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Drei Schicksale auf dem Rücken der Welt

El Niño

Die erste Episode el niño (das Kind) erzählt die Geschichte von Guinder, einem elfjährigen peruanischen Jungen, der wie viele seiner Altersgenossen von früh bis spät in härtester Knochenarbeit Steine aus einem Steinbruch herrausschlagen muss, die später in Lima verkauft werden. Auf diese Weise trägt Guinder zu dem minimalen Einkommen seiner Familie bei. Guinder und seine Freunde wissen, dass sie auch ihr späteres Leben als Erwachsene mit dieser harten Arbeit zubringen werden und doch gibt es für sie einen entscheidenden Unterschied zwischen Kindheit und dem Erwachsensein: Spielen, das werden sie als Erwachsene nicht mehr können. Wenn sie nach dem Mittagessen, das ihnen von einer Mutter an den Arbeitsplatz gebracht wird, mit kleinen Steinen auf die gierig ausgeschlürfte Limonadenflasche zielen, lässt sie das offensichtlich ihre schwere Alltagslast vergessen und einfach bloß Kinder sein.
Der Drache aus Papier, der in der Anfangsszene über dem Szenario des Steinbruchs und der großen Stadt Lima schwebt, ist ein sehr eindrucksvolles Bild und wurde auf den ausdrücklichen Wunsch von Guinder in den Film einbezogen. In fast jeder Kindheit liegt so etwas wie Hoffnung und eine besondere Art von Glücksempfinden. Wenn Guinder den Alltag in der kärglichen Hütte im Slum Carabayllo beschreibt, in der die Familie täglich zusammen ist und wo die Kinder in Gesprächen viel über die Welt lernen, dann macht das nicht den Eindruck eines in Armut und Hoffnungslosigkeit versunkenen Lebens. „Wenn ich groß bin, dann möchte ich Buchhalter werden,“ sagt Guinder und zumindest für ihn, wie für einige seiner Freunde, liegt diese Perspektive durch den Film nicht mehr in unerreichbarer Ferne. Durch Unterstützung aus den Einnahmen des Films, sowie Spenden des Publikums, konnte ihm eine Ausbildung an einer der besten Schulen Perus ermöglicht werden. Einer seiner Freunde wurde auf der Leinwand von einem Fußballtrainer entdeckt und wird nun zum professionellen Fußballspieler ausgebildet. Auch wenn man sich natürlich fragt, wie viele unentdeckte Möglichkeiten in all den Kindern stecken, die in Peru und anderswo auf der Straße leben oder unter härtesten Bedingungen arbeiten müssen, hat der Film zumindest ein paar Kindern ganz konkret zu ihrem Recht auf Kindheit und einem ihnen entsprechenden Leben verholfen.

La Palabra

Die zweite Episode des Films la palabra (das Wort) zeigt den kurdischen Politiker und Schriftsteller Mehdi Zana in seinem schwedischen Exil. Dieser Abschnitt des Films ist eigentlich seiner Frau Leyla gewidmet, die zu 15 Jahren Haft verurteilt in Ankara im Gefängnis sitzt. Sie hatte sich als erste weibliche Abgeordnete für das friedliche Zusammenleben von Kurden und Türken in ihrem Dorf eingesetzt. Auch die Dorfbewohner und Familienangehörigen Leylas kommen in dem Film zu Wort. In Schluss- und Anfangsszene der Episode la palabra sprechen zwei verschleierte kurdische Frauen vor dem Hintergrund einer Wüste Leyla ihre Solidarität aus: „Und auch wenn sie noch 100 Jahre im Gefängnis sitzt – dann wird sie noch 100 Jahre lang UNSERE Abgeordnete sein!“
Von den 20 Jahren ihrer Ehe haben Mehdi und Leyla gerade mal fünf Jahre zusammen verbringen können, weil immer einer der beiden im Gefängnis saß. Ihre Kinder leben in Frankreich, und Mehdi in Stockholm sehnt sich nach Kurdistan und danach, mit ihnen und Leyla zusammen zu sein.
Es gibt auch heitere Momente in Mehdis Leben, die im Film dargestellt werden. Wenn Mehdi im Supermarkt einkauft, um seine Kinder, die zu Besuch kommen, mit einem echt kurdischen Mahl begrüßen zu können, ist er sehr glücklich und nutzt gleichzeitig die Gelegenheit, sich über die sterile westliche Gesellschaft lustig zu machen: „Die Petersilie in Schweden riecht nach gar nichts.“ Eine der stärksten Szenen des Films, die auch nur auf dem hartnäckigen Beharren Mehdis überhaupt gedreht wurde und das Drehteam in mittlere Schwierigkeiten stürzte, da es dazu den gesamten Supermarkt mieten musste.

La Vida

In der dritten und letzten Episode von La espalda del mundo ist von dieser Lebhaftigkeit nichts mehr übrig. Sie gehört Thomas Miller-El, der seit 1986 in Texas in der Todeszelle seiner für den 21. Februar 2001 angesetzten Hinrichtung harrt und auf Grund internationaler Proteste einer Reihe von Bürgerinitiativen, Filmfestivals, sowie amnesty international, inzwischen schon zehn Hinrichtungstermine überlebt hat. „Wenn sie dir erst mal einen Hinrichtungstermin gegeben haben, … dann können deine Gedanken nicht mehr über diesen Termin hinausgehen. Glaubt mir, ein einziger reicht für das Ganze Leben.“ Einen Tag vor dem Interview mit Thomas Miller-El für La espalda del mundo und nur zwei Tage nach den Präsidentschaftswahlen in den USA, wurde Thomas’ Freund und Zellennachbar exekutiert. In seinem Falle war die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit nicht groß genug, um das Schlimmste zu verhindern.
Die bisherige Rezeptionsgeschichte von La espalda del mundo zeigt aber auch, dass es nicht immer einfach ist, das Interesse einer breiten Öffentlichkeit auf sich zu lenken. Jedenfalls dann nicht, wenn es sich um so brisante Themen wie Menschenrechte geht und auch dann nicht, wenn diese Themen wie in La espalda del mundo künstlerisch sehr anspruchsvoll dargeboten werden. In seinem Herkunftsland Spanien wurde er auf dem internationalen Filmfestival in San Sebastian zwar mit wichtigen Preisen ausgezeichnet, in Deutschland zum Beispiel war er aber nur drei Mal unter Anwesenheit des Regisseurs im Iberoamerikanischen Institut und der Filmbühne am Steinplatz in Berlin zu sehen, und wurde von Presse und Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Das ist wirklich sehr schade, denn wer Corcueras bisherige Produktionen kennt – die bekannteste und wichtigste ist Chiapas – hablan los rebeldes – dem dürfte dieser Name schon als Indikator für das Zusammenwirken von ästhetischer Professionalität und Engagement gelten. Der Film La espalda del mundo entstand in Teamarbeit mit dem Produzenten Elías Querejeta und dem Drehbuchautor Fernando León. Es ist ein Film, der durch Themen- und Personenwahl sowie durch seine Bilder tief berührt und die eigenen Gedanken nicht mehr so schnell freilässt

Weitere Informationen über das Produktionsteam, internationale Presserezeptionen und Hintergrundinformationen zur Entstehungsgeschichte des Films unter www.laespaldadelmundo.com. Die Kontaktadresse eines Unterstützungsprojektes für den Slum Carabayllo ist imagene@terra.com.pe.

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