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Non Gratas in Mexiko-Stadt

Eine Mariachi, die von Lust und Begehren spricht, Super-Lesbi als Retterin der unterdrückten Lesben. Glückliche Frauenpaare die offen durch die Strassen und Parkanlagen von Mexiko-Stadt schlendern, eine Polizistin, die heiße Küsse auf der Parkbank austauscht, junge und ältere Damen, die sich nach einer Safer-Sex Präsentation zu zweit oder zu dritt in ihre Hotelzimmer zurückziehen um diverses Latexmaterial auszuprobieren – das sind einige der Figuren, die Rotmi Encisos Videos aus der Reihe „Ellas/Nosotras“ bevölkern.
Rotmi sagt, sie sei es leid, in Filmen und Videos immer wieder nur das Stereotyp der leidenden Lesbe zu sehen und will mit ihren Videos auf spielerische Weise Diskussionen anstoßen. „Die Reaktionen sind je nach Publikum sehr unterschiedlich“, erklärt die Produzentin. Frauen, die sich auf die eine oder andere Weise mit den Figuren in den Videos identifizieren, seien meist begeistert, manche kämen aus dem Lachen nicht mehr heraus, andere hätten Tränen in den Augen. „Als wir das neue Video „Ellas/Nosotras Masiosare“ auf der Buchmesse in Mexiko-Stadt gezeigt haben, waren die Reaktionen eher verhalten. Die Buchmesse auf dem Zócalo hat als öffentlicher, für alle zugänglicher Raum ein sehr gemischtes Publikum angezogen. Viele wussten, als sie sich in die Vorführung gesetzt haben, zunächst gar nicht worum es geht. Und einige sind, als sie sich darüber klar wurden, dass es sich um lesbisches Leben und Liebe dreht, mit entsetztem Gesichtsausdruck nach fünf oder zehn Minuten schnell wieder gegangen.“ „Widerlich“, habe eine Mutter, die mit ihren zwei kleinen Kindern im Publikum saß, beim Verlassen der Vorstellung gemurmelt.
„Wir Lesben sind Non Gratas“, meint Rotmi. Non Grata – unerwünscht sein – bedeutet für sie auch, sich zu widersetzen, das Gebot der Heterosexualität nicht als Norm zu respektieren. Für viele, so Rotmi, heiße das auch, sich in einer machistischen Welt von den Männern emotional und ökonomisch unabhängig zu wissen. Für Rotmi als Fotografin, Malerin und Filmemacherin, bedeutet es, Bilder zu schaffen, die die heiligen Hallen der Heterosexualität durchkreuzen und übertreten: Die heilige Familie, die Moral und die guten Sitten in einem heuchlerischen System.
Die letzten zehn Minuten des Videos „Ellas/Nosotras Masiosare“ erzählen Bewegungsgeschichte. Da sind sie, die Aktivistinnen der lesbisch-feministischen Bewegung Mexikos und ihre Organisationen: Intellektuelle, Filmemacherinnen, Schauspielerinnen, Sängerinnen, Journalistinnen, Schriftstellerinnen und und und. Eine Hommage an diejenigen, die, jede auf ihre Weise oder auch zusammen, für ihre Rechte kämpfen. Manche in breiten Allianzen innerhalb der Frauenbewegung Mexikos, an der Seite der ZapatistInnen, MigrantInnen oder unter der Regebogenfahne in les-bi-schwul-trans-Zusammenhängen. Manche auf parteipolitischen Pfaden, wie Patria Jiménez, die 1997 als erste offen lesbische Abgeordnete im mexikanischen Kongress saß. Andere, wie Yan Maria Yaoyólotl Castro, die sich vehement gegen jede Parteipolitik wehren und sexuelle Selbstbestimmung konsequent in einen antikapitalistischen, antistaatlichen Kontext stellen. Oder Jesusa Rodríguez: Kabarettistin und Theaterregisseurin, die sich in den letzten Monaten als eine der konsequentesten Unterstützerinnen Andrés Manuel López Obradors innerhalb der Bewegung gegen den Wahlbetrug und für dessen legitime Präsidentschaft profiliert hat.
Jesusa, die in „Ellas/Nosotras“ als Ranchera und als Nonne auftaucht, steht bei jeder öffentlichen Veranstaltung für Gerechtigkeit und Aufklärung der ermordeten Frauen von Ciudad Júarez auf dem Podium oder auf der Strasse. Nach den staatlichen Repressionen in Atenco hat sie im Kollektiv der „Mujeres sin Miedo – Todas somos Atenco“ (Frauen ohne Angst – Wir alle sind Atenco) Unterstützungsveranstaltungen für die politischen Gefangenen von Atenco organisiert. Sieht man die Schauspielerin, die auf der Bühne als multiple Persönlichkeit von Sor Juana Inés de la Cruz über Frida Kahlo bis zu Emiliano Zapata überzeugt, so scheint es, dass ihre Popu­larität als Künstlerin und vor allem die Beziehungen zur intellektuellen Créme de la Créme Mexikos ein ideales Schutzschild gegen die alltäglichen Anfeindungen und Übergriffe bilden, die lesbische Frauen in Mexiko ständig erleben. Jesusa selbst sagt, dass sie nie das Gefühl hatte „im Schrank“ leben zu müssen (Anm.d.Red. „aus dem Schrank kom­men“ = sich outen).

Brautkleider aus Papier

Am 14. Februar 2001 heiratete die Kabarettistin in einem symbolischen Performanceakt ihre langjährige Lebensgefährtin, die argentinische Sängerin und Schau­s­pielerin Liliana Felipe: Die Ehe als Institution der katholischen Kirche lehnen beide grundsätzlich ab. In der symbolischen Heirat, die auf der Bühne ihres eigenen Kabarett-Theaters stattfand, mokierten sich die Bräute über die scheinheilige Moral der Kirche und des Staates. „Da unsere Beziehung ja immer schon öffentlich war, bedeutete zu heiraten für uns lediglich unsere moralische Pflicht gegenüber dem Katholizismus zu erfüllen. Wir fühlten uns so unglaublich sündig“, erzählt Jesusa in einem Interview ein paar Wochen nach der Hochzeit. Hintergrund der pompösen Eheschließung, in Brautkleidern aus Papier und vor einem begeisterten Publikum, war bei allem Witz jedoch ein ernster: Am gleichen Tag wurde im Stadtparlament von Mexiko-Stadt zum ersten Mal über Leben­sge­mein­schaften, die so genannten sociedades de convivencia, abgestimmt. Liliana und Jesusa feierten im Kabarett, während parallel die seitdem jährlich stattfindenden symbolischen Eheschließungen lesbischer, schwuler und transsexueller Paare initiiert wurden, die den Kampf um die sociedades de convivencia begleiten. Waren es 2001 nur 30 Paare die sich das Ja-Wort gaben, sind es mittlerweile Hunderte, die sich am Valentinstag im historischen Stadtzentrum trauen lassen.

Keine Ehe als Trostpflaster

Am 9. November 2006 wurde, allen Widerständen zum Trotz, nach über sieben Jahren politischem Hin und Her das Gesetz über die sociedades de convivencia verabschiedet. Das neue Gesetz bietet Paaren gleichen
Geschlechts sowie anderen „unkonventionellen“ Lebensgemeinschaften in Mexiko-Stadt eine gesetzliche Grundlage. Nach langen Jahren harter Auseinandersetzungen insbesondere mit den Abgeordneten der rechts-konservativen PAN, die das Lebensgemeinschaftsgesetz als „Angriff auf die Familie“ bezeichnen, ist dies für viele der LGBT-Community ein Grund zu feiern. Andere Stimmen aus Lesbenkreisen wollen jedoch nicht sofort in den Jubelgesang einstimmen. Mariana Pérez Ocaña von der Zeitschrift LesVoz kritisiert das neue Gesetz als Farce. Hier sei eindeutig, dass nur bestimmte Interessen berücksichtigt würden. Beispielsweise sei die Möglichkeit der Adoption genauso wenig vorgesehen wie Rechte für die migrantische Lebenspartnerin bzw. den migrantischen Lebenspartner. LesVoz, neben Las Amantes de la Luna eine der zwei Lesbenzeitschriften Mexikos, setzt sich seit Jahren für die „lesbische Ehe“ ein. Wobei das Wort Ehe dabei nur auf die Rechte verweist, die diese mit sich bringt und keineswegs auf die Institution Ehe, wie sie die katholische Kirche formuliert. „Solange keine wirkliche rechtliche Gleichstellung stattfindet, gibt es für uns keinen Grund zu feiern. Wir wollen uns nicht mit einem kleinen Trostpflaster begnügen.“

Explizit politisch

Die „lesbische Ehe“ ist auch eine der Forderungen des Organisationskomitees der Marcha Lésbica, zu dem LesVoz gehört. Seit vier Jahren organisieren Gruppen und Einzelpersonen eine Demo, die sich von der traditionellen Marcha del Orgullo LGBT vor allem durch politische Inhalte unterscheidet. Während die Pride-Parade, wie vielerorts in Europa und den USA, auch in Mexiko immer kommerzieller wird und politische Forderungen nur noch in der ‚light’ Version serviert, beziehen die Organisatorinnen der Marcha Lésbica dezidiert Stellung. Sie verstehen eine lesbisch-feministische Politik als Bereicherung der sozialen Bewegungen Mexikos. Der sofortige Stopp des Mauerbaus zwischen Mexiko und den USA wird genauso gefordert wie das Recht auf Abtreibung, die Auflösung des Freihandelsabkommens NAFTA und die Einrichtung autonomer Gemeindezentren, die insbesondere Räume für alte lesbische Frauen, behinderte, indigene und jugendliche Frauen schaffen. Wie den meisten Gruppen, die sich in der Marcha Lésbica zusammengeschlossen haben, geht es auch LesVoz um eine Arbeit an der Basis.
Die Organisation, die nicht nur die zweimonatlich erscheinende Zeitschrift publiziert, sondern auch als Beratungsstelle in Rechtsbelangen fungiert, dokumentiert detailliert Fälle von Übergriffen auf lesbische Frauen in Mexiko-Stadt. „Wir wissen, dass die Frauen, die zu uns kommen, nur ein Bruchteil von denen sind, die tagtäglich angegriffen werden. Vor allem bei dem, was sich die Polizei immer wieder leistet, bleibt einem der Atem weg“, berichtet Mariana Pérez Ocaña. Die Berichte von Übergriffen, die regelmäßig in der Zeitschrift abgedruckt werden, sollen zum einen Öffentlichkeit schaffen. Zum andern Frauen, die ähnliches erleben, dazu ermutigen, sich zu wehren und zu denunzieren. In der letzten Ausgabe der Zeitschrift schreibt eine junge Frau darüber, wie sie mit ihrer Freundin am helllichten Tag von einer Polizeistreife festgehalten wurde. „Die beiden haben sich geküsst und die Polizisten haben ihnen Sittenwidrigkeit vorgeworfen und damit gedroht, dass sie schon die Einheit gerufen hätten, die sie auf die Wache bringen würde, wo sie dann 800 Pesos Strafe zu zahlen hätten. Aus Angst haben die beiden dann Bestechungsgeld gezahlt und die Polizisten haben sie laufen lassen.“ Mariana stellt daraufhin klar, dass, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, lesbisch oder schwul zu leben in Mexiko kein Delikt sei. Dennoch, so die Journalistin, fühlten sich viele lesbische Frauen in Bedrohungssituationen so unsicher, dass sie lieber Bestechungsgelder zahlen, als es darauf ankommen zu lassen.

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