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Ein Blick durch die Augen des Ertrinkenden

Er brauche zum Schreiben die Unermesslichkeit, sagt der argentinische Schriftsteller Eduardo Belgrano Rawson, was man ihm sofort glaubt, wenn er mit leuchtenden Augen von den Windverhältnissen am Südende Lateinamerikas erzählt. Dort, wo die Stürme aufeinander treffen, die sich über zwei Ozeanen zusammengebraut haben, da endet die Möglichkeit des Menschen, zu tun, was er will. Und genau dort ist die Wortgewalt dieses Autors am größten.
Schiffbruch der Sterne erschien erstmals 1979, zur finstersten Zeit der südamerikanischen Militärdiktaturen. Eine Gruppe halb verrückter Seeleute bricht auf, um in einem überalterten Segelschiff Kap Hoorn zu umfahren und an die chilenische Küste zu gelangen. Der Roman spielt 1932, als Dampfschiffe längst in den letzten Winkel der Erde vorgedrungen sind. Der Titel deutet es an: Die anachronistische Fahrt endet in der Katastrophe, nur einer wird sie überleben. Vorab zieht Belgrano Rawson jedoch alle Register dramatischen Erzählens – von den traumatischen Kindheitserlebnissen des Kapitäns über die Stürme in der Magellanstraße bis hin zu einem Seefahrer, der nach langer Irrfahrt in einem Ruderboot schließlich kentert und dessen Absinken ins Meer beschrieben ist, als würde er noch leben. All dies fügt er zu einem großen Ganzen zusammen, das einem schlicht den Atem nimmt.
Auch In Feuerland, erstmals 1991 erschienen, spart nicht an Dramatik (wenn auch, verglichen mit Schiffbruch der Sterne, etwas an erzählerischer Stringenz): Geschildert wird das Ende einer Gruppe von Feuerland-Indígenas, die am Beginn des 20. Jahrhunderts dem kolonisatorischen Ansturm britischer Schafzüchter nicht gewachsen sind. Ohne jedes kulturelle Verständnis der einen für die andere Seite, mit völlig ungleich verteilten Gewaltmitteln, treibt die Handlung auf den unvermeidlichen Massenmord zu – unvermeidlich, sofern nicht die Eindringlinge freiwillig auf Land, Macht und Beute verzichten, was hier, wie auch sonst, nicht geschieht.
Beide Romane sind auf die argentinische Militärdiktatur hin gedeutet worden: Schiffbruch der Sterne als quijotesk-verzweifelter Versuch, auf der Flucht vor dem Regime wenn schon nicht die Ideale, so doch wenigstens die eigene Haut zu retten, In Feuerland als Parabel auf den Mord an den Diktaturgegnern. In beiden Büchern ist diese Interpretation zwar nicht explizit angelegt, aber doch sinnvoll – jedoch keineswegs erschöpfend. Die Handlungen sind universell und ohne den historischen Hintergrund lesbar. Außerhalb Argentiniens ist Belgrano Rawson viel zu lange unterschätzt worden, wohl weil die von ihm bevorzugten Regionen und Figuren die gewohnten Wege tropischer Generäle und magischer Mütter gar nicht erst eingeschlagen haben. Dem Chilenen Francisco Coloane entfernt verwandt, britischen Seefahrergeschichten verpflichtet, passt er nicht zu den Erwartungen, die man an lateinamerikanische Romane hat. Umso mehr lohnt die Entdeckung.

Eduardo Belgrano Rawson: Schiffbruch der Sterne. Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen. C.H.Beck Verlag, München 2001, 215 Seiten, 19,50 Euro (als Taschenbuch im Berliner Taschenbuchverlag, Berlin 2003, 8,90 Euro).
Eduardo Belgrano Rawson: In Feuerland. Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen. C.H.Beck Verlag, München 2003, 240 Seiten, 18,90 Euro.

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