Katholiken Rivalen. Doch im Jahr 2000 haben Katholiken und Protestanten unter anderem das „Nicaraguanische Komitee für das Leben“ gegründet, um gegen Schwangerschaftsverhütung und Abtreibung aktiv zu werden. Und natürlich wenden sie sich, auch gemeinsam, gegen jegliche Anerkennung von Homosexualität.

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