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Die verschwundenen Wälder von der Küste

Alle schauen nach Amazonien, wenn es um den Regenwald und dessen Zerstörung geht. Oder um die Waldbrände, die mit der Satellitenfernerkundung in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gelangt sind. Brasilholz wächst jedoch nicht in Amazonien, sondern im Atlantischen Küstenwald, der Mata Atlântica, der bereits zu 93 Prozent abgeholzt ist.
Die Mata Atlântica bedeckte ursprünglich zwischen dem 30. und 6. Grad südlicher Breite einen mehr als 3.000 Kilometer langen Küstenstreifen. Dies entsprach 1,3 Millionen Quadratkilometern oder 15 Prozent der Landesfläche Brasiliens. In dieser Region leben heute 100 Millionen Menschen, das sind zwei Drittel der Bevölkerung Brasiliens. Was heute von der Mata Atlântica übrig ist, gleicht einem Flickenteppich. Die Waldzerstörung ist auch heute noch nicht beendet. Nach Zahlen der Nichtregierungsorganisation SOS Mata Atlântica wurden zwischen 1990 und 1995 jährlich noch alamierende 500 Quadratkilometer gerodet. Die Entwaldungsfront liegt heute in Bahia, wo lange Jahrzehnte der Kakaobaum in den aufgelichteten Urwäldern kultiviert wurde. Aber in den achtziger Jahren sind die Kakaopreise verfallen. Heute werden dort die letzten verwertbaren Stämme gefällt und Viehweiden angelegt.
„Deus é grande, mas o mato é maior“ (Gott ist groß, aber der Wald ist größer) hieß es in Brasilien, als sich die ersten Siedler einer schier undurchdringlichen, grünen Wand gegenüber sahen. Und in Zeiten ohne Motorsäge behalf man sich mit Axt und Feuer, um das Land in Besitz zu nehmen. Unberührte Flächen galten als Niemandsland. Allerdings hatten auch die Indigenen durch ihren Brand-Wanderfeldbau die Wälder schon immer verändert.
In rascher Folge – in Zyklen, wie man in Brasilien sagt – wurden die reichen Waldökosysteme in landwirtschaftliche Produktions- und Siedlungsflächen umgewandelt. Der anfänglichen Ausbeutung des Brasilholzes folgte der Zyklus der Zuckerrohrproduktion. Der Jesuitenpater André Antonil lehrte Anfang des 18. Jahrhunderts, man solle das Kulturhindernis Wald abbrennen, um Flächen für den Zuckerrohranbau zu erhalten. Die Flächen waren unermesslich und man wähnte sich im Paradies. Bei der Gold- und Edelsteinsuche wurden ganze Landstriche umgegraben, was bis heute in Minas Gerais oder der Chapada Diamantina von Bahia noch sichtbar ist. Fruchtbaren, frisch gerodeten Urwaldboden benötigt auch der aus Afrika stammende Kaffeestrauch, der in den Schatten des sich auflösenden Urwalds gepflanzt wurde. Erst mit den Methoden moderner Landwirtschaft, die auf Ertragsmaximierung durch Monokulturen setzt, wurde der Kaffee im Laufe dieses Jahrhunderts auf freie Flächen gesetzt. Zeitzeugen berichten, dass für jeden Hektar Kaffeepflanzung fünf bis zehn Hektar Wald durch unkontrolliertes Abbrennen verloren gingen. Mitte der sechziger Jahre wurden die Kaffeesträucher – staatlich subventioniert – großteils gerodet und zur Viehzucht übergegangen.

Aus Wald- werden Graslandschaften

Damit wurden aus hochkomplexen, arten- und biomassereichen Waldökosystemen Graslandschaften, besser gesagt Graswüsten, die weite Teile des brasilianischen Südostens dominieren. Von Desertifikation spricht man heute in diesen waldlosen Regionen, wo früher über 1.000 Millimeter Regen pro Jahr fielen und sich das Klima dramatisch verändert hat. Es waren Waldökosysteme mit bis zu 2.000 verholzten Arten, was weltweit einzigartig ist, und einer immensen Biomasse (Gewicht der Blatt- und Holzmasse). Sie kann bis zu 400-600 Tonnen je Hektar betragen. Das Gras der Weiden bringt es nur auf ca. 60 Tonnen. 90 Prozent der Biomasse ist also verschwunden, wurde in Asche verwandelt oder genutzt. Vertrieben, gejagt und in die Kochtöpfe gewandert ist auch die reiche Fauna. Praktisch ausgestorben ist das größte Säugetier Südamerikas, das Tapir, und der Jaguar, der 20 Quadratkilometer ungestörtes Revier fürs Überleben braucht.
Gibt es tatsächlich keine Möglichkeit, Bäume in der Landschaft – außerhalb von Naturschutzgebieten – zu bewahren, oder sie sogar in die Landwirtschaft zu integrieren? Lösungsansätze dazu fand der deutsche Forstmann Brandis vor 150 Jahren in Indien. Er entwickelte so genannte Agroforstsysteme, die land- und forstwirtschaftliche Nutzung auf derselben Fläche vereinen. Vor ungefähr 20 Jahren sind diese Ideen nach Brasilien gelangt und werden in der Mata Atlântica von Nichtregierungsorganisationen als eine Alternative nachhaltiger Landnutzung propagiert.
Mit den Agroforstsystemen werden beträchtliche Erfolge erzielt. Sie werden von vielen Kleinbauern und -bäuerinnen angenommen und leisten einen wichtigen Beitrag, das Element Baum wieder in die Landschaft einzufügen. Die Entwicklung und Verbreitung dieser Agroforstsysteme wurde im Atlantischen Küstenwald in den vergangenen Jahren stark vom „Pilotprogramm zur Erhaltung der Tropischen Wälder Brasiliens“ (PPG7) gefördert.

Das Pilotprogramm PPG7

Das Pilotprogramm wurde 1990 vor dem Hintergrund weltweit beängstigender Waldzerstörung und Klimaveränderungen von der deutschen Regierung unter Helmut Kohl auf dem G7-Gipfel in Houston angeregt. Die weltweit größte zusammenhängende Tropenwaldfläche der Amazonasregion und seine Bevölkerung wurde als prioritäres Objekt der Schutz- und Entwicklungsbemühungen auserkoren. Bis heute wurden dem ambitiösen, multilateralen Programm von derzeit acht Geberländern über 350 Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt. Koordiniert wird es vom brasilianischen Umweltministerium und der Weltbank, die selbst keine eigenen Gelder zur Verfügung stellt.
In zähen Verhandlungen gelang es den Nichtregierungsorganisationen aus dem brasilianischen Südosten, auf den desolaten Zustand der Mata Atlântica aufmerksam zu machen, so dass dieser ebenfalls in das Programm aufgenommen wurde. Umgesetzt wird das Programm seit 1995 hauptsächlich von Regierungsorganisationen, die Projekte zur nachhaltigen Waldbewirtschaftung, Forschungsaktivitäten, die Einrichtung von Kautschuksammelgebieten und die Demarkierung von Indigenenreservaten durchführen. Nur 10 Prozent der Mittel fließen an so genannte Demonstrationsprojekte. Diese werden von Nichtregierungsorganisationen durchgeführt, die Modelle alternativer Landnutzung und nachhaltiger Entwicklung der ländlichen Gebiete erproben und verbreiten.
45 Prozent der bis heute dem Pilotprogramm zur Verfügung stehenden Mittel stammen von der deutschen Regierung. Diese hat sich die zivilgesellschaftliche Beteiligung an dem komplexen Programm auf die Fahne geschrieben. So gibt es in Brasilien zwei „Beteiligungsnetzwerke“, wie es im Jargon der Entwicklungszusammenarbeit heißt. Das Mata Atlântica-Netzwerk (Rede Mata Atlântica) repräsentiert über 170 stark im Umweltschutz engagierte Organisationen. Die Arbeitsgruppe Amazonien (Grupo de Trabalho Amazônica) umfasst hingegen über 420 Gruppen, von den Kautschukzapfern und Flussanwohnern, bis zu Indio-Organisationen und Landarbeitergewerkschaften. Auf deutscher Seite hat sich 1998 das Tropenwaldnetzwerk Brasilien formiert, das derzeit aus 20 Nichtregierungsorganisationen besteht.
Fünf Jahre nach Beginn des Pilotprogramms macht sich angesichts der hohen Zielsetzungen Ernüchterung breit. Die Waldzerstörung konnte nicht signifikant verringert werden, weder in Amazonien noch in der Mata Atlântica. Das Umweltministerium ist politisch schwach. Es hat wenig Einfluss auf Entwicklungsprogramme und umweltzerstörerische wirtschaftliche Aktivitäten in den abgelegenen Projektgebieten, mit oft am Rande der Legalität handelnden Landesregierungen und Großgrundbesitzern. Mehrere Programmteile haben erst nach großer Verzögerung begonnen oder sich in den schier undurchdringlichen Regelwerken ministerialer Bürokratien Brasiliens und der Geberländer verheddert. Derzeit wird das Pilotprogramm eifrig evaluiert und reorganisiert. Und man versucht, die Anfangserwartungen eines Rückgangs der Entwaldungsraten zu dämpfen oder als Ziel des Programms in Frage zu stellen.
Damit bleibt für die Mata Atlântica und die Menschen, die in und von ihr leben, nur zu hoffen, dass sich die Beobachtung von François R. Vicomte Chateaubriand, einem französischen Staatsmann um 1800, nicht bewahrheitet: „Wälder gehen den Menschen voran, Wüsten folgen ihnen“.

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Die Aktivitäten der über 70 Mitgliedsgruppen des Netzwerks erstrecken sich von Öffentlichkeitsarbeit über direkte politische Einflussnahme bis zur Unterstützung von Projekten. Das Spektrum der Mitglieder umfasst gewerkschaftlich, kirchlich, studentisch, ökologisch, menschenrechtlich und entwicklungspolitisch orientierte Gruppen. Deren Partner in Brasilien setzen sich aus Basisgemeinden, städtischen und ländlichen Gewerkschaften, Kooperativen, städtischen Bürgerbewegungen, Straßenkinderinitiativen, Frauengruppen, Menschenrechtsorganisationen, Kirchengemeinden, Ökologiegruppen, der Landlosenbewegung usw., sowie ihnen nahestehenden Organisationen zusammen.
Aufgabe von KoBra ist es, den Ideen- und Informationsaustausch zwischen den einzelnen Mitgliedsgruppen zu fördern und die Basis für eine gemeinsame Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit zu schaffen. Die Vernetzung dient dazu, die lokale Arbeit der Gruppen zu unterstützen, durch koordinierte Aktionen den öffentlichen Einfluss zu stärken und eine bundesweite Vertretung nach außen zu schaffen. Außerdem ist KoBra in der europaweiten Vernetzung der Brasiliensolidarität aktiv.
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