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Die Welt als gigantische Talkshow

In Ihrem Roman El temperamento melancólico stellt ein in Mexiko ansässiger deutscher Regisseur den Protagonisten dar. Der erste Teil Ihrer Romantrilogie über das 20. Jahrhundert, En busca de Klingsor, spielt in Nazideutschland. Und jetzt schreiben Sie an dem dritten Teil Ihrer Trilogie, in dem unter anderem der Mauerfall in Berlin thematisiert wird. Woher kommt dieses Interesse für Deutschland?

Das ist wirklich sonderbar, denn es wurde durch nichts Konkretes angetrieben: Meine Familie kommt ursprünglich aus Italien, mein Vater ist frankophil, ich selbst spreche französisch und italienisch, aber nicht deutsch. Aber vielleicht interessiere ich mich gerade deswegen seit meiner Kindheit für die deutsche Welt, die eine spezielle Faszination in mir ausgelöst hat. Selbstverständlich fasziniert mich die deutsche Philosophie, die mir sehr wichtig ist, und die deutsche Musik. Ich glaube, daher kommt die Faszination hauptsächlich. Dann aber auch durch das Kino. Und wie Deutschland wesentlich die Geschichte des 20. Jahrhunderts geprägt hat: mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg und später auch durch den Fall der Mauer in Berlin als symbolisches Ende des Kalten Krieges.
Literatur- oder Künstlergruppen, die sich während ihrer Jugend durch gemeinsame Ideale oder Ziele stark verbunden fühlten, haben sich oftmals im Laufe der Zeit getrennt, um ihren eigenen Wegen nachzugehen. Wie beschreiben Sie die Entwicklung der Mitglieder des Crack?
Einerseits sind wir sehr gut befreundet; wir sehen uns so oft wir können, tauschen unsere Bücher untereinander aus und haben weiterhin gemeinsame Projekte. Unser neuestes Projekt ist eine Zeitschrift, die im November 2005 zum ersten Mal in Mexiko kursierte.

Wie heißt diese Zeitschrift?

Revuelta. Andererseits ist es auch wahr, dass wir als junge Leute viel programmatischere Ideen hatten. Jetzt ist das nicht mehr so, jeder geht seinen eigenen literarischen Weg, jeder beharrt auf seinen eigenen Obsessionen. Und das führt dazu, dass wir uns als Schriftsteller immer weiter im Stil voneinander entfernen.
Viele mexikanische Schriftsteller haben parallel zu ihrer literarischen Laufbahn diplomatische Ämter ausgeübt, wie beispielsweise Carlos Fuentes, Octavio Paz, Sergio Pitol oder Juan Villoro. Bedeutete Ihre Arbeit als Diplomat in Frankreich für Sie ein Hindernis in der Entwicklung Ihrer literarischen Laufbahn oder würden Sie diese Erfahrung eher als bereichernd für Ihre Ausübung als Erzähler bezeichnen?
Vor allem bin ich kein Diplomat im strengen Sinne, so wie auch die Mehrheit der anderen Autoren, die Sie erwähnten. Pitol schon, die anderen nicht. In der mexikanischen Tradition kommt es vor, dass ein diplomatischer Posten an dich herangetragen wird, und dann entscheidest du dich dafür oder dagegen. Natürlich erschwerte mein Aufenthalt in Paris meine Arbeit als Schriftsteller in dem Sinne, dass ich sehr viel Zeit in Arbeiten für die Botschaft investiert habe. Doch es war eine außergewöhnliche Erfahrung, die ich absolut nicht bereue. Danach habe ich mein Diplomatendasein beendet – jetzt kombiniere ich nur noch die Arbeit als Professor mit der des Schriftstellers.

Einen Großteil Ihrer essayistischen und literarischen Arbeit haben Sie Intellektuellen innerhalb von Machtstrukturen gewidmet. Glauben Sie, dass die angehende mexikanische Demokratie eine größere Unabhängigkeit der Intellektuellen von den Machthabern gefördert hat?

Früher waren die Anhänger der PRI (Partei der institutionalisierten Revolution) besessen von den Intellektuellen und die Intellektuellen von den Machthabern. Als im Jahr 2000 Vicente Fox Präsident wurde, waren die Intellektuellen immer noch von der Macht besessen, doch die Machthaber hatten das Interesse an den Intellektuellen verloren. Dieser Umstand hat ein sehr eigentümliches Phänomen hervorgerufen: Die Schriftsteller fühlten sich in diesem demokratischen Zeitalter in gewisser Weise schutzlos, da sie stark an Bedeutung für die Mächtigen eingebüßt hatten. Durch diese Situation kam es zu einer Veränderung: Viele der Schriftsteller, die sich zuvor den Mächtigen genähert hatten, näherten sich nun der anderen wichtigen Macht an, nämlich der ökonomischen. Das hat sich bis heute im gegenwärtigen Mexiko in großem Maße fortgesetzt. Andere versuchen einfach, sich dem Kritikerkonzert oder den Stimmen gegen die Mächtigen anzuschließen.

Denken Sie, dass die intellektuelle Erschlaffung, die Sie in ihrem Essay Política y literatura als ein mit dem Jahr 1968 beginnendes Phänomen beschreiben, immer noch existiert?

Ich glaube, sie existiert in dem Sinne, dass die öffentliche Diskussion an Niveau verloren hat. Auch deswegen, weil es jetzt sehr viel einfacher ist, in jedem x-beliebigen Kommunikationsmedium offen Kritik zu äußern. Diese Erschlaffung hat vielleicht damit zu tun, dass die intellektuelle Diskussion immer banaler wird. Heutzutage äußert jeder zu allem seine Meinung. Im Fernsehen und in den anderen Medien urteilt die ganze Welt, nicht mehr nur die Intellektuellen, sondern wirklich jeder: Das ist die Demokratisierung der Meinung, aber zugleich auch der Verlust der Relevanz dieser Meinung. So als befänden wir uns in einer gigantischen Talkshow.

Welchen Intellektuellen fühlen Sie sich persönlich am nächsten?

Von den mexikanischen Intellektuellen, die ich bewundere, ist mein Vorbild ganz selbstverständlich Carlos Monsiváis.

In Ihrem Buch La guerra y las palabras erwähnen Sie, dass Subcomandante Marcos, „der erste Revolutionär, der lachen kann”, gleichermaßen ein Mann der Aktion und ein Mann der Ideen und Wörter sei, der es verstanden habe, die Sympathie und Unterstützung zahlreicher Intellektueller weltweit zu gewinnen. Dennoch schreiben Sie, dass er seit 2002 etwas an Orientierung verloren hat. Glauben Sie, dass Marcos erneut eine wichtige Rolle in den Medien spielen wird, nachdem er dieses Jahr sein langes Schweigen gebrochen hat und die Wahlen näher rücken?

Ich habe den Moment von Marcos’ Wiederauftauchen in diesem Jahr als sehr wichtig empfunden. Als er wiederholte, dass sich die zapatistische Bewegung in eine bloße zivile und politische Organisation verwandeln würde. Das erschien mir wesentlich für das Fortbestehen der Bewegung. Diese Idee der von Marcos so genannten „anderen Kampagne“, die nächstes Jahr parallel zu den Präsidentschaftskampagnen beginnen wird. Aber das Wichtigste ist seine radikale linke Kritik, die sehr viel linker ist als die von López Obrador, der wahrscheinlich die nächsten Wahlen gewinnen wird. Das erscheint mir als sehr gesund. Wir werden sehen, ob es wahr ist. Nachdem Marcos vor einigen Monaten mit dieser Idee an die Öffentlichkeit getreten ist, ist er inmitten der Aufruhr um die Vorkampagnen zur Wahl schon wieder in Vergessenheit geraten.

Können Sie sich vorstellen, dass auch in Europa eine Figur wie Marcos auftauchen und den Enthusiasmus der Intellektuellen sowie der verschiedensten Bereiche der Gesellschaft wecken könnte?

Ich glaube das ist sehr unwahrscheinlich. Ein Teil der Faszination, die Marcos ausgelöst hat, hat damit zu tun, dass die Intellektuellen in Europa in ihm wieder den exotischen Guerillero der Dritten Welt sahen. Ich denke, die Existenz eines ähnlichen Vorbildes in Europa wäre sehr schwierig, obwohl es immer noch schreckliche Probleme der Ungleichheit gibt, wie wir sie jetzt in Frankreich sehen.

Der fehlgeschlagene und schmutzige Versuch von Vicente Fox López Obrador seine Zuständigkeiten zu entziehen, hat uns gezeigt, dass die angehende mexikanische Demokratie noch nicht sehr solide ist. Würde die Präsidentschaft von López Obrador eine Festigung der mexikanischen Demokratie bedeuten – und damit eine Durchsetzung des von Ihnen so genannten „Geistes von Tlatelolco“?

Wenn die Linke die Wahlen nächstes Jahr gewinnt, hoffe ich, dass sich die Festigung der Demokratie verwirklicht. López Obrador ist ein guter Kandidat, aber ohne Zweifel ist er auch einer populistischen und autoritären Versuchung ausgesetzt, die direkt vom PRI-ismus herrührt, aus dem er hervorgegangen ist. Ich glaube, es ist eher die Aufgabe der Zivilgesellschaft, López Obrador zu mäßigen und ihn zu einem authentischen Demokraten zu machen, als seine eigene. Als solcher könnte er versuchen, sich der anderen Probleme Mexikos anzunehmen. Probleme, die nicht mehr nur mit der Demokratie im Wahlprozess in Verbindung stehen, sondern mit der Demokratie als Lebensform. Besonders in Bezug auf die enormen Probleme der Ungleichheit, die in unserem Staat weiterhin existieren.

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